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Warum Antisemitismus derzeit Konjunktur hat

03/03/2015 09:44 CET | Aktualisiert 03/05/2015 11:12 CEST
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Gemeinsam gegen Antisemitismus. Er wuchs seit der Jahrtausendwende an, doch nun wurde der Antisemitismus so offenkundig, dass man die Realität komplett verleugnen müsste, um ihn nicht zu bemerken. Um ehrlich zu sein, spiegelt sogar der (lobenswerte) "Friedensring" von Osloer Muslimen weniger die Hoffnung wieder als viel eher ihre Verwundbarkeit in ihren eigenen Ländern, sowie die Tatsache, dass Übergriffe gegen sie nicht nur alltäglich, sondern fast schon legitim geworden sind.

Warum hat plötzlich jeder eine Meinung über Juden? Und warum ist die überwältigende Mehrheit dieser Meinungen anti-jüdisch?

Wo immer man hinschaut bietet die Welt reichlich Besorgnis für politisch und gesellschaftlich bewusste Menschen. Die Gräueltaten des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad gegen das eigene Volk, die brutale Unterdrückung der Bürger Nordkoreas, Massaker an Kindern durch Boko Haram, und die teuflischen Enthauptungen und Geiselverbrennungen, deren sich die ISIS brüstet, sind nur einige Beispiele, doch bedauerlicherweise gibt es noch viel mehr.

Und doch produziert kein anderes Thema merkwürdigere Allianzen als Hass gegen Juden im Allgemeinen und gegen Israel im Besonderen. Von rechtsextrem bis linksextrem, von extremistischen Islamisten bis zu den Neoliberalen: Sobald eine Demonstration gegen Israel stattfindet, wird man sie alle gemeinsam Hand in Hand marschieren und skandieren sehen, mit hier und da verstreuten Schildern, die mit rein antisemitischen Aussagen beschriftet sind, wie: "Hitler hatte recht" oder "Tod den Juden".

Aber warum jetzt? Wenn es den Antisemitismus schon immer gegeben hat, warum tritt er gerade jetzt zutage, und nicht, sagen wir mal, zwanzig Jahre zuvor?

In den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war man recht optimistisch in Bezug auf die Zukunft der Menschheit. Immobilienpreise schossen in die Höhe, man nahm und vergab Kredite mit leichter Hand und recht sorglos, und Staaten, denen es wirtschaftlich nicht gut ging, liehen sich Geld, als gäbe es kein Morgen.

Naturgemäß erregte der Islamismus (der damals im Vergleich zu heute sehr moderat war) Besorgnis, aber hauptsächlich für Politiker und Israelis. Die durchschnittlichen Europäer oder Amerikaner waren weit davon entfernt, über die Situation im Nahen und Mittleren Osten besorgt zu sein.

Der 11. September 2001 war ein Wendepunkt. Der Zusammenbruch des World Trade Center schockierte den Westen und brachte den Menschen die reale Existenz des islamischen Terrorismus schlagartig zum Bewusstsein. Sogar damals schienen die Kunststücke von Al-Qaida mit den Twin Towers und dem Pentagon ein Einzelfall zu sein. Als es jedoch 2005 im Herzen des Londoner öffentlichen Verkehrs zu einem neuen Megaanschlag kam, bei dem Dutzende von Menschen getötet und Hunderte verletzt wurden, wurde klar, dass dieser Terror zu einem großen Thema für den Westen geworden ist, und nicht nur für die Bewohner der Levante.

Als 2008 eine Finanzkrise ausbrach, die die (immer noch andauernde) Große Rezession einleitete, musste ganzen Nationen mit Rettungsschirmen aus der Klemme geholfen werden, für den Preis, dass der Bevölkerung dieser Länder eine erdrückende Sparpolitik auferlegt werden musste.

