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Man redet von Integration, setzt uns aber an den Stadtrand

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FLUECHTLINGSHEIM
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Schwierige Suche

Ebenso wie die Suche nach geeigneten Jobs treibt die Politik weiterhin der Mangel an genügend Wohnraum für die Geflüchteten um. In den Metropolregionen fehlen Zehntausende Wohnungen.

Noch einmal zurück zum Beispiel Hamburg: Inzwischen gibt es Überkapazitäten bei Erstunterbringungen. Der Bau von Wohnungen geht indes wesentlich schleppender voran als von der Verwaltung geplant und erhofft: Bürgerinitiativen und Gerichtsverfahren, politische Diskussionen und städteplanerische Aspekte lassen die rasche Errichtung einer ausreichend großen Zahl an Wohnungen illusorisch erscheinen.

Ursprünglich wollte der Senat mit dem Bauprogramm »Expresswohnungen « 5600 Wohnungen für Flüchtlinge innerhalb eines Jahres bereitstellen. Die Wohnungen sollten bis Weihnachten 2016 bezugsfertig sein. Zunächst sollten sie als Flüchtlingsunterkünfte genutzt und mit deutlich mehr Menschen belegt werden als in regulären Wohnungen üblich. Nach 15 Jahren - so die Idee - stünden die Wohnungen dann dem allgemeinen Wohnungsmarkt zur Verfügung - mit einer entsprechend geringeren Belegung.

Aber lediglich der Bau von 1000 Wohnungen wurde bisher begonnen, in denen zunächst etwa 3500 Flüchtlinge Platz finden sollen. Nur für eine weitere Siedlung wurde die Baugenehmigung erteilt. Der Bau solcher »Expresswohnungen «, bei denen eine Bürgerbeteiligung nicht erforderlich ist, ist juristisch umstritten, wenn die Nutzung der Wohnungen nach einer Zeitspanne der Allgemeinheit zugänglich sein soll. Und auch etliche Bürgerinitiativen haben in den Verhandlungen mit der Stadt durchgesetzt, dass die Zahl der Flüchtlingswohnungen drastisch reduziert wird.

Außerdem wird die Anzahl der Einheiten pro Standort erheblich niedriger sein als ursprünglich geplant. Der Senat - in den Herbsttagen 2015 ganz auf die Durchsetzung seiner Linie bedacht - musste in seinen Planungen erhebliche Abstriche machen. Die Argumente mancher Initiativen mögen im Einzelfall nachvollziehbar sein. Für die Flüchtlinge in den Folgeunterkünften bedeutet das aber noch längeres Warten auf eine normale Wohnung.

Schwere Zeiten: Familie Houran

Wie für die Familie Houran aus Aleppo in Syrien: ausgebombt, obdachlos, die Heimat ein Trümmerhaufen. Die Eltern mit fünf Kindern, zwischen 21 und 3 Jahre alt. Über die Balkanroute waren sie im vergangenen Sommer nach Deutschland gekommen. Sie waren wohlhabende Bauern, lebten in einem großen Haus mit mehreren Angestellten - und haben alles verloren.

Die Familie hat Monate in Massenunterkünften hinter sich. Zunächst lebten sie mehrere Wochen in der Halle eines früheren Baumarktes - gemeinsam mit mehreren Hundert Menschen und unter Bedingungen, die sie sich in ihrem früheren Leben nicht hätten vorstellen können. Und ihre Odyssee ging noch weiter.

Aus dem Baumarkt wurden die Hourans für fünf Monate in eine Containersiedlung im Norden Hamburgs transferiert. Anschließend kamen sie für drei Monate in einem alten Schulgebäude unter. In einem einzigen, wenn auch großen Raum lebte die gesamte Familie mit sieben Personen, bis die Stadt Hamburg eine neue Bleibe für sie suchen musste: Das Dach der Schule drohte einzustürzen.

Jetzt leben die Hourans - inzwischen sind ihre Asylverfahren abgeschlossen, und sie sind als Flüchtlinge anerkannt - wieder in einer Folgeunterkunft. Sie sind am Stadtrand von Hamburg gelandet. Ein paar Meter hinter der Flüchtlingsunterkunft beginnt Schleswig-Holstein. Immerhin ist die nächste U-Bahn-Station auch nur ein paar Schritte entfernt.

