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Israel: den Sinn in einer irrsinnigen Situation erkennen

04/11/2015 11:10 CET | Aktualisiert 04/11/2016 10:12 CET
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Ich lebe in Israel, und fast jeder, den ich hier kenne, versucht im Moment eifrig, den Sinn in einer irrsinnigen Situation zu erkennen. Nicht dass jemand darüber ernstlich überrascht wäre, dass in unserem gepeinigten Landstreifen erneut die Gewalt ausgebrochen ist.

Wir sind auch weder durch die verblüffende Grausamkeit, die von hassgefütterten Jugendlichen und Kindern zur Schau getragen wird, noch durch den Lob überrascht, den sie von den eigenen Familien für ihre abscheuliche Taten bekommen.

Vor allen anderen haben die Menschen in Israel begonnen zu verstehen, dass wir in eine Sackgasse geraten sind, in der der weitere Weg vollkommen unklar ist. Wir wissen, dass weder die Teilung des Landes funktionieren wird, noch das Verbleiben an Ort und Stelle und die Ausübung einer Militärherrschaft. Daher ist es an der Zeit, über den Tellerrand zu schauen.

Zuerst sollten wir aber einen Blick auf vorausgegangene Friedensversuche werfen, um zu verstehen, was nicht funktioniert.

Heute gibt es mehr Dschihadisten, die bereit sind mit ihrem Leben zu zahlen, als je zuvor

Wir haben versucht, die Terroristen sowohl innerhalb als auch außerhalb Israels mit militärischer Kraft zu brechen. Dies hat den Terrorismus nicht bezwungen. Tatsächlich gibt es heutzutage mehr Dschihadisten, die dazu bereit sind, mit ihrem Leben zu bezahlen, als zu jeder anderen Zeit in der jüngeren Geschichte.

Wir haben es mit politischen Mitteln versucht; wir haben es mit Friedensabkommen probiert, genau genommen sogar mit mehreren davon, und nicht einmal eines dieser Abkommen ist heute im eigentlichen Sinne gültig.

Als die Abkommen scheiterten, unternahmen wir einen einseitigen Rückzug (aus Gaza) mit entsetzlichen Konsequenzen. Wir haben sogar versucht, einen Neuen Nahen Osten zu entwickeln, mit technologischem Unternehmertum und mit den reichlich vorhandenen billigen Arbeitskräften aus Gaza, die nach Versorgung suchten. Keine dieser Ideen war erfolgreich. Heutzutage erwartet niemand, dass etwas davon funktioniert, sicherlich nicht auf Dauer.

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Die eine Sache, die all die oben genannten Lösungen gemeinsam haben, besteht darin, dass sie das Wohlwollen der anderen Beteiligten gefordert oder sich darauf verlassen haben. Doch in Abwesenheit eines solchen Willens ist jedes Abkommen, noch bevor es in Kraft tritt, zum Scheitern verurteilt.

Deshalb dürfen wir nicht auf die Abkommen schauen, die wir mit unseren Nachbarn verwirklichen können oder nicht verwirklichen können, sondern auf die Abkommen, die wir mit uns selbst verwirklichen können.

Seit Anbeginn unserer Stammesgeschichte und bis zur Gegenwart waren Einheit, gegenseitige Verantwortung und Kameradschaft vorrangig für unseren Erfolg. Durch alle Zeiten hinweg haben wir wissenschaftliche und akademische Fähigkeiten entwickelt, und zwar in weitaus höherem Maße als andere Nationen.

Wir übersahen einen wichtigen Grundsatz

Wir haben der Welt den Monotheismus, Humanismus, Sozialismus und viele lebensrettende Erfindungen und aufschlussreiche Entdeckungen geliefert. Während wir jedoch diese Dinge entwickelten, übersahen wir den einen Grundsatz, den die Welt heute am meisten braucht und der auf unserem Planeten vollkommen fehlt: die Einheit.

Wenn ich von Einheit spreche, dann meine ich nicht die Einheit gegen einen Anderen, Einheit zum Zweck, einen Gegner zu besiegen. Diese Art der Allianz hat uns dort hingebracht, wo wir uns zurzeit befinden. Zwei Weltkriege liegen hinter uns, und wir sind möglicherweise en route zu einem Dritten. Die Einheit, auf die ich mich beziehe, ist lediglich: Einheit um der Einheit willen.

Da wir für alles, was wir machen, einen Grund brauchen, nennen wir es besser noch: „Einheit, um sie zu beherrschen und zu teilen."

Unser Volk ist bis zur Unkenntlichkeit fragmentiert und gespalten. Wenn wir es nicht besser wüssten, würden wir voraussichtlich niemals glauben, dass orthodoxe Juden und liberale Unterstützer der Arbeiterpartei beispielsweise dem gleichen Glauben angehören, oder dass jüdische Siedler und Meretz-Wähler den gleichen Ursprung teilen.

Sogar Beziehungen zwischen Israel und der Diaspora werden mit Uneinigkeit belastet, und Israel selbst wird von vielen als ein teilender Faktor unter Diasporajuden angesehen.

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst

Nichtsdestotrotz sind wir Nachkommen von Abraham, Isaak und Jakob, deren Vermächtnis von Barmherzigkeit in den unsterblichen Worten von Rabbi Akiva verkörpert ist: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Darin liegt unsere Stärke, in der Einheit über alle Unterschiede hinweg.

Ich muss allerdings nochmals wiederholen: Diese Einheit darf nicht zum Zweck haben, jemanden zu besiegen, sondern schlicht und einfach, um unsere eigenen explodierenden Egos zu überwinden und um eine lebensfähige, nachhaltige und soziale Struktur zu errichten, in der Juden Seite an Seite in Frieden und Harmonie unter sich und mit ihren Nachbarn leben können.

Anschließend muss es unser Ziel sein, diese Einheit mit jedem zu teilen, der daran interessiert ist, sie anzunehmen. Dies kann an sich schon die internationale Dämonisierungskampagne gegen Israel in Luft auflösen.

Unser Motto sollte in etwa wie folgt klingen: „Stehen harte Zeiten an, bringt das Gute voran."

Das ist alles was wir brauchen, einander freundlich die Hand zu reichen, ohne Fragen zu stellen. Wie wir es bereits millionenfach gehört haben, wird diese Einheit all die Kräfte entfesseln, die wir brauchen, um unsere Probleme zu lösen: soziale, wirtschaftliche und politische - landesintern und international.

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