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Ich brachte meine Tochter morgens in den Kindergarten - dann wurde sie mir für zwei Jahre genommen

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MUTTER KIND
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Da man momentan von allen Seiten hört, wie wichtig es ist, familiäre Bindungen zu pflegen, habe ich beschlossen, etwas aufzuschreiben, über das ich schon eine ganze Weile nachdenke.

Bisher habe ich es immer wieder aufgeschoben, über dieses Thema zu schreiben, weil ich jedes Mal von meinen Gefühlen überwältigt werde, wenn ich darüber nachdenke, dass ich als Mutter im Gefängnis saß und dass ich die Beziehung zu meiner Tochter nach meiner Entlassung erst wieder neu aufbauen musste.

In erster Linie bin ich Mutter. Meine Tochter ist mein ganzer Stolz und mein Glück. Sie ist sowohl innerlich als auch äußerlich schön, sie liebt Tiere über alles, sie ist eine Komikerin und obwohl sie ein extrem verwöhntes Einzelkind ist, würde sie jederzeit ihr Lieblingsspielzeug oder ihren Teddy einem anderen Kind schenken, dem es nicht so gut geht wie ihr.

In der Schule hat sie in allen Fächern durch die Bank sehr gute Noten und sie hat tolle Freunde. Sie sorgt auf jeder Party oder Familienfeier für Stimmung.

Meine Tochter ist total selbstlos

Ich möchte euch gerne anhand von ein paar Beispielen erklären, was für ein Mädchen meine Tochter ist. Vor ein paar Jahren besuchte sie mich zusammen mit meiner Schwester in der Arbeit. Meine Tochter war damals sechs Jahre alt. Ich nahm meine Handtasche und gab ihr zehn Pfund, die sie ausgeben durfte, wenn sie mit meiner Schwester zum Einkaufen ging.

Die beiden verließen meinen Arbeitsplatz und erledigten ihre Einkäufe. Als ich nach Hause kam, erzählte mir meine Schwester, dass sie in der Fußgängerzone am Stand eines Tierschutzvereins vorbeigelaufen waren. Dort konnte man gegen eine Spende einen Esel streicheln. Meine Tochter hatte meine Schwester um ein bisschen Geld für die Tierschutzorganisation gebeten, doch meine Schwester hatte kein Kleingeld dabei.

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Also sagte meine Tochter: "Dann geben wir ihnen eben die zehn Pfund, die ich gerade von Mama bekommen habe." Als meine Schwester sich weigerte, den Tierschützern ganze zehn Pfund zu geben, antwortete meine Tochter: "Na gut, Tante Soph, dann reiß den Schein wenigstens auseinander und gib ihnen fünf Pfund."

Ein anderes Mal fragte meine Tochter mich: "Mama, bekomme ich bitte ein bisschen Taschengeld, wenn ich den Abwasch erledige und mein Zimmer aufräume?" Ich fand die Frage eigenartig, denn sie war sieben Jahre alt und hatte mich noch nie um Taschengeld gebeten.

Also fragte ich sie, wofür sie das Geld denn bräuchte. Sie sagte: "Meine Lehrer fahren nach Tansania und besuchen dort eine Schule. Ich wollte ein paar Schulsachen für die Kinder kaufen, weil die Schulen in Tansania nicht so gut ausgestattet sind wie unsere."

Meine Tochter ist total selbstlos. Wenn jemand aus der Familie Geburtstag hat, besteht sie darauf, selbst Karten und Geschenke zu basteln, weil es in ihren Worten "netter ist, selbst etwas zu basteln, als einfach irgendetwas zu kaufen".

Ich habe ihren ersten Schultag verpasst

Ich kam ins Gefängnis, als sie gerade einmal vier Jahre alt war. Es brach mir das Herz und ich werde meine Schuldgefühle einfach nicht los, ganz egal wie sehr ich auch versuche, mir selbst zu verzeihen.

Der Gedanke daran, dass ich ihren ersten Tag in der Grundschule verpasst habe, ist noch immer schrecklich für mich. Auf den Bildern hat sie zwei Zöpfe und ihr Rucksack ist größer als ihr Rücken. Sie war noch so klein und sie sah unglaublich nervös aus. Ich habe die Bilder von ihrem ersten Schultag in meiner Küche aufgehängt.

Es war schon schwer, ihre Geburtstage und die gemeinsamen Weihnachtsfeste zu verpassen, doch diesen einen Tag werde ich nie wieder zurückbekommen. Es war der größte Meilenstein ihres Lebens und ich habe ihn verpasst, weil ich im Gefängnis saß.

Meine Schwestern und meine Mutter brachten sie an ihrem ersten Tag zur Schule und sie alle weinten sich beim Abschied die Seele aus dem Leib. Sie weinten, weil unsere Kleine jetzt plötzlich schon ein Schulkind war, und weil ihre Mutter nicht dabei sein konnte.

Ich habe ihren fünften und ihren sechsten Geburtstag sowie zwei Weihnachtsfeste verpasst. Da ich im November ins Gefängnis kam, war das erste Weihnachten schrecklich. Keiner hatte erwartet, dass ich noch am Tag meiner Verurteilung ins Gefängnis gesteckt werden würde.

