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Zwischen Hilflosigkeit, Angst und Selbstbestimmung - Die Zustände in deutschen Kreißsälen sind erschreckend

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PREGNANT WOMAN IN HOSPITAL
skynesher via Getty Images
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Landauf, landab schließen Kreißsäle. In Ballungsgebieten wie in ländlichen Räumen gleichermaßen. Frauen suchen verzweifelt nach Hebammen für die Schwangerschaftsvorsorge und Wochenbett. Immer früher müssen sie sich dafür bei den Hebammen melden. Besonders dann, wenn der errechnete Geburtstermin auf Feiertage oder in Ferienzeiten fällt.

Mit der Feststellung der Schwangerschaft muss sich frau dann auf die Suche machen, ansonsten erntet sie oft eine Absage. Jüngst warnte Hebamme Christine Niersmann Paare mit Kinderwunsch davor, an Ostern Kinder zu zeugen, da diese dann zu Weihnachten und damit in Zeiten des besonders knappen Personals das Licht der Welt erblicken würden. Ihre Facebookmeldung wurde zum Renner.

Wie sehen Schwangerschaft und Geburt in Deutschland jenseits weichgezeichneter Hochglanzmagazine für werdene Eltern aus?

Geburt - Das Geschäft mit der Angst

Gibt man in der Suchmaschine Google die Begriffe "Schwangerschaft" und "Angst" ein, so erhält man etwa 798.000 Ergebnisse. Für die Kombination "Schwangerschaft" und "Hebamme" sind es hingegen 571.000. Zwar ersetzt die Anzahl er Suchergebnisse keine wissenschaftliche Recherche, sie gibt jedoch einen guten Hinweis darauf, was Frauen in der Schwangerschaft (oder davor) beschäftigt.

"Angst" ist ein großes und oft auch über den gesamten Verlauf der Schwangerschaft hinweg dominierendes Thema. Das bestätigt auch die Diplompsychologin Claudia Watzel (40) aus Berlin.

Sie sagt, viele Frauen spüren diese Angst, und sie findet das auch normal. Die Sorge um das entstehende Leben aber auch die Sorge um die eigene Gesundheit oder die Änderung des sozialen Lebens haben aus ihrer Sicht durchaus ihre Berechtigung. "Nicht normal ist, wie diese Ängste von verschiedenen Seiten instrumentalisiert werden".

Die Psychologin kritisiert, dass die Frauen heute nicht mehr lernen, dieser Angst zu begegnen und mit ihr umzugehen: "Vielmehr werden die Frauen heute auch durch die zahlreichen, oft unnötigen, ärztlichen Untersuchungen in der Schwangerschaft in ihrer Angst bestärkt".

Mit einer Geburtenrate von 1,4 bis 1,5 Kinder pro Frau verschwinden nicht nur große Familien, sondern auch die Erfahrung, die früher in eben diesen Familienverbänden mit Schwangerschaft und Kindern erlernt wurde.

"Wir haben Schwangerschaft und Geburt - aber auch den Tod in ein klinisches Umfeld verlagert. Das suggeriert den Frauen, dass sie bereits zur Feststellung der Schwangerschaft einen Arzt benötigen. Weder das eigene Empfinden und Körpergefühl noch die eigentliche Fachperson für physiologische Schwangerschaften, die Hebamme, spielen in dieser Suggestion eine maßgebliche Rolle". 

Krankes System - Wenn das Risiko zum Standard wird

In dieser Situation treffen die Frauen nun auf ein Gesundheitssystem, das den individuellen Vorgang einer Schwangerschaft standardisiert und von Abweichungen, die in der Regel als Risiko klassifiziert werden, wirtschaftlich profitiert. Gleichzeitig schwebt das Damoklesschwert einer möglichen Haftung über Hebammen sowie Ärztinnen und Ärzten.

Die Folge bei einer guten Kassenlage sind dann unnötige Untersuchungen und vermehrte Interventionen, die sich in einer hohen Kaiserschnittrate genauso ausdrücken, wie in traumatischen Belastungsstörungen oder Problemen im Wochenbett.

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Interessant daran ist, dass für diese Problematiken in der Öffentlichkeit - vor allem jedoch unter den Frauen selbst - nur ein geringes Bewusstsein existiert. So wird beispielsweise der Umstand, dass nach einer repräsentativen Untersuchung des Deutschen Hebammenverbandes, etwa die Hälfte aller Hebammen drei Frauen parallel im Kreißsaal betreuen, als "normal" empfunden.

Ebenso die Kaiserschnittrate von ca. 30 Prozent (und mancherorts weit darüber). Selbst die Tatsache, dass kaum mehr eine Geburt physiologisch, also nur mit dem absolut medizinisch notwendigen Maß an Interventionen verläuft, findet bei vielen Frauen keine Beachtung.

Gewalt unter der Geburt

Aus Sicht der Soziologin und Autorin („Gewalt unter der Geburt - Der alltägliche Skandal") Christina Mundlos spielen in der Wahrnehmung der eigenen Schwangerschaft die engsten Bezugspersonen in der Familie eine entscheidende Rolle.

Oftmals sind es die eigene Mutter und Großmutter - eben die, die schon einmal ein Kind geboren haben. Wenn hier eine "Uns hat auch keiner gefragt, wie wir gebären wollen, also wird die jüngere Generation das auch überstehen"-Haltung eingenommen wird, dann kann sich das aus Sicht der Soziologin insbesondere dann negativ auf die Nachfolgegeneration auswirken, wenn eigene, unverarbeitete, Geburtstraumata vorliegen.

