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Der grundlegende Denkfehler in Bezug auf die Cyber-Attacken

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CYBERATTACK
Oliver Nicolaas Ponder / EyeEm via Getty Images
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Der beste Weg, den Cyberraum zu sichern, hat nichts mit Computertechnologie, dafür aber alles mit der menschlichen Natur zu tun.

Cyber-Großanschläge, wie der Wanna Cry-Hackerangriff im vergangenen Monat, führen uns immer wieder eindrucksvoll vor Augen, wie anfällig unsere Systeme sind. Ein einzelner böswilliger Computerfreak kann heute großflächigen Schaden anrichten. Gleichzeitig gibt es keinen Weg, uns vor solchen Angriffen komplett zu schützen. Experten warnen schon lange vor großflächigen Hacker-Katastrophen. „Solange wir den Cyberraum nicht korrigieren, um ihn inhärent sicher und immun gegen Anschläge zu machen, ist anzunehmen, dass die Sicherheitssituation mit den Myriaden an angreifbaren Geräten und Systemen, die jeden Tag entwickelt und hergestellt werden, immer schlimmer wird", so einer der globalen Experten und CEO von Kaspersky Lab, Eugene Kaspersky, in einem Interview vergangene Woche.

Unfassbare Schadensmöglichkeiten

Betrachten wir einmal folgendes Szenario: Ein terroristischer Hacker infiltriert gleichzeitig das Computersystem mehrerer großer Krankenhäuser im Iran mit schädlicher Software. Die Malware ändert die Verschreibung rezeptpflichtiger Medikamente von tausenden von Patienten, und verursacht so eine Massenvergiftung, der hunderte von Patienten zum Opfer fallen. Die Malware ist so konstruiert, dass sie auf Israel als Täter hinweist. Wie Iran vergelten würde, lässt sich nur vermuten. Aber das Risiko eines totalen Krieges ist offensichtlich.

Betrachten wir ein anderes Szenario: Ein Hacker verschafft sich Zugang zum Navigationssystem eines Passagierflugzeugs und lässt es in ein belebtes Wohngebiet stürzen. Mit den heutigen Hacking-Fähigkeiten müssten die Attentäter für ein Szenario vom Typ 11. September nicht vor Ort sein, um Flugzeuge zu entführen. Sie könnten, ohne ihr eigenes Leben zu riskieren, die Systeme einfach in der Luft manipulieren und dabei denselben Schaden anrichten.

Die Hacker können uns auch persönlich treffen. Man stelle sich nur vor, man würde eines Morgens aufwachen, und ein von sämtlichen Ersparnissen leergeräumtes Bankkonto vorzufinden, von welchem scheinbar legal Geld abgehoben wurde. Bei einem Anruf bei der Bank wird einem dann mitgeteilt, man habe selbst die Überweisung getätigt, was sogar in den Computern der Bank dokumentiert sei.

Zugentgleisungen, Abkühlung von Kernreaktoren, Ampeln, die alle zur gleichen Zeit grün werden, manipulierte Medikamentenverschreibungen und Dosierungen in Krankenhäusern, gelöschte oder veränderte Aufzeichnungen von Regierungsentscheidungen ... In einer Zeit, in der alles von Computernetzwerken gesteuert wird, kann alles gehackt und sabotiert werden. Eines ist klar: Keine Firewall oder Anti-Malware ist vor Hackerangriffen wirklich gefeit.

Uns kontrollieren Maschinen, die wiederum von gestörten Narzissten kontrolliert werden

Globalisierung und Internet bieten endlose Chancen für Glück. Denken Sie an all die Menschen, die Sie auf Facebook treffen, alle Orte und Dinge, die Sie auf Instagram sehen, und alle Produkte, die Sie mit großen Preisnachlässen bei eBay kaufen können. Es ist nicht nötig, in den Laden zu gehen. Alles ist online erhältlich.

Jedoch statt uns Freude zu bringen, erhöhen diese Entwicklungen nur unsere Einsamkeit und unseren Schmerz. Soziale Medien sind zum Ersatz echter Freundschaft geworden. Sie werden genutzt, um die abscheulichsten Dinge, die Menschen einander zufügen können, zu veröffentlichen. Laut CNN plant Facebook, Tausende von Mitarbeitern für die Prüfung von Nutzerbeiträgen einzustellen, nachdem mehrfach Videos, die Selbstmord oder Mord dokumentieren, veröffentlicht worden waren. So hat auch der letzte Hacker-Großangriff mit Wanna Cry gezeigt, dass wir unser „Vernetzt Sein" eher fürchten als genießen.

