Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Michael Laitman Headshot

Was ist mit der Labour-Partei los?

Veröffentlicht: Aktualisiert:
JEREMY CORBYN
Darren Staples / Reuters
Drucken

Seit Jeremy Corbyn zum Vorsitzenden der britischen Labour-Partei gewählt wurde, scheint dort der Antisemitismus einen bedenklichen Aufschwung erfahren zu haben und von den hinteren Gassen der Partei in den Vordergrund gerückt zu sein.

Unversehens finden sich die Partei und ihr Vorsitzender inmitten eines Feuersturms wieder - um antisemitische Facebook - Posts, drehtürähnliche Ausschlüsse und Wiederaufnahmen der offensichtlich antisemitischen Parteimitglieder (die leugnen, Antisemiten zu sein, während sie gleichzeitig ihre antisemitischen Posts bekräftigen), und andere unziemliche Ausdrücke der Voreingenommenheit und des antijüdischen und antiisraelischen Sentiments.

Um einige solcher Beispiele aufzuzeigen, zitierte die Haaretz, Israels führende linksorientierte Zeitung, das Titelblatt des Jewish Chronicle: „Die Labour scheint eine Partei zu sein, die Antisemiten anzieht wie eine Sickergrube Fliegen." BBC berichtete, dass die Labour-Partei zum zweiten Mal ein Mitglied, welches antisemitische Beiträge auf Twitter stellte, suspendiert habe. Frau Kirby, die Hauptheldin des BBC-Berichts, ist eine von denen, die wie oben erwähnt zunächst ausgeschlossen und später wieder in der Partei aufgenommen wurden.

Ein etwas anderes Beispiel, obgleich nicht weniger beunruhigend, ist der Fall vom Bob Campbell, der von der Labour ausgeschlossen wurde - oder auch nicht. In seinem Fall leugnet er nicht die Tatsache, dass er einen Beitrag auf Facebook gestellt hat, in dem er behauptete, dass der Mossad den IS anführe, oder dass Israel hinter dem Terroranschlag in Brüssel im letzten Monat stecke. Was er leugnet, ist die Stellungnahme der Labour-Partei, dass er von der Partei ausgeschlossen wurde.

Abgesehen davon gibt es Corbyns jüdische Feindesliste, Gerry Downings Kommentare und die Socialist Fight Internetseite, bei welcher er mitwirkt und welche von den „zionistischen Hexenjägern" berichtet, die angeblich versuchen, den Antisemitismus aus der Labour-Partei zu verdrängen, sowie die zuletzt gefundene Brutstätte für antijüdische Stimmungen an der angesehenen Universität Oxford.

Während man den Antisemitismus betrachtet, der in liberalen Parteien vom Vereinten Königreich über Schweden und ganz Europa bis hin zu den Vereinigten Staaten aufblüht, wird es zusehends offensichtlicher, dass liberale Parteien, die Freidenkertum und Redefreiheit pflegen, einfach das aussprechen, was ihre Mitglieder wirklich fühlen. Momentan ist Antisemitismus oftmals als Antizionismus getarnt. Während an Israel lautstarke Beschuldigungen über Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen gerichtet werden, wird diese gleiche gerechte Empörung niemals durch Konflikte etwa in Sri Lanka, in Ruanda, im Sudan oder sogar in Syrien und im Iran hervorgerufen.

Der Guardian-Journalist Jonathan Freedland schrieb in diesem Bezug, Juden würden sich fragen: „Was ist es an diesem einzigen jüdischen Staat der Welt, was seine lautesten Gegner davon überzeugt, dass er eine größere Böswilligkeit als jeder andere Staat auf dem Planeten darstellt?". Wir dürfen uns selbst nicht täuschen; diese Menschen haben keine Vorliebe für Juden. Nicht ohne Grund behauptete der Altbürgermeister von Bradford (und Mitglied der Labour-Partei, bis er unfreiwillig wegen der oben beschriebenen Angelegenheit austreten musste), dass Hitler „Sechs Millionen Zionisten" ermordet hatte.

