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Merkel und Hollande haben es gemerkt: Die EU stirbt

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MERKEL HOLLANDE
Philippe Wojazer / Reuters
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Die EU muss, um sich selbst zu retten, in Eintracht handeln. Die Wahl ist eindeutig: Alle gewinnen gemeinsam, oder alle verlieren gemeinsam.

Vor etwa zehn Tagen haben sich die Regierungsinhaber der 27 nach Brexit noch in der EU verbliebenen Länder in Bratislava versammelt, um die Zukunft dieses sonderbaren Super- Staates zu diskutieren. Trotz der harmonischen Stimmung, die an sich für EU Treffen wenig charakteristisch ist, zweifelte niemand an der Ernsthaftigkeit dieses Momentes.

Donald Tusk, Präsident des EU-Rates, verkündete in seiner Einladung zu diesem Treffen: „Die Menschen wollen wissen, ob die Elite Europas fähig ist, wieder die Kontrolle über diese Situation zu erlangen, die sie überfordert, verwirrt und verängstigt hat. Viele glauben, dass die EU- Mitgliedschaft ihrer Stabilität und Sicherheit im Weg steht."

Bundeskanzlerin Angela Merkel stellte fest: „Wir sind in einer kritischen Situation", und fügte hinzu, sie hoffe, dass Bratislava zeige, „dass wir zusammen arbeiten wollen." Im seltenen Einklang mit ihr verkündete Francois Hollande: „Wir sehen nun entweder einer Trennung, einer Schwächung entgegen, oder wir wählen das Gegenteil und geben Europa gemeinsam einen Sinn."

Ich glaube ihnen. Sollte die EU zusammenbrechen, wird es die ganze Welt mit sich nach unten ziehen. Wie ein sich scheidendes Paar werden sich die Länder nicht etwa in Frieden voneinander trennen.

Sie werden sich auf den Kadaver stürzen und versuchen, das größte Stück für sich selbst zu bekommen, während andere gezwungen werden, durch den Schrott zu sieben. Dies wird den jahrhundertealten Hass zum Leben erwecken, der die dünne Fassade der Gemeinschaftlichkeit, die von politischen Fraktionen aus völlig falschen Gründen künstlich erstellt wurde, zerfetzen wird.

In Sünde gezeugt

Schon bei ihrer Gründung ging die EU in die falsche Richtung. Die vereinte Wirtschaftskraft des Europäischen Blocks sollte den alten Kontinent wieder weltführend machen, auf gleicher Höhe mit den USA, Russland und dem wachsenden Giganten China. Wirtschaft ist jedoch keine schwierige Wissenschaft.

Sie reflektiert die Ziele und Werte einer Gesellschaft. Wenn aufeinander prallende Kulturen, tief verwurzelte Feindseligkeit sowie die Unfähigkeit, die jeweilige Sprache des anderen zu sprechen, zusammen in einen Topf geworfen werden, muss man damit rechnen, ein explosives Gericht zu kochen.

Um Erfolg zu haben, hätte die EU ihre Bevölkerung im Vorfeld vorbereiten sollen. Man kann zum Beispiel nicht einfach alle Grenzposten an den Grenzen auflösen und eine freie Verkehrszone kreieren, wenn nicht alle Länder im Vorfeld zur Einigung darüber gelangt sind, wen sie auf ihr Hoheitsgebiet einreisen einlassen, und (hauptsächlich) wen sie auf das eigene Gebiet nicht einreisen lassen.

Mann kann auch nicht die Wirtschaft aller EU Mitgliedsstaaten vereinen, wenn dies gewissermaßen die Ausrottung der Produktionsmittel für den Großteil der Mitglieder bedeutet, und dadurch eine vollkommene finanzielle Abhängigkeit von einigen wenigen Mächtigen erzeugt wird. Ohne einen von allen geteilten Sinn für Verantwortung ist eine solche Initiative zum Scheitern verurteilt. Deswegen habe ich bereits 1990 gesagt, dass diese ganze Idee hoffnungslos ist.

Ein böses Erwachen

Aber es ist noch nicht zu spät. In einem Brief an die Regierungsinhaber der EU in Vorbereitung auf das Treffen in Bratislava schrieb EU-Ratspräsident Tusk: „Wir alle fühlen, dass wir gerade in diesen turbulenten, von Krisen und Konflikten gezeichneten Zeiten, mehr denn je eine Bestätigung unseres Gemeinschaftsgefühls brauchen."

Dieses späte Erwachen der EU mag schmerzhaft und schwierig sein, doch es bleibt noch Zeit, es richtig zu machen, wenn es wahrhaftig ein „Gemeinschaftsgefühl" gibt und eine gemeinsame Verantwortung für das Wohlbefinden aller.

Das erste, woran wir uns erinnern sollten, ist die Tatsache, dass der Frieden ein dynamischer Prozess ist. Die menschliche Natur entwickelt sich ständig, und immer in Richtung einer stärkeren Selbstzentriertheit.

Der Natur wohnt jedoch eine Kraft inne, welche die angeborene Macht der Selbstsucht in der ganzen Schöpfung ausgleichen kann. Dies erlaubt die Erhaltung, Evolution und das Gedeihen der Spezies. Tiere versuchen nicht, andere Gattungen oder ihresgleichen zu zerstören. Deren Ringen dient alleinig dem Überleben.

