BLOG

Wie eine Inklusions-Demo zum Frühwarnsignal wurde

30/07/2017 15:38 CEST | Aktualisiert 30/07/2017 15:38 CEST
PeopleImages via Getty Images

Wenn ein Marsch, der die Inklusion auf seine Fahnen schreibt, Juden ausschließt, ist dies ein unmissverständliches Frühwarnsignal.

Auf dem 2017 Chicago Dyke March (Chicagoer Lesbenmarsch 2017) im vergangenen Monat zeigten die sogenannten Progressiven ihre wahre Fähigkeit zur Inklusion. Dem Bericht der Windy City Times zufolge verlief der Marsch ruhig; Menschen „aller Rassen, Geschlechter und Geschlechtsidentitäten" hätten teilgenommen; dann habe allerdings das „Dyke-March-Kollektiv" drei Teilnehmerinnen ausschlossen, die Jewish Pride Flaggen getragen hätten (eine Regenbogenflagge mit einem Davidstern in der Mitte).

„Es war eine Flagge meiner Gemeinde, die meine homosexuelle jüdische Identität feiert. Seit über zehn Jahren laufe ich im Dyke March mit derselben Flagge mit", so die ausgeschlossene Laurel Grauer zu Windy City Times.

Dem Zeitungsbericht zufolge habe ein Mitglied des Dyke-March-Kollektivs auf die Frage der Windy City Times, warum die Frauen gehen mussten, erwidert, die Flaggen hätten „die Menschen verunsichert". Der Marsch wäre „antizionistisch" und „pro-palästinensisch". So viel zur Inklusion.

Eleanor Shoshany Anderson, eine weitere ausgeschlossene Teilnehmerin, beklagte sich: „Ich fühlte mich hier als Jüdin nicht willkommen". Sie hat Recht. Juden sind weder bei Progressiven und Liberalen noch bei den Linken willkommen. Dies wird in naher Zukunft immer deutlicher zu spüren sein. Aus gutem Grund.

Der Sonderling unter den Nationen

Der Antisemitismus erscheint nicht aus dem Nichts. Er verfolgt unsere Nation seit ihrer Entstehung und ist eng an unsere gemeinsame Berufung gebunden.

Von Anfang an war unsere Nation ein Sonderling unter den Nationen. Wir waren nicht nur sonderbar, sondern auch noch mit den Menschen uneins, die uns umgaben, oftmals sogar mit denen, die uns am Nächsten standen. Abraham lag im Streit mit seinem Vater, der ihn von König Nimrod richten und zum Tode verurteilen ließ. Isaak und Jakob und später Joseph waren mit ihren Brüdern zerstritten. Moses lebte im Einklang mit seiner Familie, lag jedoch die meiste Zeit im Hader mit dem Rest seines Volkes.

Nach der Gründung der Nation lagen deren Angehörige nur zu oft miteinander im Streit; oft aber auch mit dem Rest der Welt. Wo immer wir auch hingingen, wurden wir gehasst und gepeinigt und schließlich vertrieben oder sogar vollständig vernichtet. Sogar Länder, die uns anfangs willkommen geheißen hatten, verjagten uns schließlich unbarmherzig.

Heute wächst der Hass gegen das jüdische Volk und seinen Nationalstaat Israel wieder an. Konnten sich bis heute Juden auf der linken Seite der politischen Karte in dem Glauben wiegen, dass ihre progressiven Ansichten und die Unterstützung der Feinde Israels ihnen ersparen würden, den Anfeindungen gegen den jüdischen Staat ausgesetzt zu werden, so hoffe ich, dass der Vorfall auf dem Chicago Dyke March die Erkenntnis aufkeimen lässt, dass heute das gesamte jüdische Volk in Gefahr ist.

