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Pascal seit 15 Jahren vermisst: Stadt Saarbrücken wehrt sich weiter gegen Gedenkstein

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Es war der 30. September 2001, an dem der damals fünf Jahre alte Pascal Zimmer aus dem Saarbrücker Stadtteil Burbach spurlos verschwindet. Ein schöner Herbsttag, mit knapp über 20 Grad überdurchschnittlich warm. Zuletzt gesehen wird der Junge auf einem Oktoberfest in dem sozial schwachen Stadtteil. Großangelegte Suchaktionen bis über die nahegelegene französische Grenze hinweg bleiben erfolglos. 2002 kommt die Kneipe "Tosa-Klause" ins Spiel. Kinder sollen im Hinterzimmer missbraucht worden sein. 2004 beginnt der Prozess, 147 Verhandlungstage ohne Leiche. 2007 das Urteil: Freispruch für alle Angeklagten, inklusive der Wirtin der Absteige. Die Revision der Staatsanwaltschaft wird vom Bundesgerichtshof zurückgewiesen. Viele Fragen sind bis heute offen.

OB Charlotte Britz: "Gedenkstein zu privat"

Vor über vier Jahren fertigte der Steinmetz und Bildhauer Bruno Harich einen "Gedenkstein des Vergessens" an. Ein Freund Pascals, der ebenfalls missbraucht worden war, meißelte unter Anleitung des Künstlers einen Brief an Pascal in den afrikanischen Quarzit. Das Mahnmal soll aber nicht nur an den Saarbrücker Jungen erinnern, sondern an alle misshandelten und vermissten Kinder.

2012 übergab Harich den Stein Johannes Heibel, Vorsitzender der "Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen". Und seit damals wehrt sich die Stadt Saarbrücken mit Händen und Füßen, einen öffentlichen Platz für den Stein zur Verfügung zu stellen.
Bezirksbürgermeister Claus Theres (SPD) hielt es schon vor der Fertigstellung des Steins "total falsch", ihn aufzustellen. Es sei zwar wichtig, gegen sexuellen Missbrauch vorzugehen, man dürfe das aber nicht mit Burbach in Verbindung bringen.
Für die Saarbrücker Oberbürgermeisterin Charlotte Britz ist der Gedenkstein "zu privat", wie sie den Initiatoren wissen ließ. Von "privat" kann allerdings keine Rede sein, denn das Verschwinden des kleinen Pascal bewegte ganz Deutschland und lässt immer noch Wut aufkommen und Unverständnis für Politiker, die mit der Thematik offenbar nicht in Berührung kommen wollen. Sexueller Missbrauch von Kindern ist nicht privat, er ist allgegenwärtig und geht alle an.

Angesichts der Tatsache, dass Britz aus dem Sozialwesen kommt, als Erzieherin, in der therapeutischen Schülerhilfe und im Frauenhaus gearbeitet hat, ist die Einstellung der Oberbürgermeisterin besonders unverständlich.

Der Politiker seltsame Wahrheit

Bei dem Stein in Form einer Stele geht es auch nicht um die vermeintliche Ermordung Pascals, die ja bis heute nicht nachgewiesen werden konnte. Es geht um Missbrauch. Theres sagte 2011 auch, dass das Gericht für sexuellen keine Beweise gefunden habe. Dass ein Missbrauch nicht bewiesen sei, der Meinung ist auch Charlotte Britz. Das stimmt nicht. Denn 2003 wurde der geistig zurückgebliebene Peter S. nach seinem Geständnis, Pascal und einen weiteren Jungen in der "Tosa-Klause" sexuell missbraucht zu haben, in einem abgetrennten Verfahren zu sieben Jahren Freiheitsstrafe und anschließender Unterbringung in der Psychiatrie verurteilt. Er ist heute noch in der Saarländischen Klinik für Forensische Psychiatrie in Herzig untergebracht.

Im Umkehrschluss muss die Frage erlaubt sein, ob die Politiker gar die Gerichtsbarkeit eines deutschen Gerichtes anzweifeln. Und wenn sie der Meinung sind, dass die Kinder von Peter S. nicht missbraucht worden sind und dafür vielleicht sogar Beweise haben, warum gehen sie mit ihrer Vermutung nicht zur Staatsanwaltschaft und versuchen, Peter S. aus der Klinik zu holen? Fragen über Fragen.

Initiative sucht Privatgründe für Wanderstein

Die Saarbrücker Politiker möchten aus nahezu unbegreiflichen Gründen von dem Gedenkstein nach wie vor nichts wissen. Laut einer nichtrepräsentativen Umfrage der Initiative ist ein überwiegender Teil der Burbacher für eine Platzierung des Gedenksteines in ihrem Stadtteil. Denn Vergessen kann das Schicksal Pascals ohnehin niemand.
Johannes Heibel und seine Initiative haben sich inzwischen dazu entschieden, aus dem "Gedenkstein gegen das Vergessen" einen Wanderstein zu machen. Die Initiatoren suchen dafür Privatgrundbesitzer in Saarbrücken-Burbach, die eine Ecke ihres Grundstücks für das Mahnmal zur Verfügung stellen möchten. "Das ist sicherlich noch wirkungsvoller, als wenn der Stein einen festen, öffentlichen Platz hätte.", so Heibel. Wer helfen will, kann sich direkt an Johannes Heibel wenden. Kontakt zu Menschen, die sich gegen Missbrauch von Kindern engagieren, kann auch über die Facebook-Seite "Pascal Zimmer - Gegen das Vergessen" aufgenommen werden.

Im September jährt sich das Verschwinden Pascals zum 15. Mal. Für den 30. sind knapp über 20 Grad vorhergesagt, wie vor 15 Jahren wird es ein sonniger Tag und die Burbacher feiern wieder ihr Oktoberfest.

Auf der Stele ist folgende Inschrift zu lesen:

"Lieber Pascal, wir beide waren noch so klein, als wir das Allerschlimmste, den Missbrauch an uns Kindern, erleben mussten. Jetzt lebe ich mit diesen schmerzhaften Erinnerungen, die mich nicht loslassen wollen - und du bist nicht mehr da. Ich bewahre dich in meinem Herzen, dein Freund B. M."

Über den Autor
Michi Jo Standl ist freier Journalist. In der Huffington Post bloggt er zu verschiedenen Themen, wie Kriminalität und Extremismus. Manchmal äußert er sich auch zu aktuellen Medienthemen. Die Inhalte der Artikel müssen sich nicht mit den Meinungen der Medien decken, für die er arbeitet. Michi Jo Standl bei Facebook.

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