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"Klagt, ihr Weiber! Für das Recht auf freie Wahl des Geburtsortes"

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GEBURT
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Teile meiner Antworten könnten euch Frauen verunsichern

Seit dem 12. November gilt für Hebammen und gesetzliche Krankenversicherungen in der Hausgeburtshilfe ein neues Vertragswerk. Es wurde nicht untereinander ausgehandelt, sondern, da man sich nicht einigen konnte, per Schiedsstelle entschieden.

Hebammen, Krankenkassen... fehlt da nicht jemand? Die Frage scheint aus Sicht der Eltern durchaus berechtigt. Faktisch lässt sie sich leicht und schnell beantworten: Nein.

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Verhandelt haben die Vertragspartner nach dem Sozialgesetzbuch. Wir Frauen und unsere Kinder sind allenfalls Vertragsgegenstand. Sorry, Ladies. Daran ändern auch keine etwa 180.000 Unterschriften etwas.

Um die damit ebenfalls verabschiedeten neuen Ausschlusskriterien für Hausgeburtshilfe wurde viel diskutiert - und lässt sich auch noch immer viel diskutieren. Aus Hebammensicht, zum Beispiel. Da ich jedoch keine Hebamme, sondern Mutter bin und es hier um Mütter geht, will ich nur diesen Aspekt aufgreifen.

Fälschlicherweise wird in den vergangenen Tagen immer davon gesprochen, dass „der Schiedsspruch" veröffentlicht wurde. Das ist nicht der Fall. Dabei wäre es auch für Eltern sehr interessant, darin zu lesen. Sei es auch nur, um festzustellen, dass bei der Erörterung dessen, was gut ist für „Mutter und Kind", die Befindlichkeiten oder gar Patientenrechte keine Rolle spielen. Sie kommen nämlich nicht vor.

In der Bewertung der Juristen, mit denen die Schiedsstelle zum maßgeblichen Teil besetzt war, ist dies verfassungsrechtlich nicht bedenklich. Juristen. Das kennt man ja. Fragst du drei, hast du fünf Meinungen.

Mein Lieblingssatz ist im Übrigen dieser: „Ausschlusskriterien sind grundsätzlich von den Vertragsparteien festzulegen. §134 a SGB V schreibt nicht vor, an welchen Maßstäben sich die Qualitätskriterien zu orientieren haben" (Quelle: Beschluss im Schiedsverfahren nach §134a Abs. 3 SGB V zwischen GKV-SV und Interessenvertretungen der Hebammen).

Recht auf die freie Wahl des Geburtsortes


Das klingt schon ein wenig skurril, wenn man sich vor Augen führt, dass die Ausschlusskriterien ja dafür da sind, die Qualität zu sichern. Aber nun sind sie da, die Kriterien, nach denen sich in Zukunft entscheiden wird, ob eine Frau ihr Recht auf die freie Wahl des Geburtsortes wahrnehmen kann oder nicht. Klingt absurd? Ist es auch. Doch das führt hier zu weit.

Etwa 10.000 außerklinische Geburten gibt es jährlich. Die Auslegung der Rechte dieser 10.000 betroffenen Frauen liegt übrigens weitestgehend in der Hand einer kleinen Fachabteilung im Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen.

Eine Abteilung, die aufgrund von Krankheitsfällen so chronisch unterbesetzt ist, dass sie nicht einmal in der Lage ist, kurzfristig die Auswirkungen des eigenen durchgesetzten Vertragswerkes zu erläutern. Das klingt dann so:

Aufgrund des hohen Arbeitsaufkommens im Nachgang zur Schiedsstelle und personellen Engpässen wegen Langzeiterkrankungen, werden wir Ihnen erst zu einem späteren Zeitpunkt eine Antwort zukommen lassen können. Wir hoffen auf Ihr Verständnis und verbleiben..." (Quelle: Antwort des GKV-SV auf meine Anfrage)

Ich stelle mir kurzfristig vor, wie eine Mutter unter Wehen ihrem Baby an ET+3 erklärt: „Aufgrund des hohen Arbeitsaufkommens....musst du jetzt leider warten". Aber Spaß beiseite, denn lustig ist die Sache nicht.

Mitarbeiter der Fachabteilung sind Hausgeburtsgegner


Noch weniger lustig ist es, wenn man aus persönlichen Gesprächen mit eben diesen Mitarbeiter*innen weiß, dass es sich um absolute Gegner*innen einer Hausgeburt handelt. Frauen und Männer, die anderen Frauen und Männern unterstellen, diese würden sehenden Auges aus ideologischen Gründen - oder wahlweise Dummheit - ihre eigene und die Gesundheit ihrer Kinder riskieren.

Aber nun die berühmte „Butter bei die Fische" - Was ist Fakt? Hier meine Fragen an und die Antworten vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen. Die ungekürzte Version, danach gibt es - für alle mit Durchhaltevermögen - eine Einschätzung:

Meine Fragen

1. Welche Untersuchungen (und nach welchen Richtlinien) nimmt ein Facharzt/eine Fachärztin ab ET+3 vor?
2. Wie erfolgt die Dokumentation dieser Untersuchung?
3. Ist eine "Freigabe" des Arztes für eine geplante Hausgeburt nötig und wenn ja, wie muss diese formuliert sein?

Antworten des Spitzenverbands der GKV

Antworten zu Frage 1 bis 3: Eine Bescheinigung des Arztes, dass die Frau zu Hause entbinden darf, gibt es nicht. Vielmehr wird der Facharzt den Zustand der Schwangeren bei Überschreitung des errechneten Geburtstermins (40 SSW + 3 Tage) in der Regel über Ultraschall überprüfen, vgl.