Die Anfänge des Judentums, und wie sein Niedergang den Antisemitismus erschuf

Als Abraham, der neugierige ältere Sohn des geschätzten Bildhauers im chaldäischen Ur in Babylon, der gelegentlich für seinen Vater im Laden stand, feststellte, dass die Menschen in Ur zunehmend unglücklich waren, beunruhigte ihn dies. Verschiedenen Quellen wie Maimonides Mischne Thora und Midrasch Rabba zufolge begann Abraham, in Stadt und Land umherzuwandern, um zu verstehen, warum den Menschen elend zumute war.Nach vielen schlaflosen Nächten und vielen Tagen, der Beobachtung der Natur, erkannte er, dass die gesamte Realität ihre Stabilität durch das Gleichgewicht zwischen zwei einander entgegengesetzten Kräften erhält: Geben und Empfangen, Altruismus und Egoismus. Aber was für die gesamte Realität zutraf, traf für den Menschen nicht zu. Die Menschen, erkannte er, sind von Grund auf egoistisch. Etwa drei Jahrhunderte später hielt Moses die Essenz der Einsichten Abrahams über die menschliche Natur in vielzähligen Versen fest: „Denn das Sinnen des menschlichen Herzens ist böse von seiner Jugend an" (1. Mose 8,21), „Die Sünde kauert vor der Tür" (Genesis 4,7), „Die Bosheit des Menschen auf der Erde war groß und alles Sinnen der Gedanken seines Herzens nur böse den ganzen Tag." (1. Mose 6,5). 

Abraham behielt seine Entdeckungen nicht für sich. Sobald er die Selbstsucht der menschlichen Natur erkannt hatte, begann er, eine Korrekturmethode zu entwickeln, die es den Menschen ermöglichen würde, sich über ihren Hass zu erheben und dadurch das positive Element einzubringen, das überall vorhanden ist und nur dem Menschen fehlt. Laut Maimonides wurde Abraham verfolgt und schließlich aus Babylon vertrieben, gerade weil er seine Ideen teilen wollte, was die Hegemonie des Königs Nimrod zu bedrohen schien. Doch als Abraham dorthin wanderte, wo das Land Israel entstehen sollte, schrieb er Bücher über seine Methode, und er und Sarah lehrten jeden Menschen, der die Methode der Einheit lernen wollte. 

Obwohl Abraham seine Methode mit allen Babyloniern teilen wollte, konnte er aufgrund seiner Vertreibung nur diejenigen unterrichten, die ihm folgten, und dabei zurückließen, was wir heute "die Wiege der Zivilisation" nennen - ein Reich, in dem Selbstbezogenheit und Hass solange wüteten, bis es zerbröckelte und seine Bewohner sich in alle Windrichtungen verstreuten. 

Im Buch Pirkei De Rabbi Eliezer (Kapitel 24) wird die Situation in Babylon mittels der Darstellung der Entfremdung unter den Erbauern des Turms von Babel beschrieben. „Wenn ein Mann fiel und starb, nahm keiner davon Notiz", heißt es darin. „Fiel jedoch ein Ziegelstein herunter, so saßen sie und wehklagten: Wehe uns; wie wird ein anderer an seine Stelle kommen?" Als ihre Entfremdung in Hass mündete und eskalierte, „wollten sie miteinander sprechen, kannten aber der anderen Sprache nicht. Was taten sie? Jeder nahm sein Schwert, und sie bekämpften einander bis zum Tode. Die Hälfte der Menschheit kam dabei auf brutale Weise um, und von dort wurden sie in alle Teile der Welt verstreut." 

In Mischne Thora heißt es, dass Abraham sein Wissen an seine Schüler und seinen Sohn Isaak weitergab, der es wiederum an Jakob weitergab, welcher es wiederum an seinen Sohn Josef weitergab, der seine Brüder vereinen wollte. Trotz der anfänglichen Ablehnung durch seine Brüder gelang es Josef schließlich, sie um sich herum zu vereinen, und sie erlebten in Ägypten eine Blütezeit.  

Nach Josefs Tod jedoch wollten sie die Methode der Korrektur des Egos aufgeben und sich unter den Ägyptern assimilieren. „Als Josef starb", so der Midrasch, Shemot Rabba, „sagten die Hebräer: „Lasst uns Ägypter sein". Weil sie dies taten, wandelte der Herr die Liebe, die die Ägypter für sie hatten zu Hass; und es steht geschrieben (Psalm 105): „Er wandelte ihre Herzen, Sein Volk zu hassen und seine Diener zu missbrauchen". 

Die Versklavung und Verfolgung der Hebräer in Ägypten war vielleicht der erste Fall eindeutigen Antisemitismus. Die darauffolgenden Ereignisse stehen in der Thora und sind seitdem zum Symbol des menschlichen Kampfes um die Freiheit geworden.

