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5 Gründe, warum Donald Trump die Wahl gewinnen wird

Veröffentlicht: Aktualisiert:
TRUMP
Michael Moore warnt: Aus diesen 5 Gründen wird Donald Trump die US-Wahl gewinnen | Sara D. Davis via Getty Images
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Im Juli 2016 schrieb der kontroverse US-amerikanische Filmemacher Michael Moore einen Blog für die Huffington Post USA. In fünf Punkten führt er sehr detailliert auf, warum der Milliardär Donald Trump zum nächsten US-Präsidenten gewählt werden wird.

Entgegen der meisten Meinungsumfragen sollte Moore recht behalten. Am 8. November wurde Donald Trump mit überraschend großem Vorsprung auf seine Konkurrentin Hillary Clinton zum Präsidenten gekürt. So gut wie alle von Moores Prognosen sind eingetroffen. Hier könnt ihr sie noch einmal nachlesen.

Freunde,

es tut mir Leid, dass ich euch diese schlechten Nachrichten überbringen muss, aber ich habe euch ja auch im letzten Sommer schon prophezeit, dass Donald Trump der Präsidentschaftskandidat der Republikaner sein würde. Und jetzt habe ich noch schlimmere, betrüblichere Nachrichten für euch:

Donald J. Trump wird die Wahl im November gewinnen. Dieser elende, ignorante, gefährliche Teilzeit-Clown und Vollzeit-Soziopath wird der nächste Präsident der USA werden. Präsident Trump. Na los, sprecht es aus. Das werdet ihr nämlich die nächsten vier Jahre lang noch so sagen müssen: „PRÄSIDENT TRUMP".

Mehr zum Thema: Die aktuellen Nachrichten zur US-Wahl findet ihr im HuffPost-News-Blog

Nie zuvor habe ich mir mehr gewünscht, falsch zu liegen, als jetzt.

Ich weiß, was ihr jetzt tut. Ihr schüttelt mit dem Kopf: „Nein, Mike, so wird es nicht kommen!" Leider lebt ihr in einer Blase. Eure Freunde und ihr seid davon überzeugt, dass das amerikanische Volk keinen Idioten zum Präsidenten machen wird. Ihr schwankt zwischen Ekel und Lachen angesichts seiner letzten verrückten Kommentare oder seiner peinlichen, selbstverliebten Haltung zu allem, denn es dreht sich alles immer nur um ihn.

Und dann ist da Hillary, und ihr seht die vielleicht erste Präsidentin der Vereinigten Staaten. Sie wird von der Welt respektiert, ist klug und schlagfertig, das Wohl von Kindern liegt ihr am Herzen und sie wird das Erbe von Barack Obama weiterführen, denn das ist es, was das amerikanische Volk wirklich will! Ja! Vier weitere Jahre davon!

Ihr müsst diese Blase jetzt verlassen. Ihr dürft euch der Wahrheit nicht länger verschließen und müsst ihr ins Gesicht sehen. Tief im Innern wisst ihr, dass es stimmt. Ihr versucht euch mit Fakten zu beruhigen: „77 Prozent der Wählerschaft sind Frauen, Farbige und junge Menschen unter 35, bei ihnen wird Trump nie eine Mehrheit erzielen können!" oder mit Logik: „Die Menschen wählen keinen Witzbold und sie wählen auch nicht gegen ihre eigenen Interessen!".

So versucht euer Gehirn euch vor einem Trauma zu schützen. So wie auf der Straße, wenn ihr einen lauten Knall hört und denkt „Oh, da ist grade ein Reifen geplatzt" oder „Wow, wer spielt denn hier mit Böllern?", denn ihr lasst den Gedanken nicht zu, dass womöglich grade ein Schuss gefallen ist.

Es ist das gleiche wie am 11. September, als erste Nachrichten und Augenzeugen davon berichteten, dass sich beim World Trade Center ein Unfall ereignet habe, als ein kleines Flugzeug in einen der Türme geflogen sei.

Wir wollen, wir müssen auf das Beste hoffen, denn das Leben ist eh schon eine einzige Horrorshow und es ist schwer genug, sich grade so von Gehaltszahlung zu Gehaltszahlung zu hangeln. Noch mehr schlechte Nachrichten ertragen wir nicht. Unser Gehirn geht einfach in den Standard-Modus, wenn etwas Schlimmes passiert.

Die ersten Opfer des Anschlags in Nizza verbrachten ihre letzten Minuten damit, dem Fahrer des LKW zuzuwinken, weil sie dachten er hätte einfach die Kontrolle über das Fahrzeug verloren. „Pass' auf, da sind Leute auf dem Gehweg!" riefen sie, als er über den Bordstein fuhr.

Leute, das hier ist kein Unfall. Es passiert wirklich

Wenn ihr glaubt, dass Hillary Trump mit Fakten, Logik und Klugheit schlagen wird, dann habt ihr ganz offensichtlich nichts von den 56 Vorwahlen im letzten Jahr mitbekommen, in denen 16 mögliche republikanische Präsidentschaftskandidaten genau das versucht haben.

Sie haben nach jedem Spülbecken gegriffen und damit auf ihn gezielt, aber nichts konnte diese destruktive Kraft aufhalten. So wie die Dinge heute stehen, glaube ich, dass es so kommen wird. Und um damit richtig umgehen zu können, müsst ihr es euch zunächst eingestehen. Dann, nur dann, finden wir vielleicht einen Weg aus dieser Misere.

Versteht mich nicht falsch, ich habe große Hoffnung für das Land, in dem ich lebe. Die Dinge haben sich zum Besseren gewendet. Die politische Linke hat kulturelle Kriege gewonnen. Schwule und Lesben können heiraten.

Die Mehrheit der Amerikaner nimmt zu fast allen politischen Fragen eine liberale Haltung ein: Gleiche Gehälter für Männer und Frauen - check. Legale Abtreibung - check. Strengere Umweltauflagen - check. Strengere Waffengesetze - check. Legalisierung von Marihuana - check.

Eine enorme Verlagerung hat stattgefunden. Fragt nur den Sozialisten, der in diesem Jahr die Vorwahlen in 22 Staaten gewonnen hat. Und es gibt keinen Zweifel, dass wenn die Menschen nur von Zuhause, von der Couch aus wählen könnten, per Playstation oder X-Box, dann würde Hillary mit einem Erdrutsch-Sieg gewinnen.

Aber so läuft das nicht in Amerika. Die Menschen müssen ihre Häuser verlassen und sich anstellen, um zu wählen. Und wenn sie in einer ärmeren schwarzen oder hispanischen Gemeinde leben, dann müssen sie nicht nur länger anstehen, es wird sprichwörtlich alles getan, um sie davon abzuhalten, ihre Stimme abzugeben.

Bei den meisten Wahlen erreicht die Wahlbeteiligung nicht einmal 50%. Und hier liegt das Problem für den November: Wer wird die motiviertesten, engagiertesten Wähler haben? Wer wird tatsächlich in den Wahllokalen auftauchen? Ihr kennt die Antwort auf diese Frage. Wessen Anhänger sind fanatischer?

Wessen Anhänger sind so verrückt, am Wahltag um 5 Uhr morgens vor den Wahllokalen zu stehen, den ganzen Tag ein riesen Spektakel aufzuführen und den Leuten in den Hintern zu treten, so dass auch wirklich jeder Tom, Dick und Harry (und Bob und Joe und Billy Bob und Billy Joe und Billy Bob Joe) seine Stimme abgibt?

Genau. Alarmstufe rot. Und macht euch nicht selbst etwas vor: Hillary kann noch so viele Hochglanz-TV-Spots schalten, ihn in Fernseh-Debatten alt aussehen lassen und die Liberalen können ihm noch so viele Stimmen stehlen, nichts wird Trump aufhalten.

„Ihr dürft euch der Wahrheit nicht länger verschließen und müsst ihr ins Gesicht sehen. Tief im Innern wisst ihr, dass es stimmt."

Aus diesen fünf Gründen wird Trump die Wahl gewinnen:

1. Trump braucht nur die Stimmen von vier Staaten

Ich glaube Trump wird sich vor allem auf die vier demokratischen Industriestaaten bei den Großen Seen konzentrieren: Michigan, Ohio, Pennsylvania und Wisconsin. Vier traditionell demokratische Staaten.