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"Ein generationenübergreifender Austausch ist nötig und wünschenswert. Das Weitergeben von weiblichen Gebär-Erfahrungen kann Schwangere auch stärken und dafür sorgen, dass weibliches Wissen und Erfahrungsschatz nicht verloren gehen."

Empowerment ist das Stichwort

Um die Stärkung und den Schutz der Frauen während der Schwangerschaft, Geburt und im 1. Lebensjahr geht es auch der bundesweiten Elterninitiative Mother Hood e.V.. Der Verein wurde 2015 gegründet, nachdem sich rund 16.000 Mitglieder zur "Hebammenunterstützung" in den sozialen Medien zusammengefunden hatten.

Mit Eva Abert steht heute eine der damaligen Gründerinnen dem Verein vor. Ziel der Arbeit von Mother Hood e.V. ist in erster Linie die Bildung und damit die persönliche Stärkung der Frauen: "Wir wollen den Frauen ein positives Bild von ihrer Schwangerschaft zurückgeben", sagt Eva Abert.

Der Verein informiert deshalb vor Ort, aber auch in den sozialen Medien zu zahlreichen Aspekten von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Die Bandbreite der Themen ist groß: Von der Schwangerschaftsvorsorge bis zum Abstillen ist alles dabei. Ehrenamtlich tragen die Vereinsmitglieder Informationen zusammen, werten Studien aus und stellen ihre Erkenntnisse zur Verfügung.

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Gleichzeitig vernetzt sich Mother Hood e.V. bundesweit mit anderen Elterninitiativen, die rund um das Thema Geburtskultur arbeiten. Mit der Unterstützung der mittlerweile überall angebotenen„Erzählcafés - Der Start ins Leben". Das ist ein Projekt, das u.a. von „Hebammen für Deutschland" initiiert wurde. ZUdem fördert der Verein auch praktisch den Austausch zwischen den Generationen. So kommt man ins Gespräch.

Zustände in Kreißsälen nicht ausblenden

Auch über die Gesamtsituation der Geburtshilfe in Deutschland.

"Wir können die politische Situation in der Geburtshilfe bei unserer Arbeit nicht ausblenden. Immer mehr Kliniken schließen ihre Kreißsäle. Die Frauen müssen in völlig überfüllten Kreißsälen gebären. Wenn in Dresden in der Uniklinik in einer Nacht 20 Kinder mit vier diensthabenden Hebammen geboren werden oder in Berlin und München Gebärende von Tür zu Tür geschickt werden, während in ländlichen Gebieten die Wege für alle immer länger werden, dann können wir vorher noch so viel Aufklärung betrieben haben. Diese Geburten sind dann einfach nicht mehr sicher".

Viele Familien sind empört darüber, wie die Politik mit ihnen umgeht. „Wir haben in den vergangenen drei Jahren gelernt, dass wir nicht die Hebammen unterstützen, sondern unsere Rechte einfordern müssen. Wenn nötig auch lautstark".

Und das tun viele Frauen bei Mother Hood: mit Petitionen, Demonstrationen, Gesprächen bei Politikern und anderen Aktionen. Erneut stehen Bundestagswahlen vor der Tür und wieder wollen sich die Aktivistinnen Gehör verschaffen.

Anders als von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) behauptet, ist das Problem größer geworden, als noch vor vier Jahren wo "nur" die Haftpflichtversicherungen für die Hebammen in der Geburtshilfe auf dem Spiel standen.

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Die zentrale Forderung von Mother Hood e.V. ist die selbstbestimmte Geburt mit der freien Wahl des Geburtsortes und einer Bezugshebamme im Schlüssel von 1:1. Dazu gehört auch das Vorhalten wohnortnaher Strukturen und eine 1:1-Betreuung in Kliniken mit angestellten Hebammen.

Den eigenen Willen nicht an der Kreißsaaltür abgeben

Schwangere, Gebärende und Wöchnerinnen müssen bereit sein, Eigenverantwortung zu übernehmen. Damit das gut klappen kann, bedarf es unter anderem Hebammen, die die Frauen ermutigen, genau das zu tun. Hebamme Christine Niersmann, die dem Verein Mother Hood e.V. als Beraterin zur Verfügung steht, spricht stellvertretend für viele ihrer Kolleginnen: "Ich ermutige die Frauen mit dem Personal vor Ort, über ihre Wünsche und Vorstellungen zu sprechen, auf Respekt vor ihrer Intimsphäre zu bestehen und Klinikroutinen abzulehnen, wenn sie nur der forensischen Absicherung des Personals, nicht aber der Gebärenden und des Kindes dienen".

Den eigenen Willen nicht an der Kreißsaaltür abgeben. Sich behaupten. Frauen, die das tun, sind in den Abläufen nicht immer bequem. Doch es sind diese Frauen, die sich und ihr Frausein vor der Interpretation allein durch Standards und Haftungsfragen schützen, die am Ende uns allen dienen.

Dieses System der Geburtshilfe ist für niemanden gerecht. Nicht für die Frauen, nicht für die Hebammen, nicht für die Ärztinnen und Ärzte. Wollen die Frauen heute und in Zukunft gesunde Geburten erleben, so müssen sie sich mehr als heute von diesem System emanzipieren und ihre Rechte einfordern. Im Kreißsaal und auf der Straße.

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