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Kasachstan braucht den Westen - die EU braucht Kasachstan

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
NURSULTAN NASARBAJEW
ASSOCIATED PRESS
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Europas Zukunft liegt im fernen Osten, im gr├Â├čten Binnenland der Erde, Kasachstan. Der gro├če Zukunftsschlager Kasachstans ist die Expo 2017, die im Juni ihre Tore ├Âffnet. Kasachstan ist das Land mit den weltweit gr├Â├čten Erd├Âl- und Gasreserven.

Das Motto der Expo allerdings ist zukunftsweisender: "Energie der Zukunft - Ma├čnahmen f├╝r weltweite Nachhaltigkeit"! Ein Pl├Ądoyer f├╝r erneuerbare Energien. Die Expo 2017, die erste in einer zentralasiatischen Hauptstadt, soll auch zu einem Weltfestival der Elektromobilit├Ąt werden. Gr├╝ner geht's nicht!

├ťber 1 Milliarde Euro investiert Kasachstan in die Expo. Einen der gr├Â├čten Pavillons wird Deutschland gestalten. Er liegt auf dem Expo-Gel├Ąnde an zentraler Stelle, unmittelbar neben dem Wahrzeichen der Expo 2017, neben einer gigantischen Glaskugel, die den letzten Erd├Âltropfen symbolisieren soll.

Vom 10. Juni - 10. September 2017 werden Astana und die Expo 2017 zum Mittelpunkt der Politiker und Fachleute, die sich in Ost und West um die Zukunft der Welt Gedanken machen. Gut so. Dazu entsteht in Astana nicht nur ein Expo-Gel├Ąnde, sondern ein v├Âllig neues Stadtviertel. Auch die Nutzung als internationales "Finanzzentrum Asiens/Europas" nach der Schlie├čung der Pforten ist gesichert. Die Nachhaltigkeit wird konsequent umgesetzt.

Merkel will Kooperationsabkommen mit Kasachstan schlie├čen

Deutschland und die EU haben das wichtigste Land Zentralasiens und das gr├Â├čte Binnenland der Erde fest im Blick. F├╝r die Energie- und Rohstoffversorgung ist das 7.000 Kilometer entfernte Kasachstan die gro├če Hoffnung. Jede 4. Tonne Roh├Âl kommt schon jetzt aus Kasachstan.

Die deutsche Industrie ist auf Rohstoffe wie "seltene Erden" aus ├ťberlebensgr├╝nden angewiesen. Bundeskanzlerin Angela Merkel drang darauf 2012 ein Kooperationsabkommen mit Kasachstan zu schlie├čen, mit dem Inhalt: "Rohstoffe gegen Technologie". Und das Begehren Deutschlands st├Â├čt auf Gegenliebe. "Deutschland ist unser strategischer Partner in Europa", sagte Au├čenminister Idrissow. "Europa ist unser gr├Â├čter Wirtschaftspartner."

Wer nach Kasachstan kommt, erf├Ąhrt ├╝berall die Bewunderung f├╝r Deutschland. Kasachstan ist f├╝r Deutsche ein offenes Land, es gew├Ąhrt freie Einreise, freie Wechselkurse, es hat dynamische aus dem Boden wachsende St├Ądte, traumhafte Landschaften. Und ├╝berall f├╝hlt man sich heimisch.

Eine Million Deutsche haben hier einmal gelebt, von Stalin deportiert, und nach dem Niedergang der Sowjetunion haben viele die Ausreise nach Deutschland in Kauf genommen. Mit ├╝ber 250.000 Deutschst├Ąmmigen d├╝rfte dies aber immer noch die gr├Â├čte deutsche Auslandsgemeinde auf der Welt sein. Trotz der gegenw├Ąrtigen Aufl├Âsungserscheinungen in der EU ist der Westen, vor allem Deutschland, attraktiv. Alles was deutsch ist, ist in.

Unabh├Ąngigkeit des Landes

Die Deutsche Bank ist das wichtigste ausl├Ąndische Geldinstitut, der wachsende kasachische Mittelstand, junge, gut ausgebildete, ├╝ber Fremdsprachenkenntnisse verf├╝gende Kasachen, kleiden sich in "adidas", bewundern deutsche Automarken, deutschen Fu├čball und kaufen am Wochenende bei der Metro ein. Ja, in den Metro-M├Ąrkten, die 7.000 Kilometer von Deutschland entfernt genauso aussehen wie bei uns.