Seit 2010 jedoch haben sie alle einen republikanischen Gouverneur gewählt (nur Pennsylvania wählte jetzt einen demokratischen Gouverneur). Bei den Vorwahlen in Michigan im März wählte die Mehrheit einen republikanischen Kandidaten (1,32 Millionen zu 1,19 Millionen für den demokratischen Kandidaten). In den letzten Umfragen lag Trump in Pennsylvania vor Hillary und in Ohio ist es ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Aber wie kann das Rennen nach allem, was Trump gesagt und getan hat, noch so knapp sein? Vielleicht liegt es daran, dass er (korrekterweise) sagte, Clintons Unterstützung des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens NAFTA habe zur Zerstörung der Industriestaaten im oberen Mittelwesten beigetragen.

Trump wird Clinton darauf und auch auf ihre Unterstützung für TTIP und andere Handelsabkommen, die die Menschen in diesen vier Staaten so richtig in die Scheiße geritten haben, festnageln. Als Trump während des Wahlkampfes für die Vorwahlen vor einer Ford-Fabrik in Michigan sprach, drohte er dem Unternehmen damit, dass er, sollten sie ihr Vorhaben in die Tat umsetzen und die Fabrik schließen und die Produktion nach Mexiko verlegen, alle in Mexiko gebauten Autos mit 35% Zoll zu belegen, die in die USA reimportiert würden.

Das waren süße Klänge in den Ohren der Arbeiterklasse von Michigan. Und als er noch einen drauflegte und Apple drohte, er würde das Unternehmen zwingen, seine iPhones nicht mehr in China sondern in den USA zu produzieren, da flogen ihm die Herzen nur so zu und er ging mit einem riesen Sieg in der Tasche, der eigentlich an den Gouverneur von nebenan, John Kasich, gehen sollte.

Von Green Bay bis nach Pittsburgh, das hier, meine Freunde, sind die englischen Midlands: Kaputt, deprimierend, sich abquälend. In den Schornsteinen im ganzen Land qualmen die Kadaver derer, die wir einst die Mittelschicht nannten. Wütende, verbitterte, arbeitende (und nicht arbeitende) Menschen, die von Reagan belogen und von den Demokraten im Stich gelassen wurden.

Demokraten, die immer noch Schönwetter machen, einen aber letztendlich mit einem Lobbyisten von Goldmann Sachs ausradieren, der einen netten Scheck ausstellt, bevor er sich wieder verabschiedet. Großbritanniens Brexit wird auch hier stattfinden.

Elmer Gantry taucht auf, sieht aus wie Boris Johnson und lässt nun jeglichen Mist vom Stapel, der ihm grade einfällt, um die Massen davon zu überzeugen, dass das hier ihre Chance ist! Die Chance, es allen, wirklich allen heimzuzahlen, die ihren American Dream zerstört haben!

Jetzt kommt der Außenseiter Donald Trump und räumt auf! Ihr müsst ihn nicht einmal mögen! Er ist euer persönlicher Molotow-Cocktail, werft ihn mitten zwischen die Arschlöcher, die euch das angetan haben! Schickt ihnen eine Nachricht! TRUMP IST EUER BOTE!

Und jetzt zählen wir eins und eins zusammen. 2012 scheiterte Mitch Romney an 64 Wahlstimmen. Zählen wir mal die Stimmen der Wahlmänner von Michigan, Ohio, Pennsylvania und Wisconsin zusammen: 64.

Alles, was Trump für einen Sieg braucht, sind die Stimmen der traditionellen republikanischen Staaten von Idaho bis Georgia (Staaten, die niemals für Hillary stimmen werden), dann fehlen ihm nur noch diese vier Rust-Belt-Staaten. Er braucht Florida nicht. Er braucht Colorado oder Virginia nicht. Nur Michigan, Ohio, Pennsylvania und Wisconsin. Und das bringt ihn an die Spitze. So wird es im November geschehen.

2. Hillary Clinton ist eine Frau

Unsere von Männern dominierte, seit 240 Jahren andauernde Regentschaft über die USA geht zu Ende. Eine Frau könnte schon bald das Zepter übernehmen. Wie konnte das passieren? Wir haben doch aufgepasst!

Es gab Warnzeichen, aber wir haben sie ignoriert. Nixon, der Gender-Verräter, der uns Title IX aufgezwungen hat, das Gesetz, das besagt, dass Mädchen beim Schulsport die gleichen Möglichkeiten, wie die Jungs haben sollten.

Dann wurden Frauen auch noch Jet-Piloten! Und dann kommt in diesem Jahr auch noch Beyoncé daher und stürmt das Spielfeld beim Super Bowl (unser Spiel!) mit einer Armee schwarzer Frauen, die ihre Fäuste gen Himmel strecken und erklären, dass unsere Dominanz hiermit beendet sei! Oh, diese Menschheit!

