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"Niemand sollte pleite gehen, weil er überleben will": Ohne Obamacare wäre ich heute tot

18/07/2017 11:22 CEST | Aktualisiert 18/07/2017 17:25 CEST
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In den USA steht die Gesundheitsversicherung für alle vor dem Aus. Donald Trump würde sie lieber heute als morgen axfbschaffen - die Republikaner wollen eine alternative Versicherung. Ausgang ungewiss.

Sicher ist: Wenn die Gesundheitsversicherung für alle wegfallen würde, wären die Folgen verheerend. Experten rechnen damit, dass sich 22 Millionen Menschen in den USA keine Krankenversicherung mehr leisten könnten. Eine von ihnen ist Michelle Mirzoian, die an Gebärmutterhalskrebs leidet. Das ist ihre bewegende Geschichte.

Der 23. März 2010 war ein sehr bewegender Tag für mich.

Ich hatte Freunde eingeladen, um mit ihnen Fernsehen zu schauen. Es wurde kein Football-Spiel übertragen und es war auch nicht der Auftakt einer neuen Staffel unserer Lieblingsserie.

Wir hatten uns versammelt, um die Abstimmung über Präsident Obamas Gesundheitsreform, den Affordable Care Act, zu verfolgen. Als das auch als Obamacare bekannte Gesetz verabschiedet wurde, habe ich Freudentränen geweint.

Ich war 29 Jahre alt, als bei mir Gebärmutterhalskrebs diagnostiziert wurde. Ich musste so schnell wie möglich operiert werden. Nachdem der Tumor entfernt worden war, musste ich mich einer Chemotherapie unterziehen.

"Weil ich Krebs hatte, wollte mich niemand versichern"

Eine Chemo-Einheit kann je nach Zusammenstellung der Medikamente zwischen 25.000 und 40.000 Dollar kosten.

Und darin sind Krankenhausaufenthalte noch nicht eingerechnet. Wenn man Chemotherapie bekommt, ist das Immunsystem geschwächt und man ist anfälliger für Krankheiten. Zum Glück war ich zu dieser Zeit noch krankenversichert.

Im Dezember 2009 begann meine Heilungsphase. Die Ärzte sagten mir, dass sie in meinem Körper keine Spuren von Krebs mehr feststellen konnten.

Mehr zum Thema: "Massive Umverteilung von Armen zu Reichen": Obama kämpft gegen das Ende seiner Gesundheitsreform

Zur selben Zeit habe ich den Beruf gewechselt, was bedeutete, dass ich eine neue Krankenversicherung abschließen musste.

Weil ich Krebs gehabt hatte, wollte mich niemand versichern. Meine Anträge wurden reihenweise abgelehnt.

Denn bevor der Affordable Care Act verabschiedet wurde, hatten Krankenkassen das Recht, Menschen mit Vorerkrankungen abzulehnen.

Ein Arztbesuch kann bis zu 1400 Dollar kosten

Entsprechend musste ich alle meine Rechnungen für weitere Medikamente und Untersuchungen selbst bezahlen. Während der Heilungsphase muss man sich regelmäßig durchchecken lassen, um sicherzugehen, dass der Krebs nicht zurückgekommen ist.

Jeder Arztbesuch kann bis zu 1400 Dollar kosten. Ich habe fünf Jahre gebraucht, bis ich die dadurch entstandenen Unkosten gedeckt hatte.

Insgesamt wurde ich 43 Mal von der Krankenkasse abgelehnt. Irgendwann wurde ich deswegen sehr nervös. Im Fall eines Rückfalls, wäre ich nicht in der Lage gewesen die Behandlung zu bezahlen.

Erst als ich von Obamacare hörte, schöpfte ich wieder Hoffnung. Sobald die Reform in Kraft trat, stellte ich einen Antrag. Er wurde genehmigt und ich war endlich wieder krankenversichert.

Dann kam der Krebs zurück

Gerade noch rechtzeitig, denn zwei Monate später fand ich heraus, dass sich erneut ein Tumor an meinem Gebärmutterhals gebildet hatte. Ich musste noch einmal operiert werden und begab mich wieder in Chemotherapie.

Ohne den Affordable Care Act wäre ich nicht versichert gewesen und hätte die Behandlung nicht bezahlen können. Die Kosten hätten mich in den Ruin getrieben - oder ich wäre gestorben.

Niemand sollte pleite gehen, weil er gesund werden will. Weil er leben will.

Wenn der US-Senat den geplanten Better Care Reconciliation Act verabschiedet, wird es Versicherungsgesellschaften erneut frei stehen, Menschen mit Vorerkrankungen abzulehnen. In Folge werden 22 Millionen Amerikaner, mich eingeschlossen, ihren Versicherungsstatus verlieren, glauben Experten.

Natürlich ist auch Obamacare nicht perfekt

Es ist erschütternd, dass die republikanischen Abgeordneten sieben Jahre lang über "Obamacare" geschimpft haben und am Ende doch nichts besseres vorlegen können. Im Gegenteil: Die neue Gesundheitsreform ist viel schlimmer als der Affordable Care Act (ACA).

Natürlich war auch dieses Gesetz nicht perfekt.

Das behauptet auch niemand, nicht mal Präsident Obama, der den ACA in Auftrag gegeben hat. Doch anstatt die Fehler zu beheben, wirft uns die Regierung zurück in die Zeit vor dem ACA.

Es ist eine Zeit der Angst für alle, die gegen eine schwere Krankheit kämpfen.

Mehr zum Thema: Wegen einer seltenen Krankheit wurde sie als Kind gemobbt - jetzt ist sie ein gefragtes Model

Selbst wenn ich nach Verabschiedung der neuen Reform eine Versicherung finde, die mich aufnimmt, werde ich meine Beiträge wahrscheinlich nicht bezahlen können.

Denn aufgrund meiner Krebserkrankung gelte ich als Risikofall, weshalb die Krankenkasse meine Beiträge drastisch anheben kann. Die Beiträge für Risikopatienten sind bis zu 200 Prozent höher als die des durchschnittlichen Versicherten.

Dem Krebs ist es egal, ob jemand Demokrat oder Republikaner ist

Und damit nicht genug: Durch die neue Gesetzgebung müssen Krankenkassen nur noch so lange bezahlen, bis ein bestimmter Betrag erreicht ist. Danach ist der Patient auf sich allein gestellt.

Wie hoch dieser Betrag ist, kann die Krankenkasse selbst festlegen. Er gilt dann für die gesamte Lebenszeit. Wer beispielsweise ein krankes Kind zur Welt bringt, könnte die Zuschüsse der Krankenkasse schon aufgebraucht haben, bevor das Kind das Krankenhaus überhaupt verlassen hat.

In meiner Familie gibt es sowohl Demokraten als auch Republikaner. Wir sind nicht immer einer Meinung was die Politik unseres Landes betrifft, doch wir sind uns alle einig, dass jemand der an einer schweren Krankheit leidet, jemand, der beispielsweise gegen Krebs kämpft, einen Anspruch auf Krankenversicherung haben sollte.

Denn dem Krebs ist es egal, ob jemand Demokrat oder Republikaner ist.

(jz)

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