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Aus der Enge ausbrechen

03/08/2016 16:09 CEST | Aktualisiert 04/08/2017 11:12 CEST
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Die drei Wochen, oder Bein ha-Metzarim („Zwischen den Engen"), die nach dem jüdischen Kalender am 17. Tammus (dem vorletzten Sonntag) beginnen und am 9. Av enden (der 9 Av wird dieses Jahr auf Sonntag, den 14. August, fallen), kennzeichnen eine sehr düstere Zeit in unserer Vergangenheit.

In den Tagen von Candy Crush und Pokemon Go möchte niemand wirklich etwas davon wissen, aber wir sollten es, weil das Gebrechen, welches unser Volk vor 2000 Jahren zerstörte, niemals geheilt worden ist. Heute wie damals ist es die Ursache für all unsere Probleme.

Die traurige Geschichte über Kamza und Bar-Kamza

Der Talmud (Masechet Gittin) erzählt uns, dass vor langer Zeit, als der Tempel noch stand, ein wohlhabender Jude in Jerusalem einen Freund namens Kamza und einen Feind namens Bar-Kamza hatte. Eines Tages entschied sich der wohlhabende Jude dazu, ein Fest zu veranstalten.

Er sandte seinen Diener aus, um seinen Freund Kamza zum Fest einzuladen, aber der Diener lud fälschlicherweise seinen Feind Bar-Kamza ein. Der überraschte Bar-Kamza nahm dies als eine Geste der Versöhnung an und stimmte der Einladung zu. Er zog seine besten Kleider an und ging zum Haus des Mannes, von dem er dachte, dass er nicht mehr länger sein Feind wäre.

Als der Gastgeber bemerkte, dass Bar-Kamza anwesend war, wurde er wütend und gebot dem Gast, augenblicklich zu verschwinden. Der gedemütigte Bar-Kamza bat den Gastgeber eindringlich, ihn bleiben lassen. Er bot ihm sogar an, für sein eigenes Essen und Trinken und für das aller anderen ebenfalls zu bezahlen. Der Gastgeber wies ihn nicht nur erbarmungslos ab, sondern zerrte ihn sogar aus seinem Haus und warf ihn auf die Straße.

Gedemütigt und blamiert schwor Bar-Kamza nicht nur seinem Gastgeber Rache, sondern auch den Gästen, die den Gastgeber unterstützt hatten. „Ich werde sie vor dem Kaiser verleumden", beschloss er.

Bar Kamza ging zum Kaiser Nero und berichtete ihm, dass die Juden einen Aufstand gegen ihn planten. Nach der geschickten Überredung war der Kaiser davon überzeugt, dass Bar-Kamza die Wahrheit sagte, und entsandte schließlich eine Armee, angeführt von Tiberius Alexander, der selbst Jude war, um Jerusalem und den Tempel zu zerstören.

Diese bekannte Geschichte symbolisierte über Generationen hinweg den unbegründeten Hass, der zu unserem gesellschaftlichen und moralischen Verfall und zum darauf folgenden Exil führte. Im heutigen gesellschaftlichen Klima könnte sie nicht relevanter sein.

Wie wir heute jeden einzelnen Tag sehen, lesen und hören können, stehen Konflikte, Manipulationen und Unehrlichkeit so hoch in unserer Gunst wie nie zuvor. Der Sarkasmus und der Hohn, die wir uns einander entgegenbringen, deuten nicht auf unser Intellekt hin, sondern auf unseren gegenseitigen Widerwillen.

Zeit, unsere Fäden der Liebe wieder zu verknüpfen

Die drei Wochen kennzeichnen die Zeit zwischen der Zerstörung der Mauern von Jerusalem und der Zerstörung des Tempels. Der Heilige Shlach (Jesaja HaLevi Horovitz) schrieb, dass unbegründeter Hass „die Zerstörung des Tempels verursacht" habe. Wie Baal HaSulam anmerkte, ist es tatsächlich „eine Schande, sich einzugestehen, dass eines der kostbarsten Verdienste, welche wir verloren haben, das natürliche Gefühl ist, welches jedes einzelne Volk verbindet und aufrechterhält.