Der stellvertretende Investitionsminister hei├čt Albert Rau, der stellvertretende Generalstaatsanwalt Johann Merkel, deutscher geht es nicht. Pr├Ąsident Nasarbajew, langj├Ąhriger und bis 2020 gew├Ąhlter Pr├Ąsident, sorgt vor allem f├╝r die Unabh├Ąngigkeit des Landes.

Kein leichtes Unterfangen, umgeben von den Nachbarn Russland und China, die st├Ąndig auf Ausweitung ihrer Gebiete dr├Ąngen. Deshalb greift er mehr und mehr in das Weltgeschehen ein und bringt Ost und West zusammen. Westliche Diplomaten in Astana sehen in ihm "einen Garanten f├╝r die Sicherheit der gesamten Region und des Ausgleichs mit Europa".

Er hat vermittelt, dass es ├╝berhaupt ein "Minsker Abkommen" f├╝r die Ukraine gibt, das die Hoffnung auf eine friedliche L├Âsung zul├Ąsst. Zuletzt hat er zwischen der T├╝rkei und Russland nach dem Abschuss eines russischen Flugzeugs durch die T├╝rkei beide Seiten m├Ą├čigend zusammengebracht. Von ihm kommt die Initiative zur Vernichtung der Atomwaffen.

Gr├Â├čere politische Verantwortung f├╝r den Weltfrieden

Auch der Repr├Ąsentant der deutschen Wirtschaft in Kasachstan, Rechtsanwalt Nikolai Knorr, "sieht den Grund f├╝r den wirtschaftlichen Aufschwung Kasachstans und die innere Stabilit├Ąt des Landes durch das Vertrauen, das der Pr├Ąsident in der Bev├Âlkerung bis jetzt genie├čt".

Der Pr├Ąsident allerdings hat angek├╝ndigt ├╝ber 2020 nicht weiter zu regieren. Was dann kommen wird ist noch v├Âllig offen. Man kann nur gespannt hoffen, dass Kasachstan den ├ťbergang ohne Verluste an Unabh├Ąngigkeit und Sicherheit schafft.

Nasarbajew hat erreicht, dass Kasachstan ab 1. Januar 2017 noch gr├Â├čere politische Verantwortung f├╝r den Weltfrieden ├╝bernimmt. Zu diesem Zeitpunkt wird Kasachstan f├╝r die n├Ąchsten Jahre nichtst├Ąndiges Mitglied im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Im Westen verspricht man sich davon eine Vermittlerfunktion gegen├╝ber den Veto-M├Ąchten China und Russland.

Schon das erfordert, dass man in den Hauptst├Ądten Europas, einschlie├člich Berlin, ein respektvolles Vertrauensverh├Ąltnis zu ihm aufgebaut hat. Wie sehr Kasachstan in die F├Ąnge der gro├čen Nachbarn geraten kann, sieht man, wenn man das TV-Ger├Ąt im Hotel anstellt. Die Propagandasender Russlands (RT) und Chinas (CCTV) beschallen das Land 24 Stunden am Tag unentwegt mit ihren nationalistischen Bildern und Ideologien.

Kasachstan hat einen atemberaubenden Aufschwung genommen

Dies w├Ąre der Markt f├╝r einen verst├Ąrkten Auftritt der Deutschen Welle, die in Kasachstan hochgesch├Ątzt und geachtet wird. Der stellvertretende Au├čenminister, Roman Vassilenko, k├╝ndigt an, "dass Kasachstan sich vor allem dem Kampf gegen den internationalen Terror im UN-Sicherheitsrat widmen werde".

F├╝r Syrien d├╝rfte das vielleicht zu sp├Ąt sein, aber man darf gespannt sein, ob dadurch die internationalen Konflikt-Herde wenigstens einged├Ąmmt werden k├Ânnen. Er sieht auch die zunehmende Rivalit├Ąt zwischen USA und Russland als gef├Ąhrlich: "Wir rufen die beiden L├Ąnder zur Zusammenarbeit auf".

Kasachstan hat einen Aufschwung in den letzten 10 Jahren genommen, der atemberaubend ist. Viele erkennen das Land nicht wieder. Doch es hat nicht nur die Zukunft fest im Blick. Es vergisst auch nicht die Erinnerung an die dunkle Sowjetzeit. An Stalin, der im Gegensatz zu Russland in Kasachstan als Verbrecher angesehen wird, das Land mit Konzentrationslagern f├╝r politische Gefangene ├╝berzog.