An dieser Stelle wurde klar, dass der steigende Druck irgendwann zu einer Explosion führen würde, und es war nur logisch anzunehmen, dass es dann in die Richtung gehen würde, in die der Druck immer abgebaut wird - gegen die Juden.

Unklar bleibt allerdings, warum sich der Druck immer gegen die Juden entlädt.

Juden sind nicht die einzige Minderheit in Europa. Überdies tritt der Antisemitismus sogar in jenen Ländern zutage, wo es kaum Juden gibt.

Sie stellen zwar die mit Abstand einflussreichste ethnische Gruppe dar, doch selbst wenn sie nicht wohlhabend oder mächtig waren, blieben sie dennoch stets der vorbestimmte Sündenbock, wenn Dinge schief liefen. Das war zwei Jahrtausende lang der Fall, und nun wiederholt sich die Geschichte.

Jedes Zeitalter hatte einen eigenen Vorwand für antijüdische Empfindungen. Das Backen von Mazot mit dem Blut christlicher Kinder, Zinswucher, Komplotte zur Übernahme der Weltherrschaft, internationale Gehirnwäsche durch die Medien, Besudelung der Rassenreinheit waren nur einige solcher Beschuldigungen.

Heute wird Israel beschuldigt, Genozid an den Palästinensern zu verüben. Natürlich trifft keine dieser Behauptungen zu (hat sich schon mal jemand gefragt, wie es sein kann, dass Israel Völkermord in Gaza begeht, wenn die Zahlen davon zeugen, dass die palästinensische Bevölkerung dort so schnell wächst wie kaum eine andere?).

Bei allen Qualen, die der Antisemitismus uns über die Jahre zugefügt hat, gibt es einen springenden Punkt, den wir nicht übersehen dürfen. Wenn wir diesen anzapfen, werden wir einen Schlüssel in der Hand haben, um einen fundamentalen Wandel im öffentlichen Diskurs in Bezug auf den Antisemitismus zu bewirken.

Als wir uns vor Jahrtausenden verpflichteten, "wie ein Mensch mit einem Herzen" zu sein, wurde unserem Volk die Aufgabe verliehen, ein "Licht für die Völker" zu sein. Vor ungefähr zwei Jahrtausenden gaben wir diese Verpflichtung auf, und dem verzweifelten Versuch von Rabbi Akiva, uns daran zu erinnern, dass unser Motto "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" ist, wurde mit grundlosem Hass begegnet.

Als Folge dieses Hasses wurden wir aus unserem Land verbannt, und der Antisemitismus, wie wir ihn kennen, kam in die Welt. Als wir uns zwischen den Völkern zerstreuten, streuten wir auch den grundlosen Hass zwischen uns, der ursprünglich unsere Trennung bewirkt hatte. Da begann sich erstmals der Begriff der Schuld von Juden an allen Kriegen und Problemen in der Welt herauszubilden.

Unsere Aufgabe jedoch blieb unverändert, und tief in ihrem Inneren fühlen es viele Juden. Wenn man jüdische Zeitungen liest, wird man oftmals lebhaft und viel zu oft auch wütend geführte Diskussionen darüber finden, ob die Juden nun eine einzigartige Rolle haben, und worin diese bestünde.

Auch Nichtjuden fühlen, dass wir eine Aufgabe haben. Staatsmann und Dichter Goethe schrieb über Juden: „Keiner, auch nur der kleinste, geringste unbedeutende Jude, der nicht ein entschiedenes Bestreben verriete". Der politische Philosoph Nikolai Berdjajew schrieb in Der Sinn der Geschichte: "Das Überleben der Juden, ihre Zerstörungsresistenz, ihre Ausdauer selbst unter absoluten Ausnahmebedingungen, sowie die verhängnisvolle Rolle, die sie in der Geschichte gespielt haben; all das deutet auf ein einzigartiges und mysteriöses Fundament ihres Schicksals."

