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Mein vernarbter Körper spiegelt mein Leben wider - und das liebe ich

16/11/2017 14:40 CET | Aktualisiert 16/11/2017 14:40 CET
Michelle Elman

Mein ganzes Leben lang habe ich immer wieder Zeit in Krankenhäusern verbracht. Meine vielen Narben zeugen davon.

Ich hatte 15 Operationen, einen Gehirntumor, einen Darmdurchbruch, einen Darmverschluss, eine Zyste im Gehirn und etwas, das sich Hydrozephalus nennt (und bedeutet, dass sich im Gehirn Wasser ansammelt, d. Red), worunter ich auch heute noch leide.

Die meisten Narben befinden sich auf meinem Bauch. Inzwischen habe ich gelernt, stolz auf sie zu sein, aber das war nicht immer so. Ich musste erst lernen, mit den Reaktionen anderer Menschen umzugehen.

Blicke voller Mitleid

Es begann, als ich zehn Jahre alt war und zum ersten Mal einen Bikini trug. Ich erntete schockierte Blicke und Blicke voller Mitleid.

michelle elman

In diesem Moment dachte ich, es wäre das Beste, meine Narben zu verstecken und einfach nicht über meine Geschichte zu sprechen.

Aber irgendwann war das keine Option mehr.

Während meiner Schulzeit wussten meine Freunde immer alles über meine Operationen und meine Narben. Denn wenn immer ich mal wieder ins Krankenhaus musste, wurde es ihnen erklärt.

Ich musste selbst darüber sprechen

Aber als ich mein Studium an der Uni aufnahm, erkannte ich, dass ich zum ersten Mal selbst darüber sprechen musste.

Als ich begann, Dates zu haben, erkannte ich außerdem, dass es keine Lösung war, meine Narben zu verstecken. Denn wenn ich mich vor meinem Freund auszog, dann würde es zu einem Thema werden, das ich würde ansprechen müssen.

Nach und nach begann ich über meine Operationen zu sprechen, über meine Narben und meine andauernden gesundheitlichen Probleme. Und je mehr ich darüber sprach, desto mehr merkte ich auch, dass ich nicht alleine war.

23 Millionen Menschen mit Narben

Im Jahr 2014 entdeckte ich das Thema "Body Positivity" und stellte fest, dass niemand dabei Narben ansprach. Also startete ich meine eigene Kampagne in den sozialen Netzwerken: #ScarredNotScared. Jetzt folgen meinem Instagram-Account @ScarredNotScared 75.000 Menschen.

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Es liegt mir sehr am Herzen, Menschen mit Narben das Gefühl zu geben, nicht alleine zu sein. Es gibt in der Welt 23 Millionen Menschen mit Narben und diese Menschen fühlen sich nur deshalb alleine, weil niemand darüber spricht.

Mein Hass auf meine Narben hatte mich zermürbt

Meine eigene Body Confidence-Reise begann mit der einfachen Entscheidung, die negativen Gedanken zu mir selbst in meinem Kopf nicht laut auszusprechen. Ich erkannte, dass sie keine Hilfe waren und schlimmer noch, sie lenkten die Aufmerksamkeit auf meine größten Unsicherheiten.

Ich wusste, dass ich an meinen Narben nichts ändern konnte, also blieb mir nichts Anderes übrig, als sie zu akzeptieren.

Mit 18 rührte das nicht daher, dass ich meine Narben um jeden Preis lieben wollte, sondern dass es mich einfach zermürbt hatte, sie zu hassen. Ich wollte eine Gleichgültigkeit erreichen - sie existierten nun mal und gehörten zu meinem Körper.

Ich glaube, das ist der Punkt, an dem man anfangen muss. Man lernt nicht einfach über Nacht, seinen Körper zu lieben, nachdem man ihn jahrelang gehasst hat. Ich habe das jedenfalls nicht so schnell geschafft. Aber jetzt, sechs Jahre später, kann ich mit Bestimmtheit sagen, dass ich meinen Körper liebe.