Ich ging selbstverständlich davon aus, dass ich abends wieder zuhause sein würde

Ich wurde ohne einen vorherigen Bericht zur Strafmaßfestsetzung (Anm.d.Red.: ein Verfahren in Großbritannien, bei dem die persönlichen Umstände des Straftäters aufgeführt, die zur Milderung/Verschärfung des Strafmaßes herangezogen werden können.) verurteilt, und keiner hatte sich überlegt oder mich gefragt, ob ich mich bereits um die zukünftige Betreuung meines Kindes gekümmert hatte.

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Das hatte ich nämlich zu diesem Zeitpunkt noch nicht getan. Der Richter hatte gerade einmal fünf Minuten, bevor er mich zu zwei Jahren Gefängnis verurteilte, erfahren, dass ich ein Kind hatte. An dem Tag, an dem ich ins Gefängnis kam, hatte ich meine Tochter morgens noch ganz normal in den Kindergarten gebracht.

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Anschließend fuhr ich zum Gericht und ging selbstverständlich davon aus, dass ich abends wieder nach Hause kommen würde. Doch ich kam zwei Jahre lang nicht mehr nach Hause.

Meine Tochter war erst vier Jahre alt und hatte keine Ahnung, was da gerade passierte. Zum Glück nahm meine Mutter sie ohne zu zögern bei sich auf und kümmerte sich um sie, während ich im Gefängnis saß.

Am ersten Weihnachtsfeiertag 2011 rief ich meine Familie an. Ich unterdrückte meine Tränen, während ich kurz mit meiner Mutter und mit meinen Schwestern sprach, und ihnen erzählte, wie schrecklich mein bisheriger Morgen verlaufen war.

Ich musst so sehr weinen, dass ich nicht mehr sprechen konnte

Dann sprach ich mit meiner Tochter und versuchte, dabei nicht zu weinen. Ich stellte ihr ein paar Fragen und ich erkundigte mich nach ihren Weihnachtsgeschenken. Sie zählte ein paar neue Spielsachen und andere Dinge auf, die sie bekommen hatte. Doch plötzlich sagte sie: "Aber Mama, warum bist du denn nicht hier, denn eigentlich habe ich mir doch nur dich gewünscht?"

Ich legte einfach auf, weil ich so weinen musste, dass ich nicht mehr sprechen konnte. Ich war hysterisch. Ich ging zurück in meine Zelle und weinte dort den Rest des Weihnachtsfeiertags über durch. Mir kommen sogar jetzt noch die Tränen, wenn ich mich an dieses Telefonat erinnere.

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Ich habe noch immer ein schlechtes Gewissen, weil ich damals einfach aufgelegt habe, doch ich wollte nicht, dass meine Tochter mich weinen hört, weil ich wusste, dass sie das beunruhigen würde.

Im zweiten Jahr beantragte ich Hafturlaub, damit ich Weihnachten mit meiner Familie verbringen konnte. Meine Bewährungshelferin genehmigte meinen Hafturlaub. Sie kontaktierte meine Mutter und sagte mir, dass sie zugestimmt hatte, und dass ich nach Hause fahren durfte.

Doch dann kam der Knaller und meine Bewährungshelferin stufte mich von einer mittleren Gefahr für die Öffentlichkeit als eine hohe Gefahr für die Öffentlichkeit ein, obwohl sie ganz genau wusste, dass die Gefängnisverwaltung mich als Hochrisiko-Häftling niemals gehen lassen würde, selbst wenn mein Hafturlaub bereits genehmigt war (ganz genau, meine Bewährungshelferin hatte einer Person Hafturlaub gewährt, die sie für eine hohe Gefahr für die Öffentlichkeit hielt).

In den zwei Jahren im Gefängnis hatte ich jeden Tag Kontakt zu meiner Familie

Die Gefängnisverwaltung hatte keine Ahnung, warum sie das tat, und auch ich konnte es mir nicht erklären. Es dauerte Wochen, bis ich eine schriftliche Stellungnahme dazu erhielt. Ich sammelte Beweise, um ihre Einstufung anzufechten, und ich beschwerte mich bei ihrem Vorgesetzten.

Schließlich wurde ihre lächerliche Entscheidung wieder aufgehoben. Am Ende hatte ich es zwar geschafft, doch trotzdem bedeutete es, dass ich auch Weihnachten 2012 im Gefängnis verbringen musste.

In den zwei Jahren, die ich im Gefängnis saß, hatte ich jeden Tag Kontakt zu meiner Familie. Briefe, E-Mails, Anrufe und Besuche. In den letzten acht Monaten meiner Haftstrafe hatte ich jedes Wochenende Freigang und ich durfte im Rahmen einer vorübergehenden Haftentlassung vier bis fünf Tage zu Hause verbringen. An diesen Tagen brachte ich meine Tochter zur Schule und ich holte sie auch wieder ab.

