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Ich werde den Tag nie vergessen, als Extremisten mein Auto in die Luft sprengten

15/04/2017 14:57 CEST | Aktualisiert 18/04/2017 18:12 CEST
Maja Hitij via Getty Images

In der Nacht weckte mich ein lauter Knall. Erst habe ich in den Hinterhof geschaut. Manchmal lassen dort Jugendliche Böller hochgehen. Doch dort war es still. Der Krach kam von der Straßenseite.

Ein in Deutschland verbotener Feuerwerkskörper und eine Flasche voll mit Schwarzpulver und Kieselsteinen hatte mein Auto vollständig zerstört.

An dem Tag war mir endgültig klar, dass die Drohungen, die ich monatelang erhielt, ernstgemeint waren. Ich bin Fraktionsvorsitzender der LINKEN im Stadtrat von Freital in Sachsen. Freital wurde im Sommer 2015 zum Synonym für Fremdenfeindlichkeit und Hass.

Gewaltbereite Anti-Asyl-Demonstranten

Unter anderem wurden ab März 2015 wöchentlich freitags Anti-Asyl-Demonstrationen durchgeführt und im Juni 2015 als bekannt wurde, dass das Leonardo Hotel zur Erstaufnahmeeinrichtung wurde, wurde täglich vor dem Hotel unangemeldet demonstriert.

Diese täglich stattfinden Demos sind durch Gewaltbereite Anti-Asyl-Demonstranten bundesweit in den Fokus geraten.

Ich ging dagegen auf die Straße - und wurde zur Zielscheibe der Nazis. "Steinigt ihn", "stellt ihn an die Wand", "Wir kriegen dich" - in meinem Postfach landeten haufenweiser solcher Nachrichten.

Einige von ihnen habe ich angezeigt, teils auch mit Erfolg - doch das schüchterte die Nazis nicht ein. Ganz im Gegenteil.

Der Anschlag auf mein Auto ist jetzt schon mehr als eineinhalb Jahre her. Die Köpfe der Gruppe Freital, die für diesen Anschlag verantwortlich gemacht werden, sind in Untersuchungshaft.

Doch ruhig schlafen kann ich immer noch nicht.

Mehr zum Thema: Anschlag in Freital: Auto von Linken-Politiker explodiert

Die Gefahr ist permanent präsent, weil es auch nach dem Anschlag Angriffe auf mich gab. Etwa eine To-Do-Liste der Nazis, unteranderem mit meinem Namen drauf, direkt an dem Abgeordneten Büro von Verna Meiwald. Hinter jedem Namen ein Haken oder mehr Hacken, als sei das eine Todesliste.

Dass zwei einflussreiche Nazis direkt in meiner Nachbarschaft wohnen, macht die Situation noch problematischer. Das ist ein richtig beschissenes, beklemmendes Gefühl. Ich habe deswegen auch mein Leben geändert, um nicht nochmal in die Fänge der Nazis zu geraten.

Mein Auto steht jetzt in der Tiefgarage. Außerdem habe ich alle Routinen aufgegeben: Ich verlasse nie zur selben Zeit das Haus, kehre immer zu anderen Uhrzeiten nach Hause zurück und benutze selten den gleichen Weg. Und am Wochenende verlasse ich häufiger die Stadt als sonst. Das gibt mir ein Gefühl der Sicherheit.

Menschen wie ich, werden angeklagt

Nichtsdestotrotz leben hier noch eine Menge Menschen, die den rechten Terror verharmlosen oder dulden. Das ist das Schlimmste. Menschen wie ich, die die Probleme benennen, werden angeklagt.

Wenn aber ein bekannter NPD-Stadtrat durch einen mitangeklagten der "Gruppe Freital" benannt wird, als einer der heimlichen Unterstützer dieser Gruppe, möchten die Stadträte der "Freien Wähler Freital" erst mal die Ergebnisse der Untersuchungen durch die Staatsanwaltschaft abwarten, da es in Deutschland ja sowas wie die Unschuldsvermutung gibt.

Dieses Verhalten der "Freien Wähler Freital" unter dem Fraktionsvorsitz von Frank Gliemann wundert mich überhaupt nicht. Sind doch viele seiner Fraktionsmitglieder direkt oder indirekt mit den Personen aus dem Anti-Asyl-Lager befreundet.

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Wenn aber ein Anschlag gegen Flüchtlinge, oder deren Unterstützer passiert, heißt es: Abwarten, was die Polizei sagt. Diese Haltung ist in großen Teilen der Gesellschaft hier verbreitet.

Auch kommt es durchaus zu Aussagen, das es doch nicht schlimm sein, wenn Böller auf Ausländer geworfen würden, es seien doch keine "Deutschen" die da verletzt würden, also sei doch alles soweit in Ordnung.

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Ich erkläre mir das mit der Unwissenheit der Leute - und der Feigheit, den Mund aufzumachen. Nach dem Motto: Wer die Schnauze hält, muss keine Angst haben.

Das Gegenteil ist aber richtig: Nur, wer aufsteht und die Probleme benennt, setzt sich für den gesellschaftlichen Frieden ein. Dass die Flüchtlingskrise an Aufmerksamkeit verloren hat, beruhigt mich nicht.

Die Krise kann jeden Tag zurückkommen. Und dann wird es heftiger als 2015. Ich appelliere an die Bundesregierung, dass sie es dazu auf keinen Fall kommen lässt - mit großer Sorge schaue ich etwa auf den Konflikt mit der Türkei. Ich hoffe, es gibt einen Plan B, sollte der Flüchtlingsdeal scheitern."

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