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Wie SozialunternehmerInnen weltweit die Medienlandschaften revolutionieren

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von Lea-Kristin Martin und Michael Vollmann

Wie können wir als Bürger die Möglichkeiten des digitalen Zeitalters aktiv nutzen, um mittels neuer Medien unsere Meinung frei zu vertreten, politische Prozesse zu beeinflussen und uns gesellschaftlich zu engagieren? Vielfältige Antworten auf diese Fragen legten 16 SozialunternehmerInnen aus 13 Ländern während des von Ashoka ausgerichteten Globalizer Summit on Participative Journalism in Bonn dar. Auf dem im Rahmen des Global Media Forums der Deutschen Welle stattfindenden Summit setzten sich die TeilnehmerInnen besonders mit den Möglichkeiten der Schaffung neuer Beteiligungsmöglichkeiten im Bereich (Bürger-)Journalismus sowie deren Finanzierung und regionaler und globaler Verbreitung auseinander. Während des Summits wurde deutlich, dass die teilnehmenden SozialunternehmerInnen überwiegend in drei Bereichen wirken:

1. Schaffung neuartiger partizipativer Möglichkeiten für (Bürger-)Journalismus

Zum einen schaffen SozialunternehmerInnen wie Cristi Hegranes neue Mitmachmöglichkeiten für einst marginalisierte Zielgruppen mit wenig Erfahrung im Bereich Journalismus. Dabei schult die US-amerikanische Journalistin mit ihrer Organisation Global Press Institute (GPI) aus Entwicklungsländern stammende Frauen in der Praxis des investigativen Journalismus. GPI bietet Frauen unterschiedlicher Herkunft die Möglichkeit, an einem sechsmonatigen Trainingsprogramm teilzunehmen und anschließend für das angegliederte Global Press Journal als Reporterinnen zu arbeiten. Inzwischen beschäftigt GPI nicht nur 136 dieser frisch ausgebildeten Journalistinnen, sondern tut dies auch mit internationalem Erfolg. So wurde beispielsweise die GPI Reporterin Gertrude Pswarayi aus Zimbabwe 2011 mit dem renommierten Kurt Schork Preis der Nachrichtenagentur Reuters ausgezeichnet.

Auch die Palästinenserin Maysoun Odeh Gangat beschäftigt in ihrem Radiosender 96 NISAA FM überwiegend Frauen, die im arabischsprachigen Raum häufig noch immer nicht als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft wahrgenommen werden. Dieser fortbestehenden Ausgrenzung sucht 96 NISAA FM entgegen zu wirken, in dem es Frauen im Radio anhand von Erfolgsgeschichten als gesellschaftliche Vorbilder porträtiert. 96 NISAA FM bietet diesen Frauen dabei nicht nur Jobs im eigenen Radiosender sowie professionelle Trainingsprogrammen, sondern ihnen ebenfalls die Möglichkeit, im Rahmen eines Netzwerkes von Gemeindereporterinnen zur inhaltlichen Ausgestaltung des Radiosenders beizutragen.

2. Aufbau innovativer Finanzierungsformen unabhängiger Medien

Zum anderen widmen sich SozialunternehmerInnen verstärkt dem Aufbau neuer Finanzierungsformen von unabhängigen Medien. Dies erscheint besonders dringend,als dass es in vielen Ländern der Welt noch immer keine freie Presse gibt und dort lebende unabhängige Journalisten häufig große Schwierigkeiten haben, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Um diese Herausforderung anzugehen, gründete der aus Serbien stammende Journalist Sasa Vucinic 1995 zunächst den Media Development Loan Fund (MDLF) (heute Media Development Investment Fund (MDIF)), welcher Medienunternehmern erschwingliches und zielgerichtetes Kapital gekoppelt mit Management- und technischem Know-How bereitstellt. 2013 richtete er dann das Crowdfunding Portal IndieVoices ein, das seinen Fokus auf die Förderung unabhängigen Journalismus legt und freien Medienanstalten in Schwellenländern die Möglichkeit gibt, Finanzierungsgelder auf der Plattform zu sammeln.