Als ich zu Hause war, sagte sie ein paar Mal "Mama" zu meiner Mutter, und die reagierte darauf. Ich musste mit ansehen, dass meine Tochter ihre Oma für eine gewisse Zeit als ihre Mutter betrachtete. Und obwohl ich weiß, dass meine Mutter alles dafür getan hat, um sich um meine Tochter kümmern zu können, war es dennoch schlimm für mich zu sehen, dass mein Kind meine Mutter für ihre eigene Mutter hielt.

Zweimal durfte meine Tochter mich besuchen

In den zwei Jahren im Gefängnis durfte meine Familie mich genau ZWEIMAL einen ganzen Tag lang besuchen. Meine Mutter und meine Tochter durften an diesen Tagen kommen und sich ein paar Stunden über die normalen Besuchszeiten hinaus im Besucherraum aufhalten. Sie hatten ein paar Spiele dabei und wir bekamen ein gemeinsames Mittagessen serviert. Wir verbrachten den ganzen Tag mit basteln.

Meiner Meinung und Erfahrung nach könnte und sollte sehr viel mehr getan werden, damit Eltern, die im Gefängnis sitzen, die Verbindung zu ihren Kindern besser aufrechterhalten können.

Ich bin mir sicher, dass meine Tochter nachhaltig davon geprägt wurde, dass sie zwei Jahre lang ohne ihre Mutter leben musste. Im ersten Jahr nach meiner Entlassung war es für meine Tochter noch vollkommen in Ordnung, bei meiner Mutter oder bei ihrem Vater zu bleiben oder bei Freunden und Verwandten zu übernachten. Sie vermisste mich also nicht wirklich.

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Und da sie es gewohnt war, bei meiner Mutter zu wohnen, ging sie noch immer oft zu ihr, sogar wenn ich zu Hause war. In letzter Zeit ist mir jedoch aufgefallen, dass ihr Verhalten sich verändert hat. Sie ist sehr anhänglich und sie hat Angst, wenn ich zur Arbeit gehe.

Sie fragt mich, um wie viel Uhr ich wieder nach Hause komme, wie lange ich denn wegbleibe und wie lange sie bei ihrem Kindermädchen bleiben muss. Ganz egal, aus welchem Grund sie gerade nicht bei mir sein kann, bekomme ich jedes Mal Anrufe und Nachrichten, in denen sie mir sagt, dass sie Angst hat, und mich fragt, wann ich wieder nach Hause komme. Sie hält es momentan überhaupt nicht aus, von mir getrennt zu sein.

Das Verhältnis zu meiner Tochter ist mittlerweile toll

Ich bin noch immer entsetzt darüber, dass der Richter mich sofort ins Gefängnis steckte und dass er einen Bericht zur Strafmaßfestsetzung ablehnte. Es war meine erste Haftstrafe und ich hatte ein kleines Kind. Wie ich vorher bereits erwähnte, hatte der Richter gerade einmal fünf Minuten, bevor er mich zu zwei Jahren Haft verurteilte, erfahren, dass ich die alleinerziehende Mutter einer vierjährigen Tochter war.

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Das Verhältnis zu meiner Tochter ist mittlerweile toll. Sie freut sich, dass ich bald mit meinem Studium anfangen werde. Und obwohl ich meine Vollzeitstelle aufgebe, um zu studieren, sagt sie, dass wir dann zwar weniger Geld haben werden, dass wir jedoch mehr Zeit haben werden, "lustige Dinge miteinander zu unternehmen".

Bevor ich eine Studentin, eine Kellnerin, eine Schwester oder eine Tochter bin, bin ich in erster Linie eine Mutter. Vorher war ich eine Mutter, die im Gefängnis saß, und jetzt bin ich eine Mutter, die auf freiem Fuß ist.

Meine Rolle als Beschützerin, als Freundin und als Unterstützerin hat sich nie geändert, es hat sich lediglich mein Aufenthaltsort geändert. Meine Tochter hat eine ganze Schuhschachtel voller Karten und Briefe, die ich ihr geschickt habe, während ich im Gefängnis saß.

Ich kann die Vergangenheit leider nicht mehr ändern

Sie hat sie aufgehoben und manchmal liest sie sie auch. Ich habe sie gefragt, ob wir die Briefe denn nicht wegwerfen könnten, weil mir das eigentlich lieber wäre. Doch sie antwortete: "Nein. Ich will sie aufheben, falls irgendjemand später einmal behaupten sollte, dass du mich einfach im Stich gelassen hast."

Ich würde mein Kind niemals im Stich lassen. Richter, die Mütter zu Haftstrafen verurteilen, müssen sicherstellen, dass es wirklich keine andere Lösung gibt. Und sie müssen dafür sorgen, dass die Frauen sich in Ruhe darum kümmern können, dass ihr Kind während ihres Gefängnisaufenthaltes betreut wird.

Zum Glück ist meine Mutter sofort eingesprungen. Das wusste der Richter jedoch nicht. Ich kann die Vergangenheit zwar leider nicht mehr ändern, doch ich kann mich auf die Zukunft konzentrieren und versuchen, als Mama mein absolut Bestes zu geben, und zwar unabhängig von meiner Vergangenheit.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei Michaelas Blog "Michaela Movement" und bei der HuffPost UK und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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(lk)