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Glööckler, eine Kirche und der Shitstorm - eine Weihnachtsgeschichte

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Bildquellen: BILD Saarland / Facebook

Wie ein harmloser BILD-Artikel die Hater zur Höchstform auflaufen lässt

Hater und Trolle fallen vor allem über politische Themen her - und wenn es um Flüchtlinge geht. Doch jetzt das! Die BILD Saarland berichtet, dass Modedesigner Harald Glööckler nach Saarbrücken kommt. Nicht etwa um eine neue Kollektion vorzustellen. Er tritt Ende November in der Ludwigskirche auf. In dem evangelischen Gotteshaus an der Saar wird er die Weihnachtsgeschichte interpretieren und über seinen Bezug zum Fest sprechen, musikalisch begleitet von Kathy Kelly ("Kelly Family") und Jay Alexander ("Marshall & Alexander"). Ein schlichter, wertfreier Veranstaltungshinweis.

BILD Saarland-Chefreporter Ralph Stanger höchstpersönlich postete den Artikel in einer privat initiierten Facebook-Gruppe namens „Saarland Info" (rund 15.000 Mitglieder). Aus journalistischer Sicht gut. Reaktionen sind bei Glööckler vorprogrammiert. Der gebürtige Schwabe polarisiert. Für Menschen mit nur ein bisschen Empathie sorgen die Kommentare, die folgten, allerdings für Kopfschütteln.

Ein User mutmaßt, dass "die Menschheit verblödet". Mehrere Gleichgesinnte teilten mit, dass sie für "den niemals Geld ausgeben würden". Verständlich, ist ja auch Geschmacksache. Jeder kann hingehen, keiner muss. Heftiger reagierten andere. Ein Saarländer sieht in Harald Glööckler ein "Aschgesicht", eine Saarländerin meint, dass "es eine Schande sei, dass Glööckler überhaupt in die Kirche rein darf." "Brechreize" - verbal und bildlich - blieben auch nicht aus.

Homophobe Ansätze fehlten natürlich ebenfalls nicht. So schreibt ein User: "Rock Hudson und Freddy Mercury werden durch ihren Erlösertod als neue Heilande gefeiert im Paralleluniversum dieser Szene". Auch nach fünfmaligem Lesen dieses Kommentars ist der Bezug zum Auftritt Glööcklers in Saarbrücken nicht nachzuvollziehen. Eine Userin bringt gleich Gott ins Spiel. Sie beruft sich darauf, dass eine Kirche das Haus Gottes sei und dort auch dessen Regeln gelten würden. Glaubenssache. Doch der Böörner: Die Regeln seien "das exakte Gegenteil von wirklich allem, für wofür Herr Glööckler steht", glaubt sie zu wissen.

Der meint das ernst

In einem Kommentar auf der Facebook-Seite der BILD Saarland fragt sich ein User, ob denn jeder A.... predigen dürfe. Das mit dem Predigen ist allerdings die gewohnt boulevardske Formulierung des Blattes. Glööckler predigt nicht, er spricht über Weihnachten, musikalisch begleitet von erfolgreichen Künstlern. Einritt ab 29 Euro. Eines der vorweihnachtlichen Events, wie es sie immer schon gibt. Auch in Kirchen.

Wer Glööcklers Vita etwas kennt, kann sich vorstellen, dass ihm dieser Rahmen ein Anliegen ist. Der Vater ein brutaler Alkoholiker, seine Mutter starb früh an den Folgen eines Sturzes. Der Designer gibt seinem Vater die Schuld am Tod seiner Mutter und redete nichts mehr mit ihm bis zu dessen Tod. Weihnachten hat in solchen Familien keine Bedeutung. Und was das Geld betrifft: Jeder will doch Kohle verdienen, manche sogar unermesslich viel. Auch Hater und Trolle.
Ja, Harald Glööckler ist anders, aber nur vermeintlich. Weil er es so will. Im Übrigen so wie es auch Martin Luther war. Etwas mehr Empathie wäre also angebracht. Wir haben 2017, bald 2018. Pompööse Weihnachten!

Für alle, die meinen, Harald Glööckler würde sich nicht mit dem "Hausherrn" der Ludwigskirche beschäftigen, ein Zitat aus seinem Buch „Jede Frau ist eine Prinzessin!" (Joy Edition, ISBN 9783938295465):

"Jeder Mensch hat seine eigene Persönlichkeit und das ist auch gut so. Wenn Gott gewollt hätte, dass wir uns nicht unterscheiden, und glauben Sie mir, Gott macht keine Fehler. Wenn Gott gewollt hätte, dass wir uns nicht unterscheiden, hätte er uns alle gleich gemacht."

Zum Autor:
Michi Jo Standl, freier Journalist, in Facebook.