Auch der in Tschechien lebende US-Amerikaner Jeremy Druker arbeitet zurzeit an der Umsetzung seines neuen Projekts „MediaDefender". Ebenfalls durch Crowdfunding sucht diese Plattform, die Projekte und Artikel mittelloser Journalisten in Ländern ohne vollständig freie Medien finanzieren. Bereits seit 1999 setzt sich Jeremy außerdem für die Stärkung professioneller, unabhängiger und wirkungsvoller Nachrichtenmedien in verschiedenen postkommunistischen Ländern Europas ein. Im Rahmen der Arbeit seiner gemeinnützigen Organisation Transitions Online (TOL) versucht er, die existierende Lücke im Angebot von professionellen journalistischen Trainingsprogrammen in diesen Ländern zu schließen und veröffentlicht zudem das unabhängige Magazin Transitions Online.

3. Förderung von neuen Technologien für sozialen Wandel

Schließlich zeigen SozialunternehmerInnen wie Sascha Meinrath, wie man neue Technologien auf Open Source Basis konkret für den sozialen Wandel einsetzen kann. Der Gründer des Open Technology Institute (OTI) möchte hierbei Menschen auf der ganzen Welt einen sicheren und bezahlbaren Internetzugang sowie weitere Kommunikationsmöglichkeiten zur Verfügung stellen. 2014 lancierte OTI daher das Toolkit „Commotion 1.0", welches Gemeinden dazu befähigt, ihre eigenen Kommunikationsinfrastrukturen durch „vermaschte Netze" (mashed networks) aufzubauen und über diese eigenständig zu verfügen. Mittels dieser Netze können Menschen über diverse Medien drahtlos kommunizieren, ohne dabei von traditioneller Informationsinfrastruktur abhängig zu sein.

Ebenfalls auf dem Open-Source-Prinzip basiert die Software zum Verbreiten und Sammeln von Informationen per SMS des global aktiven Sozialunternehmers Ken Banks. Mit seiner Firma FrontlineSMS erreicht Ken dabei arme und schwer zugängliche Gemeinden in Afrika und Asien, welche die Software bereits in den Bereichen Gesundheitsvorsorge und Wahlbeobachtung erfolgreich eingesetzt haben. Durch den Zugang zu einer frei herunterladbaren Kernplattform möchte Ken eine Bewegung gründen, die lokale Akteure befähigt, eigenständig Lösungen für ihre Probleme mittels einfacher Technologien zu finden.

Nutzung unterschiedlicher Skalierungsstrategien für ein gemeinsames Ziel

Um ihre neu geschaffenen Infrastrukturen für partizipativen Journalismus letztendlich regional und weltweit zu verbreiten, bedienen sich die hier vorgestellten SozialunternehmerInnen verschiedener Strategien. Wie das Beispiel von 96 NISAA FM verdeutlicht, umfasst eine mögliche „Skalierungsstrategie " die Schaffung von Netzwerken. Aufgrund der ähnlich gelagerten Probleme, denen Frauen in der arabischen Welt begegnen, verfolgt Maysoun das Ziel, ihr Modell an ein Netzwerk gleichgesinnter Radiosender in der Region zu exportieren und so weitreichend die Gleichstellung der Geschlechter in der Medienbranche zu fördern. Sozialunternehmer wie Jeremy und Sasa bauen dagegen auf der Beteiligung der „Crowd" bzw. der gesellschaftlichen Menge, um das Finanzierungsvolumen für unabhängigen Journalismus zu erhöhen. Letztendlich eröffnen Open Source Strategien weitreichende Möglichkeiten, einfach zu handhabende Informationstechnologien einer breiten Masse von Menschen zugänglich zu machen.

Trotz der Unterschiedlichkeit ihrer Vorhaben und Skalierungsstrategien eint jedoch alle auf dem diesjährigen Globalizer Summit anwesenden SozialunternehmerInnen die feste Absicht, partizipativen Journalismus zur Lösung gesellschaftlicher Probleme noch weitreichender und tiefgreifender zu fördern.

Der Ashoka Globalizer Summit on Participative Journalism und das Global Media Forum der Deutschen Welle zum Thema „From Information to Participation" fanden vom 28.06. bis 03.07.2014 Bonn statt. Weitere Informationen zu den Veranstaltungen finden sich hier:

Website des Ashoka Globalizer
Website des Global Media Forum