Redefreiheit ist großartig, und wir sollten die Vielfalt der Ansichten unterstützen. Doch wir sollen auch bemerken, dass diese üblicherweise als Rechtfertigung genutzt wird, um eine bestimmte Gruppe zu de-legitimieren, und zwar die Juden, sowie einen bestimmten Staat: den Jüdische Staat.

An Universitäten überall im Vereinten Königreich und in den USA wird die Redefreiheit dazu genutzt, um Israel scharf zu kritisieren und um antisemitische Ansichten auszusprechen, während jeder, der eine entgegengesetzte Meinung vertritt, aggressiv zum Schweigen gebracht wird. Noch beunruhigender ist, dass einige denken, dass es nicht ungerecht sei. Dies zeigt uns, dass die öffentliche Meinung den Antisemiten zugeneigt ist, selbst wenn es die meisten Menschen (immer noch?) nicht aussprechen.

Um also die Frage aus der Überschrift zu beantworten: An der Labour-Partei ist im Einzelnen nichts auszusetzen; sie ist lediglich eine Spiegelung dessen, was sehr viele denken. Meiner Ansicht nach sollten wir uns viel dringender die Frage stellen, was wir dagegen tun können.

In „Warum hassen Menschen Juden" bin ich ausführlicher auf die Wichtigkeit der Einheit unter Juden eingegangen. Es ist bekannt, dass Einheit stärkt, aber im Fall unseres Volkes ist es mehr als die reine Abwehr gegen Feinde, es ist eine Botschaft, die wir vermitteln müssen. In allen meinen Studien habe ich den Grund erkannt, warum wir für alle Kriege beschuldigt werden. Aufgrund der immerwährenden Konflikte unter uns selbst werden wir als Kriegshetzer wahrgenommen.

Je genauer ich unsere Situation betrachtet habe, desto klarer wurde mir, dass unsere Weisen die ganze Zeit über Recht hatten. Ich fing an zu begreifen, wie weit wir von dem Weg, wie unsere Vorväter ihre Streitigkeiten handhabten, entfernt sind: „Obwohl Beit Shamai und Bei Hillel zerstritten waren, behandelten sie sich gegenseitig mit Zuneigung und Freundschaft, um das einzuhalten, was geschrieben steht (Sacharja 8): „Du sollst Wahrheit und Frieden lieben"" (Masekhet Yevamot).

Es scheint mir, dass wir den Antisemitismus erst dann beseitigen können, wenn wir unsere eigene Entfremdung voneinander überwunden haben. Die Vielfalt der Ansichten ist wundervoll, aber wenn sie uns dazu bringt, einander zu hassen, katalysiert sie den Judenhass.

Die Welt wird zunehmend vernetzter und verflochtener. Dennoch wächst zusehends der Hass gegeneinander, weil die Menschen kein Verlangen haben, sich zu verbinden. Jenseits des religiösen Fundamentalismus gibt es ein eindeutiges Element der Menschenfeindlichkeit in der Terrorwelle, die über uns hereinbricht.

Wenn wir die Einheit nicht zeigen (ohne unsere Verschiedenheit zu unterdrücken), werden wir für zukünftige Konflikte genauso schnell und ohne Weiteres beschuldigt, wie wir heute dafür beschuldigt werden. Das Abzielen auf Juden wird eskalieren, während gerade Parteien mit Betonung auf Redefreiheit das blutrünstige Wolfsrudel anführen werden.

Während der ganzen jüdischen Geschichte haben Gemeindegrößen gleichzeitig für jüdische Einheit und für Vielfalt geworben. Während Lord Rabbiner Jonathan Sacks genau erklärte, dass gerade unsere Einheit die Vielfalt erlaube, schrieb er: „Verschiedenartigkeit, Debatte, Konflikte im Stil und in der Substanz sind keine Zeichen der ungesunden Spaltung, sondern Zeichen der Gesundheit."

Ich bin fest überzeugt, dass wenn wir lernen, wie wir uns jenseits unserer Unterschiede vereinigen können, alldem, was wir erreichen können, keine Grenzen gesetzt sind, einschließlich der Aushebelung des Antisemitismus. Um mit einem anderem Zitat des eloquenten Rabbiner Sacks abzuschließen: „Jüdische Einheit existiert als eine Idee. Warum sollte sie dann nicht in Wirklichkeit existieren?"

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Lesenswert: