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Ich bin eine alleinerziehende Mutter, arbeite Vollzeit - und bin trotzdem arm

28/11/2017 15:27 CET | Aktualisiert 29/11/2017 08:19 CET

Für den Frühling wünsche ich mir eine schöne neue Frisur. Die kostet zwischen 60 und 70 Euro - die kann ich mir aber nicht leisten.

Ich bin eine alleinerziehende Mutter, ich arbeite in Vollzeit im Callcenter eines deutschen Großkonzerns in Brandenburg - und kann mit meinem Lohn gerade einmal meine Fixkosten decken.

Armut in Deutschland bedeutet nicht unbedingt, dass jemand hungert. Armut in Deutschland heißt: Verzicht.

Im Video oben: So rücksichtslos werden Alleinerziehende auf dem Arbeitsmarkt behandelt

Verzicht auf gutes und gesundes Essen, aufs Kino, auf Urlaub - oder eben auf den Friseur. Es bedeutet aber auch Verzicht auf die Hoffnung, dass es mir und meiner Familie in Zukunft besser gehen wird.

Aktuell reden wieder alle über Armut und Gerechtigkeit

Wie mir geht es hunderttausenden Alleinerziehenden in Deutschland auch: Wir können uns nicht leisten, was für andere normal ist.

Es ist auch nicht wahrscheinlich, dass sich daran bald etwas ändert. Denn keiner kümmert sich um unsere Probleme.

Aktuell reden wieder viele Politiker, besonders in der SPD, über Armut und Gerechtigkeit - sie sollten sich meinen Alltag anschauen. Dann würde sie verstehen, was wirklich falsch läuft in unserem Land.

Meine Arbeit macht mir Spaß - aber ich werde nicht gerecht entlohnt

Die Arbeit im Callcenter macht mir Spaß. Ich bin für schriftliche Reklamationen zuständig.

Für die Arbeit, die ich mache, fühle ich mich aber nicht gerecht entlohnt. Ich verdiene Mindestlohn, also 8,84 Euro pro Stunde. Große Anschaffungen oder ein Urlaub sind damit einfach nicht drin. Das letzte Mal im Urlaub war ich vor zehn Jahren, im Ausland war ich noch nie.

Derzeit ist mein Ofen kaputt, ich kann mir keinen neuen leisten. Für meinen 16-jährigen Sohn und mich gibt es im Moment also keine Kuchen oder Braten - sondern nur das, was man in der Pfanne warm machen kann.

Selbst für ein neues Fahrrad - einen absoluten Gebrauchsgegenstand für mich - fehlt mir das nötige Geld.

Nach Abzug meiner Kosten bleibt nicht mehr viel übrig

Netto verdiene 1162 Euro mit meinem Job, dazu kommen 192 Euro Kindergeld und 78 Euro Wohngeld für mein Kind - also exakt 1432 Euro zum Leben.

Davon muss ich die Miete, 440 Euro, bezahlen, danach sind nur noch knapp 1000 Euro übrig. Davon gehen dann noch einmal Kosten für Strom, Telefon, Internet, die GEZ und vor allem für die Autohaftpflicht, die private Haftpflicht und die Hausratversicherung weg.

Und essen müssen ich und mein 16-jähriger Sohn ja auch noch. Zum Leben bleibt uns am Ende eine Summe, die dem Regelsatz von Hartz-IV entspricht: Etwas mehr als 400 Euro im Monat.

Und das mit einem Vollzeitjob. Ist das gerecht?

Mehr zum Thema: "Ich kann mir nicht einmal eine neue Hose leisten" - ein alleinerziehender Vater klagt an

Wer arm ist, bleibt arm

Für mich ist das alles nichts Neues. Ich bin in der DDR in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, nach der Wende hat sich nichts geändert. Auch meine Kinder sind in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, auch für sie sind Geldprobleme nichts Neues.

Und auch sie werden später genauso arm sein wie ich. Sechs meiner Kinder sind schon aus dem Haus. Drei von ihnen sind Hartz-IV-Empfänger. Eine meiner Töchter ist alleinerziehend mit zwei Kindern.

Eines meiner Kinder hat es in eine Ausbildung geschafft. Zwei andere hätten auch gern eine Ausbildung gemacht. Die wären gerne nach Bayern gegangen, weg von hier. Aber mit dem Ausbildungsgeld kann man sich keine Wohnung leisten - und mein Einkommen reicht nicht aus, um sie zu unterstützen.

Deshalb sind meine Kinder eingeschränkt, was ihre Pläne für die Zukunft angeht. Nicht nur, bei der Suche nach Ausbildungsplätzen - sondern schlicht bei ihren Aufstiegschancen.

Als Aufstocker war ich den Schikanen des Jobcenters ausgesetzt

Meinen Glauben, dass es gerecht in unserem Land zugeht, habe ich schon lange verloren. Früher, von 2005 bis 2010, war ich Aufstocker. Eigentlich müsste ich jetzt wieder aufstocken - aber das will ich nicht.

Als Aufstocker waren wir dem Amtsmissbrauch und den Schikanen des Jobcenters ausgesetzt. Als Patchworkfamilie mit sieben Kindern haben wir den absoluten bürokratischen Horror erlebt.

Damals war ich die Alleinverdienerin im Haushalt, mein damaliger Mann blieb zuhause. Er war Maurer und hätte sonst auf Montage gehen müssen, also die Kinder lange nicht gesehen.

Wir hatten ein schwerbehindertes Kind in unserer Familie, also musste einer immer zuhause bleiben. Darum bin ich arbeiten gegangen - und habe mein Einkommen aufgestockt.

Wir hatten damals ein Nettoeinkommen von 850 Euro zur Verfügung, 50 Euro sollten aufgestockt werden.

In unserem Haus gab es mehrere sogenannte Bedarfsgemeinschaften. Mein damaliger Mann, zwei Kinder und ich. Außerdem zwei Kinder, die schon über 18 Jahre alt waren. Und dann noch meine Tochter, 17 Jahre, die bereits ein Kind hatte.

Das war die bürokratische Hölle.

Mehr zum Thema: Hartz-IV-Empfängerin klagt an: "Ich bin es leid, schikaniert zu werden"

Das Amt schickte Bescheide, in denen absichtlich Fehler waren. Da wurde das Kindergeld an meinem Einkommen und an das Einkommen meiner Kinder angerechnet. Widersprüche in den Bescheiden wurden erst nach 6 Monaten bearbeitet - und dann abgelehnt. Klagen, Schnellverfahren, Einstweilige Verfügungen. Es war ein Spießrutenlauf.

Die Krönung war, dass wir aufgefordert wurden, das Haus zu verkaufen. Aber der Antrag auf neue Wohnungen zugleich abgelehnt wurde - denn wir hatten ja das Haus.

Zu der Situation, dass ich aufstocken muss, will ich nicht zurück. Ich weiß genau, was mir blüht, wenn ich mich nun wieder als Aufstocker melden würde. Daher versuchen wir, mit dem wenigen Geld auszukommen, das wir haben.

Mein Fazit nach all den Jahren: Die Bundesregierung tut nichts, um diesen Zustand zu ändern. Von allen Parteien wollen, meiner Meinung nach, nur die Linken etwas gegen dieses Problem unternehmen.

So bleiben viele Menschen arm - trotz Arbeit.

Michaela Müller möchte anonym bleiben, deshalb haben wir ihren Namen geändert.

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