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Wohnungseinbruch - das Trauma kommt oft unmerklich

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Peter Dazeley via Getty Images
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Für Sophie war es ein Abend wie jeder anderer in ihrer Arbeitswoche. Müde von einem herausfordernden Arbeitstag freute sie sich auf Ruhe und Entspannung in ihrem Zuhause. Sie hatte sich nach der Trennung gut in ihrem Singleleben eingerichtet.

Endlich abends nur dann Abendessen zubereiten, wenn sie selbst Lust und Appetit hatte. Endlich abends mal so richtig abhängen, wenn ihr danach ist. Klar, manchmal vermisste sie ihn auch, immerhin war es jetzt ruhiger in der Wohnung.

Als sie die Treppe des Gründerzeithauses im belebten Stadtteil hochging, ahnte sie nichts. Sie ging vielmehr in Gedanken durch, was sie abends noch erledigen wollte. Mit den letzten Treppenstufen sah sie es. Ihre Wohnungstür war aufgebrochen und stand halb offen.

Sie wurde vor Schreck ganz ruhig, alle Gedanken verschwanden aus ihrem Kopf und sie ging zügig in die Wohnung hinein, ging schnell durch alle Zimmer. Sie sah alles und sah doch nichts. Herausgezogene Schubladen, offen stehende Schranktüren, Wäsche und Gegenstände auf dem Boden, wild durcheinander.

„Das ist doch gar nicht real, das träume ich doch nur", war das Einzige, was ihr in diesem Moment durch den Kopf ging. Sie handelte mechanisch und rief die Polizei.

Was dann folgte war für die Polizei Routine. Am Ende des langen Abends hatte sie eine Nottür in den Angeln, den Einbruch bei der Versicherung gemeldet sowie einen Namen als Ansprechpartner bei der Polizei.

In den folgenden Abenden saß sie abends teilweise wie gelähmt in ihrer Wohnung, schloss sich ein und spürte, wie sie angespannt war und ihre Gedanken um den Einbruch kreisten. Was waren das für Täter? Wurde sie gezielt ausgesucht? Sie fand keine Antworten. Sophie begann mehr Zeit beim Sport zu verbringen.

Fitnesstraining war vorher Ausgleich zum stressigen Alltag, mehr nicht. Nun allerdings verbrachte sie Stunde um Stunde im Studio, um noch nicht so schnell in ihre Wohnung zurückkehren zu müssen. Jedes Heimkommen erzeugte ein mulmiges Gefühl. Und noch etwas anderes passierte: sie wusch ihre Wäsche wieder und wieder. Besonders die Stücke, die vom Einbrecher aus den Schränken gezerrt worden waren. Sie meinte, nicht mehr richtig zu ticken.

Diese Geschichte ist anonymisiert einer wahren Begebenheit nacherzählt. Und sie steht stellvertretend für Geschichten unzähliger Menschen in Deutschland. Die polizeiliche Kriminalstatistik spricht allein für 2014 von über 150.000 Wohnungseinbruchsdiebstählen. Über die Menschen, die danach seelische Belastungen spüren, gibt es nur wenige Zahlen.

Der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft hat in einer in 2010 in Auftrag gegebenen Studie bei 2.000 von Einbruch betroffenen Haushalten ermittelt, dass sich fast die Hälfte der dort lebenden Menschen auch nach zwölf Monaten noch unsicher fühlt. Und jeder Fünfte sagt, dass er sich langfristig machtlos, hilflos und angespannt fühlt.

Das Erleben von Sophie ist typisch und entspricht modellhaft dem Verlauf nach einem extremen Ereignis.

Fachleute beschreiben verschiedene Phasen nach einem solchen Ereignis. Diese zu kennen erleichtert das Zurückfinden in einen normalen Alltag. Nach dem Schock der Situation selbst, hier dem Auffinden der aufgebrochenen Wohnungstür, folgt die so genannte Belastungsphase.

Diese dauert in der Regel zwischen vier und sechs Wochen. In dieser Phase versuchen Gehirn und Körper, den Schock zu verarbeiten und zeigen eine Vielzahl von Symptomen. Diese pendeln zwischen Übererregung und Vermeidung, wie dies auch Sophie erlebt hat. Der häufige Gang ins Fitnessstudio, um das Heimkommen hinauszuzögern, der Drang, die Wohnungstür stärker abzusichern.

Generell zeigen sich hier möglicherweise Angst und Unsicherheit, aber auch Schlafstörungen, Unkonzentriertheit oder Schreckhaftigkeit. Bei einem guten Verlauf geben sich die Symptome nach dieser Zeit und das alte Leben wird wieder aufgenommen. Bei gefähr einem Drittel der Betroffenen ist dies von alleine der Fall.

Ein weiteres Drittel profitiert von einem verständnisvollen Umfeld in besonderem Maße und nimmt eventuell eine unterstützende Beratung in Anspruch. Auch hier verläuft die Entwicklung dann unproblematisch. Ein weiteres Drittel leidet auch nach der Belastungsphase weiterhin an Symptomen, die unmittelbar mit dem Erlebnis zu tun haben.

Hier ist es sinnvoll, sich professionelle Unterstützung zu holen.

Der Weiße Ring bietet mit seinem Hilfescheck für eine psychotraumatologische Erstberatung eine sinnvolle Möglichkeit, bereits kurz nach dem Erlebnis „die Selbstheilungskräfte zu fördern, zusätzlich belastende Entwicklungen zu verhindern und bei riskanten, von Krankheit geprägten Verläufen eine traumatherapeutische Behandlung anzuregen". (Quelle: https://www.weisser-ring.de/internet/opferhilfe/hilfescheck-fuer-eine-psychotraumatologische-erstberatung/) Die Erstberatung ist kostenlos. Wenden Sie sich hierfür bitte an den Weißen Ring unter der bundesweit gültigen Telefonnummer 116 006.

Darüber hinaus gibt es moderne Verfahren der Traumatherapie, die sehr effektiv die Verarbeitung des Traumas ermöglichen und eine Rückkehr in das Alltagsleben erreichen. EMDR oder Brainspotting werden nach solchen Ereignissen mit gutem Erfolg angewendet.

Sophie hat sich an den Weißen Ring gewandt und eine Erstberatung in Anspruch genommen. Das Wissen, dass ihre Reaktion für die Belastungsphase völlig normal ist und abklingen wird, hat ihr sehr geholfen. Sie hat die Sicherheit ihrer Wohnungstür professionell überprüfen und anpassen lassen und fühlt sich heute in ihrem Leben wieder wohl.

Der oder die Täter konnten leider nicht ermittelt werden.

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