In dieser Leitlinie zur Terminüberschreitung ist beschrieben, was Stand der Kunst ist und was von Seiten des Gynäkologen an diagnostischen Maßnahmen vorgesehen ist. Der Gynäkologe wird dann den Befund: z.B. „Ultraschall ohne Befund" usw. im Mutterpass der Schwangeren bestätigen oder aber eben einen pathologischen Befund feststellen.

Mit dem Befund geht die Frau dann wieder zur Hebamme und/oder entscheidet sich ggf. um. Die Hebamme darf diese notwendige Untersuchung nicht vornehmen, da sie nach den Länder-Berufsordnungen nicht qualifiziert und befugt ist, einen Ultraschall zu machen und zu befunden.

Meine Fragen

4. Können (gesetzl. vers.) Frauen, die eine Hausgeburt planen, eine fachärztliche Untersuchung (oder Teile davon) ab ET+3 ablehnen?
5. Welche Auswirkung hat eine Ablehnung/teilweise Ablehnung
5.1. auf den Geburtsort?
5.2. auf die Übernahme der Kosten durch die gesetzlichen Krankenversicherungen?
5.3. für den Vertrag der betreuenden Hebamme mit der gesetzlichen Krankenversicherung?
6. Wie und wo (Arzt oder Hebamme?) muss die Ablehnung dokumentiert sein?

Antworten des Spitzenverbands der GKV

Antworten zu Fragen 4 bis 6: Erfolgt die Entbindung mit Hilfe der freiberuflichen Hebamme im häuslichen Umfeld trotz eines pathologischen Facharztbefundes oder dem Fehlen des notwendigen Konzils bei Überschreitung, ist dies ein Vertragsverstoß der freiberuflichen Hebamme nach § 15 des Vertrages zur Hebammenhilfe.

Ist dieser Verstoß nachweisbar, kann der GKV-Spitzenverband nach § 15 des Vertrages wegen des Vertragsverstoßes gegen die Hebamme vorgehen. Daneben haben auch die einzelnen Krankenkassen ein Prüfrecht. Ergibt sich zusätzlich ein Schadensfall, wird dann geprüft, ob beispielsweise grobe Fahrlässigkeit vorliegt und ob die Krankenkassen sich die Kosten vom Verursacher erstatten lassen können.

Meine Frage

Bitte erläutern Sie darüber hinaus, welche Erkrankungen unter "1.a./anamnestische Risiken/Unterstrich: Schwere Allgemeinerkrankung" gemeint sind.

Antwort des Spitzenverbands der GKV

Antwort: vgl.

Darüber hinaus werden sämtliche - also auch die absoluten - Ausschlusskriterien derzeit überprüft. Die Vertragspartner haben sich bereits Anfang des Jahres 2015 entschieden, die Ausschlusskriterien hinsichtlich ihrer Evidenz zu überprüfen. Mit den Ergebnissen der Studie ist im Herbst 2016 zu rechnen.

Positiv betrachtet, ließe sich also sagen, dass es nun auch für Hausgeburten einen Katalog gibt, an dem sich Hebammen in ihrer Arbeit orientieren können. Dieser Katalog verspricht Sicherheit, indem er die Gruppe derer, um die es eigentlich geht - die Frauen - per Selektion schrumpfen lässt. Risikominimierung im Interesse aller Beteiligten.

Nun die Einschätzung für Menschen mit Durchhaltevermögen:

Ein provokanter, aber aktueller Vergleich: Versprechen mehr Gewehre automatisch mehr Sicherheit?

Selbstbestimmungsrecht bei Hausgeburten


Für viele Frauen stellt sich nun besonders drängend eine Frage: Kann ich mein Selbstbestimmungsrecht wahrnehmen und mich gegen diese Vorgaben für eine Hausgeburt entscheiden? Ja, natürlich.

Allerdings wird diese Frau dann allein entbinden müssen. Eine Hebamme verstößt damit in jedem Fall gegen ihre vertraglichen Pflichten. Auch eine Privatleistung ist nicht der Ausweg. Denn die Hebamme darf eine Geburt nicht privat abrechnen. Sie verstößt damit, richtig (!) gegen ihre vertraglichen Pflichten.

Alles kein Problem, dann geht frau halt zum Arzt.

Ja, aber! Es soll Ärzte, in gar nicht so geringer Zahl geben, die gegen Hausgeburten sind. Eine Pathologie ist auch bei einer regelgerecht verlaufenden Schwangerschaft schnell gefunden, wenn man es denn will.

Darf ich Ärzten so etwas unterstellen? Nicht generell. Natürlich sind nicht alle Ärzte so. Zum Glück! Im Einzelfall jedoch sehr wohl. Das habe ich im Selbstversuch erlebt. Besonders schwierig wird es, wenn dieser Einzelfall in einigen Regionen gehäuft auftritt.

Ja, aber! Es soll sogar Frauen geben, die wollen gar nicht zum Arzt gehen. G A R N I C H T. Und trotzdem nicht allein im Wald auf einer abgeschiedenen Lichtung mit Kerze ihr Kind entbinden.

Pech gehabt?

Frauen, die unter diesen Umständen in anderen Umständen sind, bleibt nur eines:

Klagt, ihr Weiber!

Wenn jetzt keine aufsteht und bereit ist, für dieses Recht vor Gericht zu streiten, haben wir es nicht besser verdient.

Video:Rückbesinnung oder gefährlicher Rückschritt? Dieses Video einer Geburt in freier Natur löst heftige Diskussion aus

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