40 Kilometer vor den Toren Astanas liegt das ehemalige sowjetische Frauengefangenenlager "Alzhir", in dem ├╝ber 17.000 Frauen gefoltert, gequ├Ąlt, missbraucht in menschenunw├╝rdigen Unterk├╝nften gefangen gehalten wurden. Viele Parallelen weisen auff├Ąllig auf die Verbrechen der Nationalsozialisten bei der Vernichtung der Juden hin.

Botschafter gegen Atomwaffen

Beim Anblick der Transportwaggons und der Unterk├╝nfte schie├čen einem die Tr├Ąnen in die Augen. Die Museumsf├╝hrerin ist sichtlich stolz darauf, dass Kasachstan sich dieser Vergangenheit stellt. "Wir waren das erste Land, das zur Sowjetunion geh├Ârte, das diese Stalin-Verbrechen dokumentiert hat."

Die Beklommenheit ├╝ber das schlimme Erbe ergreift einen auch im Gespr├Ąch mit Karipbek Kujukow (49). Er wurde in einem Dorf nahe Semipalatinsk geboren, 110 Kilometer von der Stelle entfernt, wo die sowjetischen Atombomben zu Versuchszwecken explodierten. Seine Gliedma├čen sind verkr├╝ppelt, er ist nur 1.45 m gro├č, im Kopf aber v├Âllig klar.

Er schildert die Trag├Âdien seiner Familie und seiner Freunde und Nachbarn. Proteste gegen die Atomversuche wurden von den Sowjets unterdr├╝ckt, ├ängste zynisch beschwichtigt ("Trinken Sie 2 Glas Wodka, das hilft"). Er tritt heute als "Botschafter gegen Atomwaffen" ein.

Die Frage, "hat sich Moskau jemals bei Ihnen entschuldigt oder Hilfe angeboten?", beantwortet er kurz und knapp: "Nein, niemals!" Es ist richtig, dass Kasachstan auch an die dunklen Zeiten erinnert. Man kann die Zukunft nur gewinnen, wenn man die Vergangenheit nicht vergisst. Russland sollte sich das als Vorbild nehmen.

Wirtschaft und Staat k├╝mmern sich um die Zukunft der jungen Menschen

Kujukow ist auch ein gro├čer Bewunderer von Bundeskanzlerin Merkel, die als Erste im Westen die zivile Nutzung von Atomkraftwerken beendet hat. Die Bundeskanzlerin zu treffen und ihr pers├Ânlich zu danken f├╝r diese Initiative, w├Ąre ein Herzenswunsch. Vielleicht klappt es ja, wenn die Bundeskanzlerin die Expo in Astana 2017 besuchen sollte. Immerhin w├Ąre das Thema ein Leitmotiv ihrer Klimapolitik.

Kasachstans Weg scheint vorgezeichnet. J├Ąhrlich gehen 1.000 junge Kasachen im Rahmen des staatlichen Ausbildungsprogramms an die westlichen Universit├Ąten, studieren und kommen anders gepr├Ągt wieder, als sie das Land verlassen haben. Seit wenigen Jahren hat der Staat auch Verantwortung f├╝r die Ausbildung der Jugend ├╝bernommen und das deutsche "Duale Ausbildungssystem" eingef├╝hrt.

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Wirtschaft und Staat k├╝mmern sich jetzt gleicherma├čen um die Zukunft der jungen Menschen. Auch Deutschland ist dabei. Alle politischen Stiftungen k├Ânnen frei in Kasachstan arbeiten, sie sind sogar erw├╝nscht. Wir sollten den Kasachen bei der Gestaltung ihrer Zukunft helfen. Gerade die jungen Kasachen sollten ebenso frei nach Deutschland einreisen k├Ânnen wie uns das auch in Kasachstan m├Âglich ist.

Einer dieser jungen Kasachen, der in Deutschland studiert hat, heute dialektfrei und flie├čend Deutsch spricht, ist nunmehr B├╝rgermeister von Almaty, Kasachstans Finanz- und Wirtschaftsmetropole, Kasachstans gr├Â├čter Stadt.

Baurzhan K. Bajbek f├╝hrt Almaty und Kasachstan in eine neue internationale Zukunft nach Westen. Wie alle Kasachen ist er in seine Heimat zur├╝ckgekehrt und setzt jetzt um, was er in Deutschland gelernt hat. Darauf k├Ânnen wir auch in Deutschland ein wenig stolz sein.

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