Mehr zum Thema: "Wir sind - und waren immer - bereit, jeden Preis dafür zu bezahlen, um von der Gesellschaft anerkannt zu werden"

Die Containersiedlung mit ihren zehn Gebäuden liegt in einer Seitenstraße in der Sonne, adrett, sauber - und völlig isoliert. Weit und breit sind keine anderen Häuser zu sehen. Ein Zaun trennt die Siedlung noch zusätzlich ab. Wer hier hineingeht, betritt eine fremde, neue Welt. Ein Hausmeister kontrolliert von seinem Büro aus, wer kommt und geht.

Ein paar Kinder spielen auf der Straße. Die Container sind mit Dämmplatten verkleidet, auch innen erinnert erst einmal nichts an die Stahlkonstruktion. Die Hourans haben eine Wohnung für sich alleine, drei Zimmer, Küche, Bad. Die drei kleineren Geschwister haben ebenso ein Zimmer wie die Eltern; die beiden ältesten Jungs schlafen im Wohnzimmer.

Insgesamt hat sich die Situation also deutlich verbessert. Es ist ruhiger, die Familie kann sich zurückziehen. Die Mutter Leyla und Mohamad, der Älteste, der mit 21 sein syrisches Abitur in der Tasche hat, besuchen Integrationskurse. Omar, Rana und Said gehen zur Schule und sprechen schon recht gut Deutsch.

Omar, der 17-Jährige, freut sich, in Deutschland zu sein. Er hat neue Freunde gefunden. Und Freundinnen, fügt er noch hinzu und lächelt ein bisschen. Er ist viel unterwegs, lernt Menschen kennen und fühlt sich auch in seiner Schule wohl. Sein Berufswunsch? Polizist!

Said, acht Jahre, hat keine Zeit, sich zu unterhalten, er ist mit ein paar Freunden zum Fußballspielen auf der Straße verabredet. Aber er kann am besten Deutsch, sagen seine Geschwister. Die 15-jährige Rana trägt seit ein paar Monaten einen Hijab, also ein Kopftuch.

Sie fühle sich wohler damit, ihre Eltern hätten sie dazu nicht gezwungen oder genötigt, sagt sie. Aber sie habe oft Angst, wenn sie mit gleichaltrigen Mädchen zusammen sei, sie traue sich nicht, sich mit ihnen zu verabreden. Vielleicht ist das Kopftuch eine Art Schutz für sie in einer noch recht fremden Welt.

Osman ist mit seinen drei Jahren noch zu klein für die Schule. Die Eltern würden ihn gerne in den Kindergarten schicken, aber sie haben keinen Platz in erreichbarer Nähe gefunden. Sein Vater Abdul Rahman bleibt den ganzen Tag zu Hause, kümmert sich um seinen kleinen Sohn und organisiert das Familienleben. Er besucht keinen Integrationskurs, er habe keine Zeit, entschuldigt er sich, er müsse sich den ganzen Tag um andere Dinge kümmern.

Dabei flicht er immer wieder deutsche Wörter ins Gespräch, er möchte sich gerne verständigen.
Während also die Kinder sich mehr oder weniger gut in dem fremden Land und der fremden Kultur zurechtfinden, hadern die Eltern mit ihrem Schicksal: »Wo sind wir hier gelandet? Man redet von Integration, setzt uns aber an den Stadtrand, wo wir vollkommen isoliert sind«, bemerkt Abdul Rahman ein wenig bitter. »Wenn ich mal in den Ort hineingehe, schauen mich die Leute merkwürdig an. Wir sind ganz fremd.«

Tatsächlich braucht man von der Unterkunft über eine Stunde, bis man mit der U-Bahn das Stadtzentrum erreicht. Unterstützerkreise? Eine Kirche, die Kurse oder Gelegenheiten zum Kennenlernen anbietet? Die Hourans zucken ratlos mit den Achseln. Davon haben sie hier noch nichts gehört. Auch mit ihren Nachbarn in der Unterkunft reden sie nur, wenn man sich mal zufällig draußen begegnet.

Ihre Gedanken kreisen nur um ein Thema - ein Ort für ihre große Familie: »Gibt es denn keine Wohnung für uns in Hamburg? Wir fragen immer wieder, und es gibt nichts Neues, wir werden vertröstet.« - Leyla Houran kann kaum begreifen, dass Wohnungsnot herrscht und ihr Wunsch nach einem Haus für ihre Familie in nächster Zukunft wohl nicht erfüllbar sein wird. In Aleppo hatten sie alles, sie waren glücklich, ihre ganze Familie lebte mit ihnen. Und jetzt?