Dies kreiert ein ausgeglichenes Ökosystem auf dem ganzen Planeten, in dem das Wohlergehen und Gedeihen jeder einzelnen Spezies vom Wohlergehen aller anderen Spezies im System abhängt, und letztere daher unterstützt.

Den Menschen fehlt diese Hemmschwelle. Wir nehmen uns weitestgehend was immer wir können, von wem auch immer wir können, und sollte es dabei auch noch möglich sein, den anderen dabei zu erniedrigen, dann ist es überhaupt am besten.

Dies kreiert eine Menge an Problemen - Ungleichheit, Diskriminierung, Unterdrückung und Depression, die wiederum zur Aggression führen. Zur gleichen Zeit zwingen uns unsere Verlangen nach Ausbeutung und Herrschaft dazu, uns immer enger zu verbinden. Das Ergebnis davon in ein Bündnis, das niemand will, und aus dem sich niemand befreien kann.

Dies ist nun in wenigen Worten die Geschichte der Globalisierung. Wenn wir es also verhindern wollen, dass wir uns gegenseitig umbringen, sollten wir lernen zu koexistieren, wenn möglich freundschaftlich.

Einziger Ausweg

Europa kann die EU nicht auflösen. Die Wut, die sich durch die Krise angesammelt hat, in Verbindung mit einer langen Geschichte von Blutvergießen, wird eine solche Auflösung brutal und tödlich machen, nicht nur für Europa, sondern für die ganze Welt. Wie Merkel und Hollande festgestellt haben, ist der einzige Weg, diese Kriese zu lösen, es gemeinsam zu tun. Bei gleichzeitiger Erkenntnis, dass dies für einen erfolgreichen Heilungsprozess Europas unumgänglich ist.

Damit die EU gedeihen kann, muss es ein System kreieren, welches eine „Paneuropäische Erziehung zur Verbindung" für jeden einzelnen Bürger der EU zur Verfügung stellt. Alle Einwohner und temporären Residenten der EU müssen an verpflichtenden Kursen teilnehmen, die unterrichten, wie man praktisch kooperieren und sich über die Unterschiede hinweg vereinen kann - nicht nur theoretisch, sondern in Praxis.

Diese „Pflichtbildung" mag extrem klingen, doch sie wird viel eher für das Überleben der EU fördernd sein, als zum Beispiel der Vorschlag, eine „EU- Armee" zu gründen. Wenn nun alle Einwohner der EU, statt in die EU-Streitkräfte eingezogen zu werden, zu einer Ausbildung zur Einheit „rekrutiert" werden, wird der Block einen echten Kampfvorteil haben.

Diese Anstrengung, sich zu verbinden, wird jene Kraft entfesseln, welche die Balance auf allen Ebenen der Natur außer unserer eignen aufrechterhält. Sie wird die Europäer dazu befähigen, deren Isolationismus in der gleichen Art und Weise auszugleichen, wie es die Natur mit der Selbstzentriertheit im Tierreich macht.

Indem sie in Richtung der Einheit arbeiten, werden die Europäer eine gemeinsame Identität als Gesamtblock entwickeln. Solange Menschen sich selbst als Deutsche, Franzosen, Spanier oder Italiener betrachten, noch bevor sich selbst als Europäer identifizieren, bleibt es praktisch unmöglich, alles in einem Flickenteppich namens „Union" zusammenzuhalten.

Die so entstehende europäische Identität darf jedoch die nationale Identität nicht unterdrücken, sondern eher als eine „Decke" funktionieren, unter welcher jeder Unterschlupf finden kann. Diese allumfassende Einheit, welche die ausgleichende Kraft Europas ist, wird es jeder Nation ermöglichen, sich über den Drang des Isolationismus hinweg zu erheben, um zum Wohle ganz Europas zu arbeiten.

Es ist ganz klar, dass diese Einheit am Anfang rein gespielt sein wird. Doch im Prozess der Einschärfung dieser Grundlagen werden sich die Europäer für diese Idee erwärmen. Stück für Stück werden sich die Meinungen ändern, und eine neue Stimmung wird aufkommen.

Schlussendlich ist es undenkbar für eine Zelle, deren eigene Existenz als getrennt von der Existenz des gesamten Organismus, in dem sie sich befindet, wahrzunehmen, und so werden auch die Länder sich als integrale Teile eines größeren Ganzen, das „Europa" genannt wird, ansehen. Deren Sorge um Europa wird sie nicht schwächen, sondern ihnen zusätzliche Vitalität und Macht liefern.

Da wir zunehmend verbundener werden, wird eine gut gemeinte Wechselseitigkeit für alle Beteiligten vorteilhafter sein als die aktuell existierenden krankhaften Bande, und Europa wird zu der Macht werden, die es immer sein wollte.

Wenn Einheit in Europa herrscht, wird deren sowieso schon verschiedenartige Bevölkerung dem Kontinent Vitalität und Agilität geben, von denen andere Kontinente und Mächte nur träumen können.

Wie Merkel gesagt hat, die Situation ist kritisch. Wir nähern uns dem Wendepunkt, nach dem alles in Stücke zerfallen wird. Die Zeit zu handeln ist jetzt, und die Wahl ist eindeutig: Alle gewinnen gemeinsam oder alle verlieren gemeinsam.

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