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"Ich will nicht länger um mein Leben fürchten": Warum ein Linken-Politiker aus Sachsen flüchtet

30/11/2017 14:02 CET | Aktualisiert 30/11/2017 15:05 CET
getty

Es war kurz vor 1 Uhr in der Nacht, als mich ein lauter Knall vor meinem Haus geweckt hat. Ich sah aus dem Fenster und entdeckte eine schwarze Rauchwolke über meinem Auto.

Was ich im ersten Moment nicht ahnte: Eine Explosion, ausgelöst durch einen in Deutschland verbotenen Feuerwerkskörper und eine Flasche voll mit Schwarzpulver und Kieselsteinen, hatte das Fahrzeug vollständig zerstört.

Zwei Jahre liegt der Anschlag nun schon zurück. Die Köpfe der neonazistischen Gruppe Freital, die dafür verantwortlich gemacht werden, stehen inzwischen vor Gericht.

Doch ruhig schlafen kann ich immer noch nicht.

"Nach dem Anschlag gab es weitere Angriffe"

Seit 2009 bin ich Fraktionsvorsitzender der Linken im Stadtrat von Freital in Sachsen. Der Ort wurde im Sommer 2015 zum Synonym für Fremdenfeindlichkeit und Hass als Mitglieder der rechtsextremen Gruppe Freital einen Sprengstoffanschlag auf mehrere Flüchtlingsunterkünfte verübten. Weil ich gegen den Fremdenhass protestiert habe, wurde auch ich zum Ziel der Neonazis.

Die Gefahr ist nach wie vor präsent, denn nach dem Anschlag hat es weitere Angriffe auf mich gegeben.

Dass zwei einflussreiche Nazis direkt in meiner Nachbarschaft wohnen, macht die Situation noch beängstigender. Das ist ein richtig beschissenes, beklemmendes Gefühl.

"Ich muss hier weg"

Um ihnen zu entgehen, habe ich mein Leben völlig geändert. Mein Auto steht jetzt in der Tiefgarage. Ich verlasse nie zur selben Zeit das Haus, kehre immer zu anderen Uhrzeiten nach Hause zurück und benutze selten den gleichen Weg.

Und am Wochenende verlasse ich häufiger die Stadt als sonst.

Das gab mir für einige Zeit ein Gefühl der Sicherheit.

Aber als ich vor kurzem Einblick in die Akten zum Sprengstoffanschlag auf meinen Wagen bekam, war für mich klar: Ich muss hier weg.

Denn aus den Ermittlungen geht hervor, dass weitere Attentate auf mich geplant waren.

"Sachsen versinkt zunehmend im braunen Sumpf"

Offenbar haben Mitglieder der rechtsextremen Szene sich Ende Oktober telefonisch darüber verständigt, wo der Tiefgaragenstellplatz meines Autos ist - diesmal wollten sie allerdings nicht nur den Wagen in die Luft sprengen, sondern mich gleich mit.

Ich will nicht länger um mein Leben fürchten müssen. Deswegen habe ich beschlossen aus Freital wegzuziehen. Mehr noch, ich ziehe in ein anderes Bundesland. Denn Sachsen versinkt immer mehr im braunen Sumpf - wie man ja nicht zuletzt bei der Bundestagswahl gesehen hat.

Und zu viele Menschen schauen weg.

Menschen wie der Freitaler Oberbürgermeister Uwe Rumberg, der selbst nach den Anschlägen auf die Flüchtlingsunterkünfte der Meinung ist, dass die Stadt kein rechtes Problem habe.

"Zu viele Menschen verharmlosen den rechten Terror"

Menschen wie der Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler Freital, der gegenüber der BBC sagte, den Mitgliedern der Gruppe Freital ginge es nur um Gaudi - obwohl die Bundesanwaltschaft den Anschlag auf die Flüchtlingsunterkunft in der Wilsdruffer Straße als Mordversuch wertet.

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Es gibt in dieser Stadt viel zu viele Menschen, die den rechten Terror verharmlosen oder dulden.

Trotzdem fällt es mir nicht ganz leicht, von hier wegzugehen. Schließlich habe ich hier in den vergangenen acht Jahren viele Freundschaften geschlossen. Diese Menschen werden mir sehr fehlen.

Auch um meine Parteikollegen tut es mir Leid. Jedoch werde ich mich in meiner neuen Heimat in Bayern ebenfalls politisch engagieren. Wer weiß, vielleicht kandidiere ich 2018 sogar für ein Amt in der Landespolitik.

Das Gespräch wurde von Anna Rinderspacher aufgezeichnet

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