Wir haben die Kontrolle virtuellen Maschinen übergeben. Doch hemmungslose Narzissten kontrollieren diese und nutzen sie, um uns zu manipulieren und auszubeuten. Das Virtuelle spiegelt nicht nur unsere rücksichtslose, kaltschnäuzige Natur wieder, sie verstärkt sie noch, da die relative Anonymität des virtuellen Raumes es uns ermöglicht, unser wahres, erbarmungsloses Wesen nach außen zu kehren. Das einzig Gute, das die virtuelle Sphäre hervorbringt, ist die Erkenntnis des Bösen - die Erkenntnis, dass unsere Natur von Grund auf böse ist, und Frieden oder Seelenfrieden unmöglich sind, ehe wir nicht unsere eigene Natur zähmen.

Eine Anti-Malware für das Ego

Es gibt einen Weg, das Ego zu bändigen, wenn wir nur willens sind, unseren Geist und unser Herz dafür zu öffnen. Er ist tausende von Jahren alt und entstammt der Wiege der Zivilisation. Der Stammvater der Methode ist Abraham, Vater Isaaks, Ismaels und folglich aller monotheistischen Religionen - Judentum, Christentum und Islam.

In den Tagen Abrahams hatte seine Stadt Ur in Chaldäa - eine geschäftige Stadt im babylonischen Reich - mit einem ähnlichen Problem wie wir zu kämpfen: Maßloser Egoismus drohte die Gesellschaftsordnung zu zerstören. Einige Quellen, wie die Pirkei de Rabbi Eliezer („Kapitel des Rabbiner Eliezer"), zeigen das Ausmaß der Feindschaft unter den alten Babyloniern. Das Buch schreibt, dass die Erbauer des Turms von Babel einander irgendwann so sehr hassten, dass sie ihre Pflugscharen zu Schwertern und ihre Schnitthaken zu Speeren machten und übereinander herfielen. Natürlich wurde der Turm nie zu Ende gebaut.

Als Abraham den Hass unter seinen Städtern sah, dachte er einen Tag und eine Nacht nach, so Maimonides in Mischne Tora (Kapitel 1). Maimonides schreibt auch, dass Abraham entdeckte, dass es nur eine einheitliche Kraft in der Welt gibt, die sich immer durch Gegensätze manifestiert: Hitze und Kälte, Ausdehnung und Kontraktion, Geben und Empfangen, Leben und Tod usw.

Abraham fand außerdem heraus, dass in der Natur alles harmonisch und ausgewogen ist, weil sich die beiden Gegensätze in gleichem Maße manifestieren. Doch bei den Menschen haben die negativen Manifestationen in der Gesellschaft eine derartige Dominanz, dass die positiven kaum zutage treten. Darum schreibt die Thora: „Die Neigung des menschlichen Herzens ist böse von seiner Jugend an" (1. Mose 8,21)

Darüber hinaus erkannte der Weise aus Babylon, wie aussichtslos es war, das Ego gewaltsam zu unterdrücken. Sein Vater, Terach, war kein gewöhnlicher Mann. Der Midrasch (Bereschit Rabba) erzählt uns, dass Terach ein hochrangiger Priester im babylonischen Reich war, der vom Verkauf von Ikonen lebte und mit dem babylonischen König Nimrod in Verbindung stand. Abraham, der bei ihm aufwuchs und für ihn im Laden stand, kannte die Wege, mit denen die Babylonier ihre Probleme lösten, und erkannte ihre Vergeblichkeit.

Anstatt das Ego frontal zu bekämpfen, schlug Abraham eine bis heute neuartige und radikal andere Herangehensweise vor: „Wenn du deinen Hass nicht unterdrücken kannst, benutze ihn als Werkzeug, um deine Liebe für Andere zu erhöhen, und bedecke so deinen Hass mit Liebe". Mehrere Generationen später fasste König Salomo Abrahams Methode so zusammen: „Hass schafft Hader, doch Liebe überdeckt alle Verfehlungen". (Sprüche 10:12).

Wie Hass, richtig genutzt, die Liebe mehrt

So revolutionär Abrahams Idee war, so einfach war ihre Umsetzung. Jedes Mal, wenn das Ego wächst und die Menschen einander mit mehr Hass begegnen, kann diese Feindseligkeit als Indikator dafür gesehen werden, dass es Zeit ist, die Verbindung zu verstärken. Ohne Hass, kümmern sich die Menschen nur um sich selbst und haben kein Bedürfnis, sich zu verbinden. Sie kommen miteinander aus, stehen sich jedoch im Grunde gleichgültig gegenüber. Wenn der Hass sich jedoch zwischen ihnen manifestiert, können sie sich entweder trennen oder ihre Verbindung und Brüderlichkeit verstärken, um dem zunehmenden Hass gewachsen zu sein. Das Ergebnis einer solchen Arbeit ist, dass die Brüderlichkeit zwischen Menschen proportional zur Intensivierung des Hasses steigt.

Man muss es so sehen: Ein Haus, das an einem Ort steht, an dem kaum Wind weht, muss nicht sonderlich dicke Mauern haben. Ein Haus jedoch, das an einen Ort gebaut wird, an welchem Hurrikane und starke Stürme zu erwarten sind, muss viel stabiler und wetterfester gebaut werden.