Anfänglich hatten die Ägypter Israel das beste Land und königliche Behandlung zuteilwerden lassen. Die Verfolgung der Juden begann daher nicht, weil die Ägypter plötzlich zu Judenhassern wurden, sondern, weil die Juden selbst begonnen hatten, den Weg der Einheit abzulehnen, und danach strebten, so wie die Ägypter zu werden: selbstbezogen und egoistisch.  

Um über die Ägypter zu siegen, stiftete Moses die Hebräer nicht etwa zu gewalttätiger Rebellion an. Alles, was er vom Pharao erbat, war die Chance, als ganzes Volk vereint zu sein. Nach ihrer Flucht aus Ägypten machte Moses durch ihre Verpflichtung, sich „wie ein Mensch mit einem Herzen" zu vereinen, die Israeliten zu einer Nation. Um sicherzugehen, dass sie nicht vergaßen, dass die Methode der Korrektur der gesamten Welt überbracht werden müsse, bekam die neu entstandene hebräische Nation die Aufgabe, „ein Licht für die Völker" zu sein. 

Seit diesem Tag hat die Welt den Juden gegenüber zwiespältige Gefühle. Einerseits wird von uns mehr erwartet als vom Rest der Welt. Andererseits werden wir aller Schläge angeklagt, die die Nationen erleiden. Was wir Antisemitismus nennen, ist in Wahrheit die Anklage der Nationen, dass wir unserer Berufung, der Welt den Weg zur Einheit zu zeigen, nicht folgen. Da wir dies vermeiden, verursachen wir ihren gegenseitigen Hass, welcher die Ursache allen Leidens seit Anbeginn der Schöpfung ist. 

Kürzlich hat uns ein weiterer antisemitischer Akt an das Wesen der Anklage der Nationen an uns erinnert. Vandalen hatten eine Holocaust-Gedenkstätte mit einem Tuch bedeckt, das die Aufschrift trug: „die Hebräer werden uns nicht trennen." 

Der berüchtigte Antisemit Henry Ford erkannte die Rolle der Juden gegenüber der Gesellschaft und beschrieb sie in seinem Buch Der Internationale Jude- der Welt größtes Problem: „Es ist nicht vergessen, dass ihnen gewisse Versprechungen über ihre Stellung in der Welt gemacht wurden, und es muss festgehalten werden, dass diese Prophezeiungen erfüllt werden. Die Zukunft des Juden ist eng mit der Zukunft dieses Planeten verbunden."

Nach ihrem Bekenntnis zur Einheit und der Gründung der Nation erlebten die Juden zahlreiche Konflikte und Versöhnungen. Allerdings hatten sie alle Teil am Lernprozess, das Ego mit Altruismus ins Gleichgewicht zu bringen. Das Buch Sohar schreibt darüber (Abschnitt Beschalach): "Alle Kriege in der Thora sind für den Frieden und die Liebe." Diese Methode ist der Grund, warum Juden so erhabene Konzepte wie Wohltätigkeit, gegenseitige Verantwortung und Sorge für den Fremden in die Welt brachten, lange bevor andere Nationen jegliche Neigung zum Mitgefühl und zur Rücksicht entwickelten.

Bis etwa zur Zerstörung des zweiten Tempels haben wir uns (mehr oder weniger) an die Methode der Korrektur gehalten. Jedoch um diesen Zeitpunkt herum, überwältigte uns der Hass zwischen uns und trennte uns vollständig. Darum verweisen unsere Weisen nicht auf einen äußeren Feind als die Ursache unseres Exils und die Zerstörung des Tempels, sondern auf den unbegründeten Hass unter uns.

Seitdem haben wir uns zunehmend entfremdet und begegnen einander immer hasserfüllter, so dass uns heute die ganze Welt nicht ausstehen kann. Es mag sein, dass die Menschen die Juden als Individuen mögen. Es gibt unter uns anständige Menschen, so wie es sie überall gibt. Aber in Bezug auf uns als Nation verursacht der starke Kontrast zwischen der Einheit, die wir projizieren sollten, und dem de facto gegeneinander projizierten Abscheu den Hass der Völker auf die jüdische Nation und den jüdischen Staat.

Sogar Adolf Hitler hasste nicht alle Juden. Sein Kompanieführer während des Ersten Weltkrieges war ein Jude namens Ernst Moritz Hess, und Hitler beauftragte Himmler, ihn zu beschützen. Himmler befahl daraufhin am 27. August 1941 der Geheimpolizei, Hess "Vergünstigungen und Schutz auf Wunsch des Führers" zu gewähren. Als Hitler sich jedoch zur Endlösung entschlossen hatte, hat es den Juden als Nation nicht geholfen.

