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Erdogans Großmachtpläne sind eine Gefahr für den Frieden

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ERDOGAN FLAG
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In der letzten Zeit betreibt Ministerpräsident Erdogan eine Politik der Neoosmanisierung. Die Türkei versteht sich als Regionalmacht und greift in die Konflikte in Syrien und im Irak gezielt ein. Zur Durchsetzung der eigenen Interessen gehören auch Gewalt gegenüber geopolitischen Gegenspielern und Einschüchterungsversuche gegenüber dem Westen.

Fast drei Monate nach dem gescheiterten Putsch und den innenpolitischen "Säuberungen" liebäugelt Ministerpräsident Erdogan außenpolitisch mit einer Rückkehr zu altem Glanz. Erdogan hat damit nichts weniger als eine Türkei nach dem Vorbild des Osmanischen Reiches im Sinn.

Das türkische Staatsfernsehen zeigt das Land schon in den Grenzen des Osmanischen Reichs, während das türkische Militär gewaltsam in die schwelenden Konflikte von Nachbarstaaten eingreift. Im Internet verbreiten Anhänger Erdogans Karten, die die Türkei in den Grenzen von 1920 zeigen. Staatlich kontrollierte Sender zeigen gelegentlich auch solche Schaubilder.

Das Osmanische Reich bestand ca. 1299 bis 1922. Zur Zeit seiner größten Ausdehnung im 17. Jahrhundert erstreckte es sich von seinen Kernlanden Kleinasien und Rumelien nordwärts bis in das Gebiet um das Schwarze und das Asowsche Meer, westwärts bis weit in den Balkan hinein.

Im Nahen Osten beherrschten die Osmanen mit Syrien, dem Gebiet des heutigen Irak und dem Hedschas die historischen Kernlande des Islam, in Nordafrika unterstand das Gebiet von Nubien über Oberägypten westwärts bis zum mittleren Atlasgebirge der osmanischen Herrschaft.

Revision des Vertrags von Lausanne von 1923

Im Vertrag von Lausanne von 1923 wurde die bereits vollzogene Vertreibung von Griechen bzw. Türken nachträglich legalisiert. Die aktuellen Grenzen der Türkei und Griechenlands haben ihren Ursprung in diesem Vertrag. Ein bedeutender Zwischenschritt war die am 30. Januar 1923 vereinbarte Konvention zum Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei.

Laut Vertrag erhielt die Türkei Ost- und Südostanatolien, Ostthrakien sowie Izmir, Griechenland behielt Westthrakien. Zudem stimmte die Türkei der von Großbritannien am 5. November 1914 proklamierten Annexion Zyperns zu, das bis zu dieser Zustimmung formal der Türkei gehört hatte.

Erdogans Widerstand gegen Lausanne

Nun kündigte Erdogan seinen Widerstand gegen den Vertrag von Lausanne an und stellte die heutigen Grenzen in Andeutungen in Frage. In einer Rede sagte er: "Wir haben unsere derzeitigen Grenzen nicht freiwillig akzeptiert. (...) Unsere Gründungsväter wurden außerhalb dieser Grenzen geboren."

Weiterhin suchte er auch die Konfrontation mit Griechenland: "Im Vertrag von Lausanne haben wir Inseln weggegeben. So nah, dass wir eure Stimmen hören können, wenn ihr hinüberruft. Das waren unsere Inseln. Dort sind unsere Moscheen".

Militärische Intervention im Irak und Syrien

Bis zum Jahre 1920 gehörten auch Teile vom heutigen Norden Syriens und Iraks zum Osmanischen Reich, darunter die Städte Aleppo und Mossul. Ende August griff die Türkei militärisch in den Konflikt in Syrien ein und rückte mit Panzern, Artillerie und Kampfjets auf syrisches Territorium vor. Bei der Operation "Schutzschild Euphrat" gehe es, erklärte Erdogan, um die "Säuberung des Grenzgebiets von Terroristen".

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Nach seiner Lesart gehören dazu nicht nur die Extremisten des "Islamischen Staats" (IS), sondern auch die Mitglieder der kurdischen PKK und ihrer syrischen Schwesterorganisation, die dort zuletzt mit US-amerikanischer und russischer Hilfe militärisch erfolgreich waren.

Tatsächlich wollte Erdogan ein zusammenhängendes Kurdengebiet an der Grenze zur Türkei verhindern. Mit Blick auf Syrien und Irak betont Erdogan regelmäßig, es gebe dort "türkische Interessen". Premierminister Binali Yildirim erklärte, Ankara verfolge "keine expansionistische Politik", sondern sei dort, "um Probleme zu lösen, die uns schmerzen."

Im Nordirak ist ebenfalls türkisches Militär mit 700 Soldaten etwa 15 Kilometer nordöstlich der Stadt Mossul stationiert, was die irakische Regierung als "Besatzung" empfindet. Das Land hatte die Chance gewittert, zur Regionalmacht aufzusteigen und den Nahen und Mittleren Osten nach eigenen Interessen zu formen: mit starker sunnitischer Dominanz und Regierungen in allen Ländern, die Erdogan wohlgesonnen sind.

Ankaras Armee griff nach Angaben von Yildirim am Wochenende erstmals aktiv in die Kämpfe gegen den IS in Mossul ein. Nach erfolgreichem Ende der Kampfhandlungen sollen in Mossul nach dem Willen der Türkei "sunnitische Araber, Turkmenen und sunnitische Kurden" leben. In dem mehrheitlich von Schiiten bewohnten Irak wird dies als Bedrohungsszenario und imperialistisches Machtstreben ausgelegt.

Neoosmanisches Großmachtstreben

Innenpolitisch neigt Erdogan Verschwörungstheorien an. Fremde Mächte wollten demnach den Aufstieg der Türkei zur Regionalmacht verhindern und das Land am liebsten spalten. Der Putschversuch, so die landläufige Überzeugung, sei ein Teil dieses ausländischen Komplotts gegen die Türkei, da die Gülen-Bewegung, die nach Ansicht der Regierung dahinterstecke, vom Westen unterstützt werde.

Der Coup, schreibt die regierungstreue Zeitung „Yeni Safak", sei der "größte Versuch einer westlichen Besatzung seit den Kreuzzügen". Der Putschversuch hat letztlich Erdogan gestärkt, so dass Premier Yildirim sagen konnte: "Die Tür zum Präsidialsystem hat sich seit dem Putschversuch vom 15. Juli weit geöffnet."

Mit dem neuen Präsidialsystem soll auch der Einfluss der Türkei in der Region wachsen. Ibrahim Karagül von "Yeni Safak" sprach davon, dass die Türkei sollte die "stärkste Macht in der Region" sein solle - "zu welchem Preis auch immer". Eine Großtürkei nach dem Vorbild des Osmanischen Reiches schwebt Erdogan vor, was keinesfalls den herbeigesehnten Friedensprozess in dieser Region stärken würde.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei The European.

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