BLOG

Rosch ha-Schana: Das jüdische Fest ist wichtig für Israel

02/09/2015 14:55 CEST | Aktualisiert 02/09/2016 11:12 CEST
Lior Mizrahi

In diesem Jahr könnte Rosch ha-Schana nicht zu einer besseren Zeit kommen. Das jüdische Leben in Europa steht mal wieder am Scheideweg: bedrückt vom sprunghaften Anstieg der Zahl antisemitischer Vorfälle, gedrängt, in Bezug auf Israel und die israelische Politik immer wieder Stellung zu beziehen, von israelischen Politikern aufgerufen, nach Israel zu ziehen, von den eigenen Politikern zum Bleiben gedrängt und hofiert.

Gerade in Deutschland blüht das jüdische Leben wieder: eine ganze Generation von jungen jüdischen Menschen sucht nach den eigenen Wurzeln, es gibt wieder junge deutschsprachige Rabbiner, jüdische Kindergärten und Schulen. Einerseits politisiert wie noch nie zuvor, andererseits polarisiert wie noch nie zuvor, fragen sich wohl mehr und europäische Juden, wie die Zukunft aussehen soll. „Nächstes Jahr in Jerusalem"? Oder doch in Berlin.

Die Symbolik hinter dem Essen

Die Wörter, "Rosh ha-Schana", stammen von den hebräischen Wörtern "Rosh Hashinui" ab, der Beginn der Veränderung. Außer dem Essen und den Familienzusammenkünften haben jüdische Festtage tiefgründige Bedeutungen. Rosh ha-Schana ist nicht nur der Beginn des hebräischen Kalenders, es ist ein Symbol der Erneuerung. Es ist der Moment, in dem wir beginnen, uns selbst zu hinterfragen und zu bestimmen, wie wir uns selbst verändern und bessern möchten.

Wir kosten traditionell von einem Fischkopf, um zu bekunden, dass wir „der Kopf und nicht der Schwanz" sein möchten, also dass wir unseren Weg festlegen und nicht blind der Herde folgen wollen. Wir essen Granatapfelsamen, wobei jeder Samen ein Verlangen darstellt, welches wir in uns entdeckt haben und welches wir zugunsten der anderen und nicht für uns selbst gebrauchen lernen möchten.

Außerdem essen wir einen Apfel, das Symbol der Sünde (der Eigenliebe), und süßen ihn mit Honig, was die Aneignung des altruistischen Gebrauchs dieser ursprünglichen Versuchung symbolisiert.

Auf Nächstenliebe geschworen

Das Volk Israel hat die Worte „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" geprägt und sie in verschiedenem Ausmaß bis zu der Zerstörung des zweiten Tempels umgesetzt. Alle unsere Festtage symbolisieren Meilensteine entlang des Weges der Umwandlung der bösen Triebes, Egoismus genannt, in den Altruismus, wenn wir unsere Nächsten wie uns selbst lieben.

In der Mischna und der Gemara (und unzähligen anderen Texten) steht geschrieben, dass der einzige Grund, warum der zweite Tempel zerstört wurde, grundloser Hass sei. Daraus ergibt sich, dass wir fallen, wenn der Egoismus die Führung übernimmt. Wir haben uns erst dann als eine Nation etabliert, als wir schworen „wie ein Mensch mit einem Herzen" zu sein. Als wir diesen Schwur brachen, wurden wir zerstreut und verbannt.

Nicht weniger wichtig als unser Schwur, Eins zu sein, war das uns gegebene Versprechen, dass wir ein Licht für die Nationen sein würden. Welches Licht strahlen wir aber in Ermangelung einer Verbindung zwischen uns aus? Wenn wir verbunden sind und diese Einheit vermitteln, dann werden wir ein Licht für die Nationen sein und nicht mehr als „Kriegshetzer" bezeichnet werden können, da wir die Einheit verbreiten.

Das größte Problem heutzutage ist das globale Misstrauen, das wir auf jedem Niveau sehen. Unsere Illusion zerbricht Stück für Stück. Keiner Regierung kann mehr getraut werden, wie der ehemalige Angestellte der NSA, Edward Snowden, hinreichend bewiesen hat. Ehepartner können sich nun auch nicht mehr trauen, und das Ashley Madison Fiasko hat nur den bekannten Stand der Dinge enthüllt.

Verlorenes Vertrauen muss wiedergefunden werden

Wem können wir trauen? Ich werde hier die düsteren Beispiele ersparen, die diese rhetorische Frage beantworten, aber es ist klar, dass wir uns zunehmend voneinander entfremden - der Gegensatz zur Einheit und brüderlichen Liebe, die so lebensnotwendig für das Überleben in einer Welt sind, in der alle voneinander abhängen.

Je mehr wir diesem gegenwärtigen Trend folgen, desto größer ist der Druck, der auf den Juden lastet. Tief im Inneren erinnert sich die Welt, dass die Juden einst das Geheimnis für die korrekte menschliche Beziehung kannten. Wenn diese Erinnerung hochkommt, äußert sie sich in Beschuldigungen, dass wir Kriegshetzer und Manipulatoren seien, und in anderen „Komplimenten", die ein Teil des antijüdischen Fachjargons geworden sind.

Obwohl auch wir voneinander getrennt sind, sind wir doch zugleich diejenigen, die unsere Einheit wiedererwecken können und müssen. Aus gutem Grund schreibt die Jerusalem Post in einem redaktionellen Beitrag: „Das Iran-Abkommen ist ein Problem, das, so wichtig es für alle Seiten sein mag, nicht die Gefährdung der jüdischen Einheit rechtfertigt."

Obgleich wir noch sehr weit entfernt von der Einheit sind, ist hier wenigstens eine Erkenntnis der Unentbehrlichkeit dieses zu Unrecht verschmähten Wertes.

Ein Anfang: Rosch ha-Schana

Daher ist dieses Rosch ha-Schana eine wunderbare Gelegenheit, den Feiertag wirklich zum Rosh Hashinui zu machen und unsere Beziehungen zueinander zu verändern. Während wir mit der Familie und mit Freunden zusammenkommen, müssen wir großen Wert darauf legen, uns über unsere Unterschiede zu erheben und das gemeinsame Ziel der Einheit zu finden.

Wenn wir dies schaffen, wird sich all das eben genannte Leid in Luft auflösen, denn sobald wir darauf schauen, werden wir feststellen, dass all unsere bisherige Not einem einzigen Ursprung entstammt, und zwar unseren aufgeblasenen Egos.

Lasst uns in diesem Jahr ein bisschen Honig auf unsere aufgeblasenen Egos streichen, symbolisiert durch den Apfel (Heb: "tapuach", von dem Wort, "tafuach" (aufgeblasen)), und sie mit Einheit versüßen. Dies ist alles, was wir brauchen; dies ist alles, was die Welt braucht; und es ist der Schlüssel zu unserem dauerhaften Glück.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Israel nennt Atomabkommen mit dem Iran "Lizenz zum Töten"

Hier geht es zurück zur Startseite