Körperliche Erinnerung an die schlimmste Zeit meines Lebens

Ich erkannte für mich selbst, dass ich zu meiner Vergangenheit und all ihren Geschichten stehen musste, wenn ich lernen wollte, meine Narben zu akzeptieren.

Diese Narben würden immer eine körperliche Erinnerung an die schlimmsten Zeiten in meinem Leben sein, aber wenn ich anfing, meine Gefühle hinter diesen Ereignissen zu verarbeiten, dann würden die Narben gar nicht mehr so ein großes Problem sein.

Der nächste Schritt war dann, mit den Meinungen umzugehen, die andere Menschen zu meinem Körper hatten. Ich begriff, dass einem die Meinungen anderer Menschen fast egal waren, wenn man nur gelernt hatte, seinen Körper zu lieben.

Meine Meinung über mich zählt mehr als die anderer

Natürlich gibt es auch schlechte Tage, an denen Kommentare mich wirklich treffen. Aber das ist dann einfach nur ein blöder Zeitpunkt und hat nichts mit meinem Selbstbewusstsein zu tun.

Ich habe mir immer viele Gedanken darüber gemacht, was andere Menschen denken und was jemand sagen könnte, aber jetzt ist es mir einfach egal. Ob es nun ein Troll auf meinen Seiten in den sozialen Netzwerken ist oder ein Fremder am Strand.

Das sind Fremde und meine eigene Meinung zählt viel mehr. Diese Menschen kennen mich oder mein Leben nicht und gründen ihre Meinung einfach nur auf meinem Aussehen. Das ist engstirnig.

Wir sind niemals allein

Jetzt arbeite ich als Coach für Body Confidence, bin eine Online-Aktivistin für Body Positivity und habe auf meinen Plattformen @ScarredNotScared und @BodyPositiveMemes mehr 110.000 Follower. Jeden Tag bekomme ich Nachrichten in denen ich lese, dass auch andere mit ähnlichen Problemen, wie ich sie hatte, kämpfen. Das ist nur noch ein Beweis dafür, dass wir niemals alleine sind.

michelle elman

Selbstbewusstsein ist ein Muskel,

den man trainieren muss

Habe ich auch Tage, an denen ich mich unsicher fühle? Ja, aber unsicher bezüglich meines Körpers? Nein.

Die Menschen denken, dass man automatisch alle Unsicherheit verliert, sobald man Selbstbewusstsein aufgebaut hat. Aber so funktioniert das nicht.

Selbstbewusstsein ist ein Muskel, den man immer trainieren muss. Ich besitze Body Confidence, aber trotzdem bin ich bezüglich anderer Bereiche meines Lebens manchmal unsicher.

Vor Kurzem habe ich über meine Unsicherheit gesprochen, die sich immer dann bemerkbar macht, wenn ich vor Menschen spreche. Ich wollte darüber sprechen, weil ich zeigen wollte, dass es nur menschlich und normal ist, Ängste oder Sorgen zu haben.

Wichtig ist, sich nicht vorschreiben zu lassen, was man tun sollte. Wann immer man sich unsicher fühlt, ob beim ersten Tragen eines Bikinis oder beim Reden vor vielen Menschen - es ist keine Lösung, diese Situation zu vermeiden.

Dieser Situation muss man sich stellen, das ist die Lösung.

"Wie werde ich so selbstbewusst wie du?"

"Wie werde ich so selbstbewusst wie du?" Diese Frage wird mir am häufigsten gestellt.

Und mein erster Rat ist immer, daran zu glauben, dass man seinen Körper so lieben kann, wi er ist. Du musst deinen Körper nicht verändern, um dich zu lieben. Ganz egal, wie du aussiehst, dein Körper verdient deine Liebe und deinen Respekt.

Wir sind auf dieser Welt, um viel mehr zu sein als nur ein schöner Körper. Das ist meine Sicht auf das Leben. Mein Körper spiegelt mein Leben wider und das liebe ich.

Ich hoffe, das spiegeln auch die Videos wider, die ich für Scarred Not Scared produziert habe:

Dieser Artikel erschien zuerst in der HuffPost UK und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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