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Der Zwang, immer das Beste bieten zu müssen, lässt Mütter schwer erkranken

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Seit 17 Jahren bin ich als Diplom-Psychologin in einer Rehabilitationsklinik für kardiologische Patienten beschäftigt und erlebe oft Frauen und Mütter, die viel zu lange gewartet haben, um sich um sich selbst zu kümmern und Hilfe zu holen! So lange bis ihnen das "Herz brach".

Broken-Heart-Syndrom (Tako-Tsubo-Kardiomyopathie)

So schilderte mir z.B. eine 70-jährige Frau mit der Diagnose Broken-Heart-Syndrom während ihres Klinikaufenthalts, dass sie sich viele Jahre ständige Sorgen um ihren Sohn gemacht hat. Er war in die "Schlägerszene" geraten und sehr gewalttätig geworden. Ihrem Mann hat sie nie etwas verraten, sie habe ihn nicht damit belasten wollen. Stattdessen hat sie alles mit sich selbst ausgemacht - bis ihr Körper die Notbremse zog und sie krank wurde.

Das Broken-Heart-Syndrom ist eine plötzliche, durch starken Stress ausgelöste Funktionsstörung der linken Herzkammer. Es sind wesentlich mehr Frauen davon betroffen als Männer. Diese Herzmuskelerkrankung ähnelt einem Herzinfarkt - sie löst die gleichen Symptome aus. Häufig sind Frauen nach den Wechseljahren betroffen, weil die Konzentration von Östrogenen abnimmt und das Herz weniger schützt.

Sehr oft geht dem Broken-Heart-Syndrom eine starke emotionale Belastung voraus wie der Verlust einer geliebten Person oder eine Trennung. Nicht nur der negative Stress wird als Ursache für diese Erkrankung verantwortlich gemacht.

Auch der positive Stress, wie Hochzeit oder Geburt eines Kindes können mögliche Gründe dafür sein. Während meiner Tätigkeit in einer kardiologischen Rehabilitationsklinik lernte ich Frauen mit gebrochenem Herzen kennen. Fast alle waren "überfürsorglich" in Sachen Familie.

Aus der Praxis - Praxisbeispiele

Viele meiner Patientinnen haben ihre Grenzen überschritten, bis sie schließlich krank wurden. Eine zum Beispiel hatte neben ihrem Halbtagsjob noch eine mehrjährige Zusatzausbildung begonnen. Als Mutter von zwei kleinen Kindern und einem Ehemann, der Vollzeit berufstätig ist und erst spät nach Hause kommt hat sie versucht, nicht nur den Haushalt alleine zu bewältigen.

Sie wollte vor allem ihren Kindern "das Beste bieten". Dabei hat sie sich selbst vergessen. In der Beratung hat sie sich getraut, über ihre eigenen Wünsche zu sprechen. Ihre größte Sehnsucht war "Ruhe".

Mehr zum Thema: Stress im Alltag: Liebe Mutter, die ihr Bestes gibt

In einem gemeinsamen Gespräch mit ihrem Ehemann konnte sie ihm von ihrer Sehnsucht nach Ruhe erzählen. Ihm war bis dahin nicht aufgefallen, wie sehr seine Frau litt. Gemeinsam fanden die beiden in der Paarberatung die nötigen "Ruhe-Oasen" - für sie und beide als Paar.

Diese Auszeiten übertrugen sich auf das gesamte System Familie. Auch die Kinder forderten weniger Aufmerksamkeit ein. Meine Patientin hatte im Laufe der Therapiegespräche verstanden, dass sie keine schlechte Mutter ist, wenn sie sich nicht ständig mit ihren Kindern beschäftigt oder im Haushalt mal etwas liegen bleibt.

Eine andere Patientin erkannte in der Beratung, dass sie mehr für sich sorgen musste: Sie hat ihre Krankheit mit sich selbst ausgemacht bzw. ausmachen wollen: Als sie die Diagnose Broken-Heart erhielt, hat sie es ihrem Mann nicht gesagt. Sie wollte, dass er sich keine Sorgen macht und hat auf Medikamente verzichtet, um nicht aufzufallen.

Erst als sie am Arbeitsplatz zusammenbrach und in die Klinik musste, erfuhr ihr Mann von ihrem "gebrochenen Herzen". In der Beratung lernte sie, Hilfe anzunehmen und auch öfters mal "nein" zu sagen.

In meiner Praxis erlebe ich auch Frauen, die sich überlegen, gemeinsam mit ihren Kindern den Ehemann zu verlassen. Sie sehen keinen Ausweg mehr aus der Situation, sind am Partner "gescheitert", der jegliche Gespräche oder Paarberatung ablehnt oder für unnötig erachtet.

So habe ich es auch schon erlebt, dass ein Ehemann während eines Paar-Beratungsgesprächs bei mir vor vollendete Tatsachen gestellt wurde: Seine Frau hatte bereits eine neue Wohnung und die Koffer für sich und die Kinder gepackt.

Was läuft schief in unserer Gesellschaft?

Nach der Arbeit einkaufen, kochen, den Kindern bei den Hausaufgaben helfen, zu ihrem Sportverein fahren und schnell noch das Hemd für den Partner bügeln, den Einkaufszettel fürs Wochenende schreiben und dann abends vor lauter Erschöpfung viel zu früh auf dem Sofa einschlafen...