Die derzeitige Welle des Antisemitismus lässt die Frage nach der Rolle der Juden sofortige Antworten fordern. Wenn wir weiterhin die Forderung der Völker ignorieren, unsere Rolle zu erfüllen - selbst wenn wir keine Ahnung haben, worin das Wesen dieser Aufgabe besteht - dann werden wir zusehen, wie sich der Antisemitismus rapide intensiviert. Der Bewegungsablauf steht fest, und wir wissen bereits, wo er endet, weil wir im vergangenen Jahrhundert bereits Zeuge davon geworden sind.

Doch anders als damals können wir die Entwicklung heute umdrehen. Alles, was wir dafür brauchen, ist es, uns zu vereinen. Wir müssen unsere klugen jüdischen Köpfe zusammenstecken und lernen, wie wir das tun können, um diese Einheit an den Rest der Welt weiterzugeben.

Das bringt uns zurück zu den Herausforderungen des Terrors und zur weltweiten Krise. Eine vereinte Welt wird keine solche Erscheinung wie den Terror kennen, denn es wird keinen Bedarf mehr daran geben. Die Frustration und die Depression, die Menschen zu so extremen Taten wie dem Terrorismus antreiben, werden gelindert, und alle werden sich verbunden und unterstützt fühlen.

Der Terrorismus kann durch militärische Operationen nicht ausgelöscht werden. Sie können bestenfalls eine Pause erwirken, doch der Terror wird gleich im Anschluss zurückkommen, mit neuer Wucht und Grausamkeit. Es reicht schon aus, den Terrorismus von Jassir Arafat mit dem derzeitig wütenden Extremismus zu vergleichen, um zu verstehen, dass der Trend nicht zu Gunsten der Menschheit verläuft.

Gleiches gilt für die Große Rezession. Die Welt stellt bereits mehr Nahrung her als wir verbrauchen können, und mehr Vermögen als wir ausgeben können. Beide sind jedoch zentralisiert und der großen Mehrheit der Menschheit verwehrt. Anders formuliert ist die Uneinigkeit zwischen uns die Wurzel und die Ursache der Krise. Entwurzelt man diese, entwurzelt man die Krise selbst.

Wie kann sich aber die Menschheit vereinen, wenn sie nicht weiß, wie das geht?

Die Menschheit wird das von den Juden einfordern. Jahrhundertelang praktizierten und kultivierten wir diese Einheit, und dann ging sie uns verloren. Nun wird sie von allen Nationen mehr denn je gebraucht, und nun richtet sich die Wut von allen Seiten auf uns. Sobald die Völker zu fühlen beginnen, dass gesellschaftliche Uneinigkeit die Ursache ihrer Probleme ist, beginnen sie, die Juden zu beschuldigen. Das ist der Grund dafür, dass es Antisemitismus selbst in jenen Ländern gibt, die faktisch "judenrein" sind.

Wir könnten einwenden, dass wir keine Ahnung haben, wie wir diese Einheit erzielen können, aber dieser Einwand wird niemanden überzeugen. Die Menschen fühlen, dass wir ihnen wertvolle Informationen vorenthalten, einen Schlüssel zu einem guten Leben. Das ist der Grund für solche Äußerungen wie die von General William Boykin: "Die Juden sind das Problem. Die Juden sind die Ursache aller Probleme in der Welt".

Niemand steht unserer Rolle mit Gleichgültigkeit gegenüber. Und auch wir können es uns nicht leisten, gleichgültig zu bleiben. Es kann sein, dass wir nicht wissen, wie wir diese Einheit erzielen können, aber sogar darüber nachzudenken, wie wir uns verbinden können, um den Zustand der Welt zu verbessern, wird einen immensen positiven Effekt auf unsere globale Situation haben.

Wir müssen nur unsere Differenzen für eine Minute beiseitelegen, uns nur einmal darüber erheben, und den ersten Schritt Richtung Einheit tun. Der Rest wird viel einfacher sein. Für die Einheit ist keine Zeit so gut wie die gegenwärtige.


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