BLOG

Routine ablegen: Neuer Umgang mit Demenz

04/08/2015 17:44 CEST | Aktualisiert 04/08/2016 11:12 CEST
GettyImages

Man kann viele alltägliche Dinge erledigen, ohne groß darüber nachzudenken, ob sie sinnvoll sind oder ob es Alternativen gibt. Beispielsweise holt ein Freund von mir samstagmorgens seine Brötchen mit seinem Vierrad-angetriebenen SUV, obwohl die Bäckerei, zu der er fährt, weniger als 1 km vom Zuhause entfernt ist.

Es gibt Menschen, die diese Strecke zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurücklegen. Auch aus meiner Sicht wäre das eine Alternative, über die es sich lohnt nachzudenken. (Und natürlich setze ich mit dem humorvollen Bezug zum Bäcker demente Menschen nicht mit Brötchen gleich.)

Eigenes Verhalten hinterfragen

Aber es geht nicht darum, jemanden wegen seiner Vorgehensweisen zu schelten. Ich nehme es als Hinweis, dass man routinemäßige Verhaltensweisen durchaus einmal herausfordern darf und sollte. Beim Brötchenholen mag das nicht weltbewegend wichtig sein.

Anders ist das bei Erkrankungen, wie beispielsweise der Demenz. Oft werden da einfach zu viele Medikamente gegeben. Der Gedanke dabei ist sicher, einer unerfreulichen und auch unvertrauten Entwicklung mit Medikamenten entgegenzutreten, um eine prognostizierte Verschlechterung des körperlichen Zustandes zu vermeiden.

Und sicherlich ist die Suche nach einer geeigneten Hilfestellung begrüßenswert. Allzu leicht aber werden Medikamente als probates Mittel betrachtet. Man muss sich aber fragen, ob Medikamente in jedem Fall zu dem gewünschten Ergebnis führen.

Der Caritas-Direktor Andreas Magg erklärt auf einer Hospiz-Fachtagung: „Demenziell erkrankte Menschen verdienen einen liebevollen Umgang in ihrer Welt, auch wenn sie nicht unsere ist". Und er fügt an: „Man dürfe diese Erkrankungen nicht skandalisieren, denn viele aus der stark wachsenden Zahl der über 90- und sogar über 100-Jährigen altern hervorragend" („Liebe statt Psychopharmaka", Augsburger Allgemeine vom 11. April 2015).

Liebevoller Umgang mit Dementen

Es gibt zahllose Beispiele, in denen das permanente und zum Teil übertriebene Verabreichen von Medikamenten keinerlei positive Wirkung auf das Erleben dieser Menschen hat. Stattdessen treten Verwirrung und eine schnell wachsende geistige Einschränkung ein.

Beobachtet wird, dass das Fehlen von Bezugspersonen in einem Krankenhaus oder Heim dem individuellen Empfinden abträglich ist. Auch ein klar strukturierter Tagesablauf und eindeutige Orientierungshilfen wie Kalender und Uhren haben eine positive Wirkung.

Im oben erwähnten Beitrag hieß es weiter: „Nicht das Leben mit der Erkrankung sei unerträglich, sondern die Umstände und der Umgang mit den Dementen mache vieles unerträglich".

Geduld und Mitgefühl statt Medikamente

Der würdevolle Umgang mit diesen Menschen, die Erwartung, in ihnen lebenserfahrene Gesprächspartner zu haben, und die Geduld, Gespräche mit ihnen zu suchen, haben eine aufbauende Wirkung.

Gewiss ist es nicht immer leicht, diesen Menschen so viel Zeit zu schenken, dass auch sie sich ohne Druck und Hast äußern können. Aber sie werden in den meisten Fällen diese Hingabe durch ein Interesse an ihrer Umwelt danken und zeigen, dass es nicht die Medikamente, sondern das Bewusstsein ist, das sich durch Liebe, Erwartung, Hingabe öffnet.

Diesen Menschen einen harmonischen, zufriedenstellenden und würdevollen Umgang zu ermöglichen ist ein Erfolg versprechender Weg, den man nicht unterschätzen sollte. Darum lohnt es sich, alt eingefahrene Wege zu hinterfragen und den Dementen mit frischen Gedanken und weniger Medikamenten zu begegnen.

Sie haben auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn Sie die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollen, schicken Sie Ihre Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.


Lesen Sie auch:

Video: Alzheimer: Ein Getränk, das Sie alle kennen, könnte dagegen helfen

Hier geht es zurück zur Startseite

Gesponsert von Knappschaft