Auf der Suche nach einer Gesellschaft der Einheit

Auf der Suche nach einem Heilmittel für die Krankheiten der Gesellschaft hat die Menschheit fast jede Ideologie und jede Staatsform angewendet und wieder verworfen. Sie alle sind gescheitert. Denn um die Gesellschaft zu stabilisieren, müssen wir zuerst unseren Egoismus mit der Einheit ausgleichen. Bis wir dies erreichen, wird immer das Ego die Oberhand gewinnen, und jede Regierungsform und Ideologie müssen zwangsweise in den Faschismus oder den Nationalsozialismus oder beide zugleich abdriften.

Henry Ford suchte die Problemlösungen für die Schwachstellen in der Gesellschaft bewusst bei den Juden. Da er im Judentum der Gegenwart nicht fündig wurde, suchte und fand er sie in unserer Vergangenheit.

„Moderne Reformer, die soziale Modellsysteme auf dem Papier konstruieren, täten gut daran, sich die frühen sozialen Systeme der frühen Juden anzusehen", so Ford. Gleichzeitig verabscheute er die heutigen amerikanischen Juden, die sich mit Uneinigkeit und Egoismus hervortun.

Für den Mangel an Einheit ersinnen die Menschen alle Arten von Begriffen, wie zuletzt die Intersektionalität. Sie veranstalten Märsche, die die Inklusion feiern sollen, aber sie schließen Juden aus, denn die Trennung unter den Juden ist die oberste Ursache, warum sie diese von vorneherein nicht ausstehen können. Unbewusst geben sie den Juden zu verstehen: „Lasst uns in Ruhe und verbindet euch untereinander! Das ist es, was wir von euch benötigen!"

In seinem Buch Die Juden in der Weimarer Republik (The Jews in Weimar Germany) schreibt Donald L. Niewyk, dass Dr. Kurt Fleischer, der Führer der Liberalen in der Berliner Jüdischen Gemeindeversammlung, 1929 den Zusammenhang zwischen Antisemitismus und jüdischer Uneinigkeit hervorhebte: "Antisemitismus ist die Geißel, die Gott uns geschickt hat, um uns zusammen zu führen und uns zusammenzuschweißen", bemerkte er. Wie tragisch, dass die Juden damals dieser Beobachtung nicht weiter Beachtung schenkten.

Im Zusammenhang mit dem neu erwachten Streit um die Gebetsbereiche an der Klagemauer appellierte David Friedman, US-Botschafter in Israel, stark an die Einheit unter uns. Doch es ist, wie Caroline Glick in ihrer Kolumne bemerkte: "Das eigentliche Problem hier ist, dass, obwohl alle Beteiligten von der Notwendigkeit der jüdischen Einheit sprechen, niemand motiviert zu sein scheint, auf dieses Ziel hin zu arbeiten."

Heute denke ich, wir müssen uns ungeachtet alles anderen vereinen. Natürlich fehlt uns dazu die Motivation. Wie kann sich ein vernünftiger Mensch mit einer Person vereinen, die er oder sie hasst? Dennoch ist es uns klar, dass unser Hass aufeinander die Welt gegen uns aufbringt.

Midrasch Rabba schreibt dazu: "Diese Nation, der Weltfrieden liegt in ihr" (Bereschit Rabba, Kapitel 66). Aber wenn es keinen Frieden unter uns gibt, wie kann es Frieden in der Welt geben?

In seinem Buch Orot (Lichter) schrieb Rav Kook: „Der Aufbau der Welt, die derzeit durch das furchtbare Wüten eines blutigen Schwertes gebeutelt wird, erfordert den Aufbau der israelischen Nation (...)  Der Aufbau der Nation und die Enthüllung ihres Geistes [der Einheit] sind ein und dasselbe, und es ist eins mit dem Aufbau der Welt, die in Erwartung der Kraft voller Einheit und Erhabenheit zerbröckelt."

Tatsächlich können wir nicht sagen, dass wir es nicht gewusst haben: Unsere Sicherheit und Akzeptanz unter den Nationen hängt gänzlich von unserer Bereitschaft ab, ein Licht der Einheit für alle Nationen zu sein.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Them

a?

Die HuffPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

MEHR:

Sponsored by Trentino