Abdul Rahman zeigt ein Bild seines Vaters in einem Krankenhaus in Aleppo. Ein altes Gesicht, Schläuche führen aus der Nase zu einem Beatmungsgerät, die Hände sind sehr geschwollen. Die Nieren arbeiten nicht mehr richtig. »Vielleicht wird mein Vater bald sterben, und ich kann nicht bei ihm sein, das zerreißt mich«, gesteht er.

Seine Frau ist oft traurig: »Ich mache mir Sorgen um meine beiden großen Jungs, was soll aus ihnen werden? Und bei Rana müssen wir jetzt aufpassen, sie ist ein junges Mädchen. Die deutschen Jungs sind zurückhaltend, aber die arabischen?« - Sie sagt, sie fühle sich manchmal nicht mehr als Mensch, wenn die Sorgen sie überwältigten. Nichts sei ihnen geblieben.
Familie Houran hat alles verloren. Und weiß noch nicht, wie sie das Neue finden soll.
[...]

Mohamad und seine Geschwister

August 2016. Mohamad lebt immer noch in einer Unterkunft in Hamburg-Harburg. Ehsan, sein 17 Jahre alter Bruder, schläft im Bett gegenüber. Eigentlich sollen Minderjährige nicht monatelang in den Massenunterkünften zubringen. Mohamad hatte als sein Vormund vergeblich versucht, eine Jugendwohnung für ihn zu finden. Seit ein paar Wochen ist die Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation Ehsans Vormund. Aber auch sie hatte bisher kein Glück.

Nur bei Zahra, der Schwester von Mohamad und Ehsan, hat es geklappt: Über eine Hamburger Stiftung, die Zimmer und Wohnungen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge finanziert, kam die 16-Jährige bei einer Frau unter, deren Tochter gerade ausgezogen war. Die beiden verstehen sich sehr gut, verbringen viel Zeit miteinander und waren sogar kürzlich für einen Tag in Berlin.

Zahra und Ehsan haben gerade Ferien. Während der 17-Jährige die Tage im Bett verbringt, etwas liest und nur ab und zu rausgeht, um mit dem Wachpersonal oder dem Sozialarbeiter zu plaudern, ist seine Schwester aktiver und trifft Freundinnen oder lernt Vokabeln.
Mohamad macht ein Praktikum. Er hilft ein Haus zu restaurieren - ein Projekt der Denkmalschutzbehörde.

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Anschließend könnte er sogar ein Freiwilliges Soziales Jahr in diesem Projekt machen. Aber er hat darauf verzichtet. Er möchte lieber weiter seinen Deutschkurs besuchen. Außerdem träumt er eher von einer Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann oder Altenpfleger. Vielleicht klappt es ja auch noch einmal mit der IT-Branche - das hat er schließlich im Iran studiert. Auf dem Bau, meint er, habe er in Iran schon so viel gearbeitet.

Mohamad sagt, er habe viel gelernt in diesem Jahr in Deutschland. Vor allem, auf sich zu schauen und nicht in die Zukunft oder die Vergangenheit zu sehen: »Das hier ist eine neue Welt. Jetzt verstehe ich besser, was gut für mich ist. Und ich habe erfahren, dass ich alles tun kann, was ich möchte.«

Das klingt frei und leicht. Aber es wirkt nur so. Im Mai hatte Mohamad seine Anhörung beim BAMF, eine Entscheidung hat er noch nicht bekommen. Seine Rechtsanwältin sagt, dass das noch ein paar Monate dauern kann. Aber das Warten zehrt. Außerdem kennt er mehrere Afghanen, die abgelehnt und aufgefordert wurden auszureisen: »Aber wohin? Jeder weiß, dass in Afghanistan Krieg herrscht. Außerdem lebt meine Familie in Iran.«

Sein Denken kreist um seine Frau und sein Kind, die nach wie vor bei seinen Eltern in Ghom leben. Jeden Tag telefoniert er zwei Stunden mit seiner Frau Arefhe und schaut über die Videofunktion seinem Sohn Amir beim Spielen zu. Er wünscht sich so für seine Frau, dass sie auch ein selbstbestimmtes Leben mit ihm führen, arbeiten gehen und eigenes Geld verdienen kann. Das ist in Iran oder Afghanistan fast unmöglich. Mohamad - Leben zwischen zwei Welten.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Neue Heimat Deutschland - Zuwanderung als Erfolgsgeschichte"

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Michael Richter: Neue Heimat Deutschland. Zuwanderung als Erfolgsgeschichte
232 Seiten | Euro 16,-
ISBN 978-3-89684-178-0; edition Körber-Stiftung

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