Die Fäden der Liebe, die das Volk verbinden, und die so selbstverständlich und urtümlich in allen Völkern veranlagt sind, sind von unseren Herzen so entartet und losgelöst worden, sie sind weg." Demzufolge ist der Hass der Welt uns gegenüber das Einzige, was uns als Volk zusammenhält.

Die heutige westliche Welt bietet Juden noch immer Meinungsfreiheit und Bewegungsfreiheit. Wir müssen diese Freiheiten nutzen, um die Nächstenliebe über unsere Entfremdung hinweg wiederherzustellen, und um unserer Volkstum wiederaufzubauen.

Jetzt, bevor sich die Tür der Freiheit erneut schließt, muss unser Volk unermüdlich daran arbeiten, sich selbst aus den Trümmern des unbegründeten Hasses zu erheben und unsere Berufung als Volk zu erkennen - zum Vorbild eines wahren vereinten Volkes zu werden, einem Vorbild, welches alle anderen Nationen nachahmen werden, sodass auch sie von dieser einzigartigen Kraft der Einheit profitieren können.

Der Bau des Tempels im Inneren

So wie wir über die Zerstörung des Tempels nachdenken, so sollten wir auch in die Zukunft schauen. Wenn das Buch Sohar vom Bau des Dritten Tempels spricht, spricht es nicht von Ziegeln und Bögen; es spricht von unseren Verbindungen. Es beschreibt die Reparatur unserer zerbrochenen Herzen, die am Leiden des unbegründeten Hasses erkrankt sind. Der Sohar erklärt, wie die gesamte Welt die Verbundenheit, die vom vereinten Volk Israel ausgestrahlt wird, begeistert annehmen wird.

Der Bau des Tempels findet deshalb in unserem Inneren und zwischen uns statt, indem unsere zerbrochenen Verbindungen repariert und unser Hass mit Liebe bedeckt wird, oder wie König Salomo schreibt: „Liebe überdeckt alle Verfehlungen."

Genauso wie wir eine negative Kraft hervorrufen, wenn wir uns voneinander loslösen, rufen wir eine positive Kraft hervor, wenn wir uns miteinander verbinden. Diese Kraft kehrt unser gegenseitiges Misstrauen in gegenseitige Fürsorge und unsere Abschottung in gegenseitige Verantwortung um.

Die Schönheit dieser Kraft besteht darin, dass wir unsere Individualität beibehalten und unseren persönlichen Eigenschaften gerecht werden, während wir einen Beitrag zur Gesellschaft leisten und den Nutzen des Beitrags Anderer ernten. Somit weben wir ein „Decke" der Verbindung, die unsere Trennung überdeckt.

Das Gen der Einheit

Das heutige Judentum ist zerbrochen und in mehr Teile fragmentiert als man zählen kann. Allerdings befindet sich das „Gen" der Einheit in jedem von uns, und wir können es zum Leben erwecken, wenn wir uns für diesen Weg entscheiden.

Falls wir trotz unseres explosiven Egoismus danach streben, unsere Kräfte zu vereinen, um als ein vereintes Jüdisches Volk ein gemeinsames Ziel zu verfolgen, und zwar die Menschheit mit einem Beispiel der Einheit zu versorgen, zu einer Zeit, in der sie es dringend braucht, werden wir unsere Berufung vollenden.

Jetzt ist es an der Zeit, die Initiative zu ergreifen. Die Welt befindet sich in einer Abwärtsspirale und es ist deutlich sichtbar, dass der Egoismus auf jeden Fall einen großen Anteil an diesem Abstieg trägt. Allerdings weiß niemand, wie unser kollektives selbstmörderisches Verhalten zu stoppen ist.

Wir, die Juden, die Überbringer des Grundsatzes „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", müssen uns dieser Herausforderung stellen, unsere Egos niederlegen und uns über ihnen hinweg verbinden. Dies ist die wahre und positive Botschaft, die wir aus diesen drei Wochen mitnehmen sollten. Nur das wird unsere Sicherheit und unser Glück in Israel und auf der ganzen Welt garantieren.

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