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Die Klagemauer klagt über unseren Zwiespalt

08/03/2016 14:51 CET | Aktualisiert 09/03/2017 11:12 CET
Peter Wilson via Getty Images

Die letzte Runde im Kampf um die neue gemischte Gebetszone an der Klagemauer spiegelt den traurigen Zustand unseres Volkes wider. Theoretisch hätten Reformrabbiner „kleine Gewinne in Israel verzeichnen" können, und im Januar „jubelte die Bewegung über ... die Ankündigung Israels, einen besonderen gemischtgeschlechtlichen Gebetsbereich an der Klagemauer in Jerusalem einzurichten."

In Wahrheit versinnbildlicht aber der obige Satz aus dem Bericht von ABC News unseren gegenwärtigen Zustand.

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Der Bericht stellt in harten Worten den breiter werdenden Graben zwischen Israel und der Diaspora dar. Für das orthodoxe Establishment in Israel sowie auch für Rabbiner Steven Fox, den Vorstandsvorsitzenden der Zentralen Konferenz der Amerikanischen Rabbiner (CCAR) sind Reformjuden „nicht richtig Jüdisch".

Im gleichen Artikel wird ein weiterer Vertreter der Führungsriege der CCAR, Rabbiner Denise Eger, mit den Worten zitiert, dass Reformjuden sich fragen würden: „Ist Israel wirklich eine derart zurückgebliebene Nation?"

Der Kampf um das Recht, an der Klagemauer zu beten, ist zweifelsohne nicht vorbei. Uns sollte aber etwas anderes beunruhigen.

Für das orthodoxe Establishment in Israel sind Reformjuden „nicht richtig Jüdisch".

Dieser Kampf ist ein Symptom, ein Kanarienvogel in der Kohlenzeche des Jüdischen Lebens. Unsere Trennung ist oder sollte unsere größte Sorge sein. Wir sind von Fraktion zu Fraktion und von Kontinent zu Kontinent getrennt und verfremdet.

Das Iran-Abkommen, welches als „seltenes Beispiel von 13 Millionen Juden mit einer einzigen Meinung" verkündet wurde, beschleunigte in Wirklichkeit sogar die Spaltung innerhalb der Jüdischen Gemeinde in den Vereinigten Staaten.

Statt es als Katalysator für die Einheit zu nutzen, kämpften die Juden, die für und gegen das Abkommen waren, so heftig gegeneinander, dass die Gemeinden noch immer wegen der langfristigen giftigen Nachwirkungen taumeln.

Die bevorstehenden Wahlen, die aufgrund der natürlichen Notwendigkeit der Kandidaten, sich selbst aufzuwerten und ihre Wahlgegner abzuwerten, ohnehin immer eine polarisierende Auswirkung haben, machen es schwierig zu erkennen von wo ein vereinigendes Element im US-Judentum auftauchen könnte.

Orthodoxe Juden in Israel haben ebenfalls genug um die Ohren. Der Krieg um die Klagemauer ist hier nur einer der vielen Streitpunkte.

Das Iran-Abkommen beschleunigte in Wirklichkeit die Spaltung der Jüdischen Gemeinde.

Weitaus wichtiger als die Angelegenheit um die Klagemauer sind nämlich die Differenzen der religiösen Welt in einem der grundlegendsten Aspekte des Judentums: der Konversion - erst im vergangenen Jahr ist in Israel ein alternatives orthodoxes Konversionsgericht ins Leben gerufen worden.

Säkulare Juden schauen dabei untätig zu. Gleichgültig und entfremdet voneinander und von den meisten religiösen Gebräuchen nehmen sie vom Geschehen kaum Notiz.

In seinem Beitrag zum Iran-Abkommens für den Jewish Journal merkte Rob Eshman an: „Zuallererst: wir sind gespalten." Dies ist tatsächlich unser größtes Problem.

Wenn ich denke, dass ein anderer nicht richtig jüdisch ist, wenn seine Kippa (Kopfbedeckung männlicher Juden) nicht dieselbe Form und Farbe hat wie meine Kippa, oder wenn er seine Gebete in einer anderen Weise sprichst als ich, oder in der Diaspora lebt, während ich in Israel lebe, oder wenn er säkular ist und ich religiös, oder einfach anders ist als ich, dann habe ich ein großes Problem.

Gerade weil heutzutage unzählige Versionen dieser Konstellationen unter unseren Volksangehörigen existieren, haben wir, das Jüdische Volk, ein großes Problem.

Weitaus wichtiger als die Angelegenheit um die Klagemauer sind nämlich die Differenzen der religiösen Welt in der Konversion.

Ohne Einheit können wir nicht erwarten, dass uns etwas Gutes geschieht. Ohne Einheit sind wir nicht nur moralisch, spirituell und sozial unfähig, sogar unsere bloße Identität als Juden wird unhaltbar.

Im Judentum geht es in erster Linie um Gemeinschaft, Liebe für die anderen und Solidarität mit Leidenden und Armen. Das alles wird durch ein tief verwurzeltes Gefühlt der Einheit erzielt.

Ohne sie haben wir der Welt nichts zu bieten außer noch mehr Hi-Tech, was schwerlich etwas ist, was die Welt heute braucht.

Ohne Einheit sind wir nicht nur schwach, wir werden sogar umgehend verdächtigt, wo immer ein Unglück geschieht. Einheit, die sich in Solidarität, Gemeinschaftsgefühl und Brüderlichkeit widerspiegelt, ist das Fundament für die Zukunft und sogar für das Überleben der Menschheit.

Ohne sie kann es keinen Handel geben und damit auch keine Wirtschaft, weil die Menschen einander nicht trauen können.

Ohne Einheit können wir unsere Kinder nur dazu erziehen, um jeden Preis zu gewinnen, wie wir es derzeit in Bildungssystemen auf der ganzen Welt beobachten können, vor allem in den USA.

Ohne Einheit kann es keine bewohnbare Erdkugel geben, da unser zerstörerisches Konkurrenzdenken uns davon abhält, einem Abkommen zuzustimmen, welches uns erlauben würde, eine nachhaltige Zukunft für unsere Kinder zu schaffen.

Lasst uns einander nicht noch mehr Gründe zum Klagen geben.

Das Jüdische Volk prägte einst den Ausdruck „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", dessen vorbereitende Phase, wie wir wissen, die Goldene Regel bildet: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das für auch keinem andern zu".

Wir sind dafür auserkoren worden, Agenten der Einheit zu sein, doch die Botschaft, die wir vermitteln, ist das genaue Gegenteil. Die antisemitische Anschuldigung, wir würden alle Kriege herbeiführten, spiegelt die Empfindung wider, das wir nicht das nach außen vermitteln, was von uns verlangt wird - nämlich Brüderlichkeit.

Im Endeffekt macht es keinen Unterschied, wie verschieden wir voneinander sind. Statt unserer Segregation zu huldigen, sollten wir die Unterschiede zwischen uns als Möglichkeiten zur Vereinigung über diese Unterschiede hinweg zelebrieren!

Je einzigartiger und dennoch vereinter wir sind, desto stärker sind wir und desto positivere Botschaften vermitteln wir der Welt.

Statt um die Klagemauer zu kämpfen sollten wir uns daran erinnern, dass das Judentum Einheit und Brüderlichkeit bedeutet, und dass der Tempel wegen des Mangels daran zerstört wurde.

Lasst uns einander nicht noch mehr Gründe zum Klagen geben; lasst uns den Tempel wieder aufbauen, in unseren Herzen, durch Einheit jenseits aller Unterschiede.

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