Abraham erkannte daher, dass der zunehmende Hass eine Chance war, das Gleichgewicht zwischen Positiv und Negativ wiederherzustellen, das in der Natur existiert, aber beim Menschen fehlt. Die bewusste Anstrengung, sich zu verbinden, gewährte den Menschen Einblick in den Modus Operandi der Natur und verlieh ihnen so ein Wissen, dass sie anderweitig nicht hätten erwerben können. Mit diesem Wissen errichteten Abrahams Nachkommen das soziale System, nach welchem die alten Hebräer lebten. Das System war so perfekt, gerecht und ausgewogen, dass es bis heute als Grundlage der menschlichen Gerechtigkeit dient. Der Historiker Paul Johnson schrieb im Prolog zu seinem Buch „Eine Geschichte der Juden": „Kein Volk hat jemals mehr als die Juden darauf beharrt, dass die Geschichte einen Zweck und die Menschheit eine Bestimmung hat. Bereits in einem sehr frühen Stadium ihrer kollektiven Existenz glaubten sie, ein göttliches Schema für die Menschheit entdeckt zu haben, das durch ihre eigene Gesellschaft beispielhaft umgesetzt werden sollte." Selbst einer der berüchtigtsten Antisemiten, Henry Ford, wies auf die Bedeutung der alten Hebräer für die Menschheit hin. In seinem Buch The International Jew--the World's Foremost Problem („Der Internationale Jude - der Welt größtes Problem") schrieb er: „Moderne Reformer, die soziale Modellsysteme auf dem Papier konstruieren, täten gut daran, sich die sozialen Systeme der frühen Juden anzusehen."

Abrahams Methode implementieren

Als Abrahams Nachfahren und Schüler ein ausreichendes Niveau an Einheit erreicht und sich letztlich verpflichtet hatten, sich "wie ein Mann mit einem Herzen" zu vereinen, wurden sie zu einer Nation erklärt. Über tausend Jahre lang kämpften sie mit ihrem wachsenden Ego und überwanden es, wobei sie beständig an der Verbesserung der Methode arbeiteten, die Einheit über den Hass zu stellen.

Doch vor 2000 Jahren erlagen die Juden ihren Egos. Ihr unbegründeter Hass verhalf den Römern, das Land Israel zu erobern; sie selbst wurden verbannt und in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Das Schlimmste jedoch ist, dass sie die wahre Bedeutung des Judentums vergessen hatten: Liebe über den Hass zu stellen und „deinen Nächsten wie dich selbst zu lieben".

Die heutige Welt ist schlimmer als Abrahams Babylon. Wir töten einander nicht nur, wie einst die Erbauer des Turms von Babel, wir genießen unsere Selbstsucht sogar und sind stolz auf unseren Narzissmus. Wir wollen mehr von allem, nicht, weil wir mehr brauchen, sondern weil wir mehr als andere haben müssen! Die Notwendigkeit, überlegen zu sein beherrscht unsere Herzen. Und da wir uns gegenseitig bekämpfen, zerstören wir uns selbst, so wie Krebs die gesunden Zellen um sich herum zerstört, bis er seinen Wirt und zugleich sich selbst tötet.

Trotz des großen Schadens, den Hackerware bereits angerichtet hat, gibt sie nur einen winzigen Vorgeschmack auf den Schaden, den das menschliche Ego anzurichten vermag. Sie ist ein Warnsignal, dass niemand sicher ist. Die ganze Menschheit sitzt im selben Boot. In dem Maße, wie der Mensch technologisch unabhängiger wird, ohne gleichzeitig die Haltung Anderen gegenüber zu korrigieren, wird unsere wechselseitige Verbundenheit Leiden erzeugen.

Wir haben es versäumt, unser Ego zu unterdrücken, also müssen wir jetzt lernen, wie wir es nutzen können, um unsere Einheit zu vergrößern, so wie Abraham vor fast vier Jahrtausenden. Das mag eine gewaltige Aufgabe scheinen. Die Geschichte der Juden beweist jedoch anderes. Wenn wir uns über unseren Zynismus und unsere Resignation erheben, werden wir eine so mächtige Solidarität und gegenseitige Sorge erreichen, dass unsere Einheit selbst die unserer Vorfahren in den Schatten stellen wird.

In diesem Prozess werden wir, wie einst Abraham, die Einheit erfahren, die die ganze Natur in Harmonie versetzt. Wir werden feststellen, dass Hass nur dann von Bedeutung ist, wenn er in Liebe zu anderen verwandelt wird, und diese Liebe zu anderen existiert nur durch unsere Bemühungen, uns über unseren Hass hinweg zu vereinen. Wenn wir uns entschließen, uns der Herausforderung zu stellen, werden wir uns vereint und triumphierend über unser Ego erheben. Kapitulieren wir, wird unser Leiden unermesslich sein.

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