Das ist nur ein kleiner Blick in das Gehirn der bedrohten Spezies des weißen Mannes. Es gibt Hinweise darauf, dass ihnen die Macht aus den Händen gleitet; ihre Art, Dinge zu tun, ist nicht mehr die Art, wie Dinge getan werden. Dieses Monster, die „Feminazi". Das Ding, das wie Trump sich ausdrückt, „aus ihren Augen blutet oder wo auch immer sie blutet", hat uns bezwungen.

Und jetzt, nachdem wir acht Jahre ertragen mussten, in denen uns ein schwarzer Mann sagt, was wir zu tun und zu lassen haben, da sollen wir uns einfach nur zurücklehnen und uns acht Jahre gefallen lassen, in denen uns eine Frau herumkommandiert?

Und danach beanspruchen wahrscheinlich die Schwulen das Weiße Haus acht Jahre lang für sich! Und dann kommen die Transgenders! Ihr seht ja, wohin das führt. Irgendwann werden den Tieren auch Menschenrechte zugesprochen und ein bescheuerter Hamster regiert das Land. Das muss aufhören!

3. Hillary ist unbeliebt

Können wir ehrlich miteinander reden? Und bevor wir das tun, lasst mich eines sagen: Ich mag Hillary. Sehr sogar. Und ich glaube, dass sie ihren schlechten Ruf nicht verdient hat. Aber ihre Unterstützung für den Irak-Krieg hat mich schwören lassen, ihr nie wieder meine Stimme zu geben.

Bis heute habe ich diesen Schwur nicht gebrochen. Um aber zu verhindern, dass ein Proto-Faschist zum Oberbefehlshaber wird, breche ich den Schwur. Traurigerweise glaube ich, dass Clinton uns in irgendeine Art von Militäroperation führen wird. Sie ist ein Adler zur Rechten Obamas. Aber Trumps Psycho-Finger wird den Knopf drücken, so viel steht fest.

Lasst uns den Tatsachen ins Gesicht blicken: Unser größtes Problem hier ist nicht Trump. Es ist Hillary. Sie ist unglaublich unbeliebt. Fast 70 Prozent der Wähler halten sie für nicht vertrauenswürdig und unehrlich. Sie steht für die Politik der alten Schule. Sie glaubt nur an das, was viele Wählerstimmen einbringt.

Deshalb ist sie heute gegen die gleichgeschlechtliche Ehe und morgen verheiratet sie ein schwules Paar. Junge Frauen lehnen Hillary besonders vehement ab. Das muss weh tun, bedenkt man, dass es die Opfer sind, die Hillary und andere Frauen ihrer Generation aufgebracht und die Kämpfe, die sie ausgetragen haben, die dazu geführt haben, dass sich Frauen heutzutage nicht mehr von den Barbara Bushes dieser Welt anhören müssen, sie sollten doch die Klappe halten und zurück an den Herd gehen.

Aber die Jugend lehnt Hillary ab und es vergeht nicht ein Tag, an dem ich nicht von einem Millennial höre, dass sie Hillary sicher nicht wählen werden. Kein Demokrat und sicher kein unabhängiger Wähler steht am 8. November morgens voller Vorfreude auf, Hillary gleich seine oder ihre Stimme geben zu können, wie es bei Obama der Fall war oder als Bernie noch Kandidat in den Vorwahlen war. Es gibt keinen Enthusiasmus. Und weil es bei dieser Wahl nur darum geht, wer die meisten Menschen von ihren Sofas hochreißen kann, hat Trump alle Trümpfe in der Hand.

4. Die deprimierte Sanders-Stimme

Hört auf rumzuheulen, dass Bernies Anhänger Hillary nicht wählen würden - wir wählen Hillary! Die Umfragen zeigen bereits, dass dieses Jahr mehr Sanders-Wähler ihre Stimme Hillary geben werden, als es 2008 der Fall war, als nach den Vorwahlen nur wenige Anhänger von Hillary schließlich Obama wählten. Das ist nicht das Problem.

Der Feuermelder, der jetzt losgehen sollte, ist der, dass viele Unterstützer von Bernie Sanders sich am Wahltag zwar widerwillig aufraffen werden, um nun doch Hillary zu wählen, sie aber kaum noch fünf andere Wähler dazu werden motivieren können. Das nennt man eine deprimierte Stimme.

