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Warum ich meine Erfahrungen mit sexueller Belästigung nicht unter dem Hashtag #metoo teile

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SEXUAL ABUSE
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Ich wusste gar nicht, wo ich anfangen sollte.

Als Zeichen meiner Solidarität wollte ich eigentlich einen Post mit dem Hashtag #MeToo verfassen und über meine Erfahrungen mit sexueller Belästigung berichten.

Doch als ich vor meinem Computer saß, musste ich feststellen, dass ich gar nicht wusste, wo ich anfangen sollte. Während ich die vergangenen 25 Jahre meines Lebens Revue passieren ließ, schossen mir plötzlich unzählige Erinnerungen in den Kopf, die ich dort eigentlich bereits für immer begraben hatte.

Wahrscheinlich hatte ich diese ganzen grauenhaften Erinnerungen in einer bestimmten Ecke meines Kopfes abgelegt, damit sie einfach ruhen konnten: Ich hatte sie weder gelöst, noch bearbeitet. Und ich wollte mich auch nicht weiter mit ihnen beschäftigen müssen.

Womit sollte ich also anfangen?

Sollte ich damit anfangen, dass ich bisher bei jedem einzelnen Job in den verschiedensten Branchen auf irgendeine Art sexuell belästigt oder unangemessen behandelt worden bin?

Als ich 22 Jahre alt war, das war vor 18 Jahren, arbeitete ich als Kellnerin. Ich wurde damals mehrmals täglich angemacht, und zwar meist von älteren Männern. Dass ich ihnen Kaffee oder Essen servierte, schienen diese Männer als Einladung zu sehen, um Kommentare über meine Figur abzulassen.

Sie hatten keinerlei Skrupel, mir zu sagen, dass ich zugenommen hatte, oder dass ihnen das Oberteil, das ich am Vortrag getragen hatte, besser gefallen hatte. Sie schämten sich auch nicht, mir persönliche Fragen zu stellen, zum Beispiel ob ich in einer Beziehung wäre oder ob ich Kinder hätte.

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Und all diese Dinge gehen Fremde doch nun wirklich nichts an. Auch dann nicht, wenn sie zahlende Gäste sind.

Es ist einfach nur ekelhaft

Bloß weil sie in einem Restaurant aßen, weil sie von mir bedient wurden und weil sie mir am Ende ein gutes Trinkgeld gaben, schienen manche Männer zu glauben, dass sie Sprüche klopfen oder mich belästigen durften, oder dass sie auf irgendeine andere Weise ein Anrecht auf mich hatten.

Und ich bin definitiv nicht die einzige Kellnerin, der es so ergeht. Höchstwahrscheinlich erlebt genau in diesem Moment irgendwo eine Kellnerin so eine Situation.

Es kam unzählige Male vor, dass ich einem männlichen Gast einen Milchkaffee brachte und er mich fragte, ob ich denn nicht meinen Finger in die Tasse stecken könnte, damit der Kaffee süßer würde. Denn wer braucht schon Zucker, wenn er mich hat?

Ekelhaft, oder?

Doch was macht man in so einem Fall? Was macht man, wenn man auf seinen Job angewiesen ist? Was macht man, wenn man ganz genau weiß, dass man diesen Job zwar kündigen kann, dass es einem beim nächsten Job jedoch wahrscheinlich wieder ganz genauso ergehen wird?

Ich glaubte, dass mein Leben vorbei sei

Mit 20 Jahren wurde ich von meinem Ex-Freund vergewaltigt, mit dem ich kurz zuvor Schluss gemacht hatte. Ich sah es gar nicht als Vergewaltigung, da ich ja früher einmal mit ihm zusammen gewesen war.

Nachdem es passiert war, erzählte er mir, dass er sich mit HIV infiziert hatte, und dass ich mich jetzt wahrscheinlich auch angesteckt hatte. Ich ging davon aus, dass ich bald sterben würde. Ich glaubte, dass mein Leben vorbei sei.