Der Alltag kostet uns in all seinen Facetten Zeit und Energie - im Berufsleben wie in der Freizeit. Letztere ist oft überladen mit Aktivitäten jeglicher Art. Und schnell ist das Wochenende dann auch schon wieder vorbei. Hat unser Körper sich überhaupt erholen können? Kaum - es bleibt insgesamt zu wenig Zeit für Erholung.

Auch die Gemeinsamkeit fällt vor lauter Terminen unter den Tisch: Sowohl für das Paar als auch für die Familie.

Wir denken an vieles, aber zu selten an uns. Dahinter steckt oft der Wunsch, es allen recht zu machen und von allen geliebt zu werden: "Ich muss doch fertig werden mit meinem Kram, was sollen andere von mir denken" - "andere schaffen das doch auch" - "ich muss eine gute Mutter/Ehefrau sein"....

Der tägliche Stress und die vielfältigen Belastungen enden für Frauen oft in einem Teufelskreis. Kommentare wie "mach Dir doch nicht so viel Arbeit" werden nicht ernst genommen bzw. überhört. Wir wollen schließlich, dass die anderen sich wohlfühlen. Und am wenigsten fühlen wir uns selbst wohl!

Mehr zum Thema: 5 Gründe, warum Mütter sich selber runtermachen - und wie man damit umgeht

Erst wenn der Körper rebelliert, wenn er uns förmlich ausbremst, bekommt er - gezwungenermaßen - Zeit zum Entspannen. Bis dahin musste unser Herz auf Hochtouren arbeiten. Doch wirklich entspannen ist selbst dann oft nicht möglich - zu viele Gedanken kreisen einem durch den Kopf, zu vieles bleibt liegen "was doch eigentlich schon längst hätte erledigt werden müssen".....

Und "ganz nebenbei" sind Frauen oft "Beziehungsarbeiterinnen": Sie kümmern sich um die Geburtstagsgeschenke für die Schwiegermutter, um Einladungen von Freunden zum Essen, um den Elternabend in der Schule...

Einen Moment Innehalten

Denkt doch mal für einen Moment nach! Ertappt ihr euch manchmal selbst dabei, wie ihr euch sagt: "Und was soll das Ganze alles?" oder "Ich kann bald nicht mehr!" - Bekommt ihr ein schlechtes Gewissen, wenn ihr mal einen Moment in den Himmel schaut - denken ihr dann, es wäre "verschwendete Zeit"?

Vielleicht seid ihr gerade dabei "auszubrennen" - das Burnout-Syndrom ist nicht nur Männersache und nicht nur auf die Arbeitswelt bezogen!

Was tun?

In akuten Situationen mit körperlichen Symptomen wie z.B massiven Schlafstörungen oder Gewichtsverlust rate ich zunächst zu einem stationären Aufenthalt in einer psychosomatischen Fachklinik. Evtl. in einer Mutter-Kind-Klinik - wenn die Kinder nicht anders versorgt werden können. Der räumliche Abstand von zuhause ist wichtig - Verpflichtungen wie Einkaufen und Haushalt entfallen. Damit ist der Anfang gemacht: für sich selbst sorgen!

Grundsätzlich empfehle ich, regelmäßig eine Auszeit für sich einzuplanen! Das geht nicht von heute auf morgen. Dafür ist ein Umdenken erforderlich, das trainiert werden muss. Doch wenn es zum ersten Mal gelungen ist, trotz "vollem Kopf" an sich zu denken, sollte man dran bleiben.

Dies kann der regelmäßige Saunabesuch sein oder Yoga oder ein Entspannungstraining. Wichtig ist: Es ist ein fest eingeplanter persönlicher Termin - den Sie sich freihalten - nur für sich! Ich biete in meiner Praxis regelmäßig Entspannungstraining an - für viele Teilnehmer ist dies ein fester Bestandteil ihres Alltags geworden. Melden Sie sich am besten für einen Kurs an, damit Sie feste Termine haben. Die Wahrscheinlichkeit ist höher, dass Sie dann auch dorthin gehen.

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Schafft euch kleine "Oasen" für Auszeiten. Vielleicht gibt es eine Rückzugsmöglichkeit in der eigenen Wohnung. Und wenn nicht, verlasst die eigenen vier Wände und tut etwas für euch - eine schöne Bank zum Ausruhen und Träumen... Beginnt mit kleinen Dingen - z.B. ein kleiner Spaziergang ganz alleine - damit Sie motiviert bleiben!

Macht euch eine Prioritätenliste und überprüft, was wirklich wichtig ist und was unbedingt noch erledigt werden muss.

Oft lade ich den Partner gemeinsam mit seiner Frau zu einem Beratungsgespräch ein. Dies ist die Gelegenheit für beide, die oft als festgefahren erlebte oder ausweglos erscheinende Situation in Worte zu fassen und gemeinsam nach Veränderungsmöglichkeiten zu suchen.

In diesem geschützten Rahmen der Paar-Beratung geht es nicht um gegenseitige Vorwürfe. Beide fühlen sich nach dem Gespräch erleichtert . Dabei mache ich oft die Erfahrung, dass es auch den Männern nicht gut geht und sie froh sind, darüber sprechen zu können.

Last - but not least: Lasst den Anderen "auch mal machen" - ich möchte euch dazu motivieren, es auszuprobieren. Ihr werdet merken: Es tut gut! Denkt daran: Wenn ihr krank werdet, geht auch vieles nicht!

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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