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Inklusion dürfte es nicht geben

24/04/2017 10:39 CEST | Aktualisiert 24/04/2017 10:44 CEST

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Was haben Volksverräter, Sozialtourismus, notleidende Banken und die Ich-AG gemeinsam? Alle waren irgendwann einmal "Unwort des Jahres". Doch eines wurde noch nie als solches gefeiert: Inklusion. Wenn man die Bedeutung des "politischen Kampfbegriffes" genau betrachtet, merkt man schnell: Das Wort bräuchte niemand, wenn Menschlichkeit im Verständnis eines jeden Menschen ihren festen Platz hätte. Inklusion von Menschen mit Handicap ist nur notwendig, weil es irgendwann einmal zur Exklusion gekommen war - zum Ausschluss. Die vermeintliche Abnorm ist genauso künstlich wie das Wort "Inklusion".

Inklusion wird politisch hin und her gezerrt, nach allen Seiten, nach oben und unten. Was vergessen wird: Jeder Mensch ist ohnehin gleich oder sollte es sein. Mit endlosen Debatten und Politikern, die das Thema nur mit den sinnbildlichen Samthandschuhen anfassen, kommt man nicht weiter. Echte Inklusion, die zweifelsfrei notwendig ist, weil ja einst exkludiert worden war, spielt sich aber im Kopf ab.

Ist und soll

Es geht langsam voran in Deutschland. Bahnhöfe werden nach und nach rollstuhlgerecht, Bushaltestellen bekommen Leitsysteme für blinde und gehörlose Menschen. Das Bundes-Teilhabe-Gesetz wurde vergangenes Jahr über die Bundesrepublik wie ein Mantel des guten Gewissens ausgebreitet. Das „Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen" der Vereinten Nationen ist übrigens erst seit 2008 in Kraft - die späte Erkenntnis, dass Menschen mit Benachteiligung Rechte haben. Erst wenn es der Inklusionsgedanke kein Gedanke mehr ist, sondern eine Selbstverständlichkeit ist die Kluft zwischen Ist und Soll geschlossen. Das schafft man aber nicht nur mit Gesetzen und Konventionen. Das erreicht man nur mit logischem Denken. Denn Mensch ist Mensch.

Parallelgesellschaften

Abseits der Politik gibt es Menschen, die nicht nur "Inklusion" sagen, sondern für die der Inklusionsgedanke selbstverständlich ist. So ein Mensch ist der Saarländer Dirk Dohm. Er ist seit seinem 11. Lebensjahr Karateka. Die Kampfkunst füllt bis heute sein Leben aus. Ein Erlebnis bei einem Wettkampf vor einigen Jahren ließ die Offenheit gegenüber vermeintlich Anderem in seinem Kopf ankommen. Der Weg für IKKAIDO war geebnet - inklusive Kampfkunst. Das Kunstwort steht nicht für eine eigene Sportart. Es ist mehr eine Philosophie. IKKAIDO bringt Menschen mit und ohne Handicap gemeinsam auf die Kampfkunstmatte. Jeder Sportler setzt die Kniffe ein, die ihm mit seiner Benachteiligung möglich sind. Sie kämpfen nicht gegeneinander, sondern miteinander. Für Dirk Dohm ist das der springende Punkt des inklusiven Sportgeistes.

IKKAIDO setzt sich aus "I" für Inklusion und den chinesischen Wörtern "Kai" und "Do" für "offen" und "Weg" zusammen. Ein offener Weg zu konsequenter Inklusion. Dohm: „Sport ist eines der wichtigsten Instrumente für echte Inklusion." Im saarländischen Verein Hayashi Karatecenter e.V. - Karate ohne Grenzen - wird echte Inklusion gelebt. Die Parallelgesellschaften sind nicht Menschen mit und ohne Benachteiligung, sondern Menschen, die verstanden haben, worum es geht, und die Politik. Denn von dieser erfährt der Verein keinerlei Unterstützung, im Gegenteil.

2013 gründete Dirk Dohm gemeinsam mit dem Briten Ray Sweeney den IKKAIDO-Weltverband, dem mittlerweile 109 Nationen angehören. Sweeney ist Präsident und Dohm Vizepräsident. Inzwischen sind 109 Nationen Mitglied. Der Saarländer ist auch Präsident des Bundesfachverbandes IKKAIDO Deutschland, dem mittlerweile schon 17.000 Mitglieder mit und ohne Handicap angehören. Im Saarland entstand Großes, das ständig weiterentwickelt wird. Die Öffentlichkeit bekommt allerdings weitgehend nichts mit. Deshalb fehlt es auch an Sponsoren.

Inklusion muss auf der politischen Bühne bleiben, um etwa die Mobilität von Menschen mit Handicap nicht aus den Augen zu verlieren. Doch noch wichtiger ist das Ziel, echte Inklusion im Verständnis aller fest zu verankern. Erst wenn man das Wort "Inklusion" nicht mehr braucht, ist das Ziel erreicht.

Alle Informationen zu IKKAIDO gibt es auf www.ikkaido.de, auf der Facebook-Seite des Bundesfachverbandes IKKAIDO Deutschland e.V. und auf der Facebook-Seite des Vereins Hayashi Karatecenter e.V.

"Leider sind - wie immer - nicht die da, die ich gerne da hätte."

Dirk Dohm beim Sakura-Inklusionsfest des Hayashi Karatecenter e.V. im April zum mangelnden Interesse saarländischer Lokalpolitiker an echter Inklusion.

Dohms Ziel ist, dass Gleichheit irgendwann soweit in allen Köpfen angekommen ist, dass man nicht mehr merkt, wenn ein Mensch eine Benachteiligung hat. In seinem Verein ist das bereits heute der Fall.

Infos zum Autor:

www.standl.eu und Michi Jo Standl in Facebook.

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