Langer Rede kurzer Sinn: Nachdem ich erst Wochen später einen Termin für einen HIV-Test bekam und dann noch einmal vier qualvolle Wochen auf die Testergebnisse warten musste, wurde mir mitgeteilt, dass ich mich nicht angesteckt hatte.

Ich werde wohl nie erfahren, ob die Behauptung meines Ex-Freundes überhaupt stimmte. Durch die brutale, bösartige Reaktion, die meine Abfuhr in diesem Mann ausgelöst hatte, wurde mein Leben zu einem wahren Albtraum. Ich habe ihn nie angezeigt.

Ja ich weiß, ich hätte es tun sollen. Denn wahrscheinlich hat er auch noch andere junge Frauen vergewaltigt. Ich bereue es sehr, dass ich ihn nicht angezeigt habe. Doch ich habe mich damals unglaublich geschämt und ich spreche auch heute noch so gut wie gar nicht darüber.

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Ungefähr ein Jahr später lauerte mir ein Kumpel von meinem Ex-Freund im Treppenhaus auf und fragte mich, ob ich für Geld mit ihm schlafen würde. Ich hielt das Ganze für einen Scherz.

Ich habe es niemandem erzählt

Doch als ich mit einem spöttischen Lachen weitergehen wollte, drückte er mich gegen die Wand. Genau in dem Moment kam eine meiner Freundinnen nach Hause und rief nach mir. Er drückte mir seine Hand auf den Mund, damit ich nicht um Hilfe rufen konnte.

Als meine Freundin immer näher auf uns zukam, zog er plötzlich ein Messer aus der Tasche und sagte mir, dass er mich verletzen würde, wenn ich irgendjemandem von dem Vorfall erzählen würde. Dann ließ er mich los und verschwand. Ich habe meiner Freundin nie davon erzählt. Ich habe es überhaupt niemandem erzählt.

Jahre später hatte ich einen Job als Büroangestellte, in dem ich mehr als zehn Jahre lang tätig gewesen war. Ich war eine sehr gute Mitarbeiterin. Ich war fleißig, zuverlässig und gut organisiert.

Ich arbeitete damals in einer männerdominierten Branche. Ich hatte regelmäßig telefonisch, per E-Mail und auch im Rahmen von persönlichen Meetings Kontakt zu den verschiedensten Männern.

Ich würde sagen, dass eine gute Handvoll dieser Männer freundlich, respektvoll und wirklich professionell war. Die anderen Männer schlossen jedoch Wetten darüber ab, wer mich zuerst rumkriegen würde, oder sie gaben mir Noten für meine Attraktivität.

Warum erstatten so viele Frauen bei solchen Vorfällen keine Anzeige?

Manchmal stellten sie mir auch persönliche Fragen, zum Beispiel wann ich denn Kinder bekommen würde oder wann ich heiraten wollte. Und sobald ich mal ein kleines Bäuchlein hatte, fragten mich meine Arbeitskollegen sofort, ob ich denn schwanger sei.

Ich könnte noch viele weitere solcher Geschichten aufzählen. Und es stimmt, eigentlich sollte ich damit auch zur Polizei gehen. Ohne jeden Zweifel. Viel wichtiger ist jedoch die Frage, warum so viele Frauen bei solchen Vorfällen denn eigentlich keine Anzeige erstatten.

Wir tun es nicht, weil wir Angst haben. Weil wir uns schämen. Weil wir bedroht und schikaniert werden. Weil wir um unseren Job oder sogar um unser Leben bangen müssen. Weil wir vielleicht selbst nicht fassen können, dass uns das wirklich gerade passiert ist.

Wir schweigen aus Fassungslosigkeit. Wir schweigen, weil wir selbst nicht glauben können, dass wir tatsächlich immer noch so behandelt werden.

Und weil ein derartiges Verhalten für viele Männer ganz normal ist.

Und deshalb sollten wir dringend neu definieren, was denn eigentlich wirklich "normal" ist.

#MeToo

In ihrem Blog The Pondering Nook setzt Michelle sich mit Themen wie Beziehungen, Ehe, Scheidung, Kindererziehung, dem Leben mit Stiefkindern und vielem mehr auseinander.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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(ame)