Dieser Wähler engagiert sich im Vorfeld nicht zehn Stunden im Monat für den Wahlkampf. Diese Wählerin hält keine glühende Rede, wenn sie danach gefragt wird, warum sie Hillary wählt. Ein deprimierter Wähler. Denn als junger Mensch hat man eine Null-Toleranz-Grenze gegenüber Schwindlern.

Zur Clinton/Bush-Ära zurückzukehren ist für sie als müsse man plötzlich für Musik bezahlen, würde MySpace nutzen oder ein kiloschweres Mobiltelefon mit sich rumschleppen. Sie werden auch nicht Trump wählen. Manche werden sich für einen dritten Kandidaten entscheiden, aber die meisten bleiben wohl einfach zuhause und wählen gar nicht.

Hillary Clinton muss ihnen einen Grund geben, für sie zu stimmen. Und sich einen moderaten, durchschnittlichen, alten weißen Otto-Normal-Vizepräsidenten ohne Ecken und Kanten zu suchen, sendet Millennials nicht das edgy Signal, das ihnen vermittelt, dass ihre Stimmen Hillary wichtig sind. Zwei Frauen als Team - das war eine aufregende und spannende Idee. Aber dann bekam Hillary kalte Füße und setzte auf Sicherheit. Und das ist nur ein Beispiel dafür, wie sie die Stimmen der Jugend verspielt.

5. Der Jesse-Ventura-Effekt

Zu guter Letzt sollte man auch bedenken, dass die Wählerschaft durchaus in der Lage ist, gewisse Spielchen zu treiben. Unterschätzt nicht die Tatsache, dass in vielen Wählern plötzlich der heimliche Anarchist hervortritt, sobald sie den Vorhang der Wahlkabine zugezogen haben.

Das ist schließlich einer der wenigen noch verbliebenen Orte in unserer Gesellschaft ohne Überwachungskameras, ohne Abhörtechnik, ohne Ehepartner, ohne Kinder, ohne Vorgesetzten und ohne Polizisten. Es gibt noch nicht mal eine verdammte Zeitbegrenzung!

Man kann sich alle Zeit der Welt nehmen und keiner drängelt. Man irgendjemanden auf der Liste wählen oder erst einmal einen Comic lesen. Es gibt keine Regeln. Und aus diesem Grund und weil so viele Wähler enttäuscht und wütend sind auf das defekte politische System, werden Millionen für Trump stimmen.

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Nicht, weil sie ihm zustimmen; nicht, weil sie seine bigotte Weltanschauung oder sein Ego mögen, sondern ganz einfach, weil sie es können. Weil es die Eltern ärgert. Als würde man an den Niagarafällen stehen und sich einen kurzen Moment fragen, was das wohl für ein Gefühl wäre, würde man jetzt einfach über das Geländer springen.

Viele gefallen sich in der Rolle des Puppenspielers und wollen einfach mal ausprobieren, wie sich das anfühlt, Trump zu wählen. Wisst ihr noch, wie das in den 1990er-Jahren war, als in Minnesota ein Wrestler zum Gouverneur gewählt wurde? Die Menschen haben nicht so entschieden, weil sie dumm sind oder dachten, dass Jesse Ventura ein großer Staatsmann oder politischer Intellektueller sei.

Sie haben es getan, weil sie es konnten. Minnesota ist einer der klügsten Staaten des Landes. Die Menschen dort haben außerdem einen besonderen schwarzen Humor. Und Ventura zu wählen war ihre Auffassung von einem guten praktischen Scherz, gerichtet auf ein kaputtes politisches System. So wird es auch mit Trump sein.

Als ich nach meinem Auftritt in Bill Mahers Special zum Parteitag der Republikaner zurück ins Hotel ging, wurde ich von einem Mann angehalten. „Mike", sagte er, „wir müssen Trump wählen, wir MÜSSEN alles mal ein bisschen durchrütteln." Das war alles. Das war Grund genug für ihn. „Alles mal ein bisschen durchrütteln." Präsident Trump wird das sicher tun. Und ein großer Teil der Wählerschaft lehnt sich dabei genüsslich auf dem Sofa zurück und schaut sich diese Reality-Show an.

Mit freundlichen Grüßen
Michael Moore

Dieser Artikel erschien zuerst in der Huffington Post USA und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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