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Warum man Angela Merkel nicht mehr trauen kann

02/03/2016 10:20 CET | Aktualisiert 03/03/2017 11:12 CET
AP

Am 29.02.2016 schrieb der Zeit-Redakteur Hans Hütt: „Bei Anne Will konnte man erleben, wie Angela Merkels Politikverständnis mit einer Talkshow-Dramaturgie kollidierte, die Unterhaltung mit Haltung verwechselt. Die Lust an medialen Katastrophenszenarien traf in der Sendung auf eine Politikerin, die sich ihren Rang durch Kompromisse und den Ausgleich von Interessen erarbeitet hat."

Die FAZ spricht von „Weitsicht" der „Lordsiegelbewahrerin Europas". Focus bescheinigt der Kanzlerin „einige sympathische Eindrücke" und ein menschliches Gesicht.

Frau Dr. Merkel: „Ich bin manchmal auch verzweifelt".

Der Spiegel spricht sogar davon, „Der Auftritt der Kanzlerin hatte schon etwas Rauschhaftes".

Haben sich namenhafte Denker wie Peter Sloderdijk getäuscht?

Kann man der Besonnenheit und Menschlichkeit der Kanzlerin wieder vertrauen? Behält die Kanzlerin die großen, europäischen und humanitären Perspektiven im Blick?

Glaubt man dem Migrationsforscher Rainer Bauböck, trifft dies zu. Er hält die Kanzlerin für weitsichtig und beschrieb dies am 27.10.2015 mit den Worten: „In zehn Jahren wird man einer Kanzlerin Merkel wahrscheinlich dankbar sein".

Danach erhielt die Kanzlerin auf dem Parteitag der CDU vom 13.-15.12.2015 eine breite Zustimmung für ihre Politik. EU-Kommissionschef Claude Junker prognostizierte schließlich am 17.02.2016 nach dem EU-Gipfel: „Angela Merkel wird all ihre jetzigen Kritiker im Amt überdauern."

Auch die Umfragewerte für die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin in der Bevölkerung steigen wieder an. Matthias Jung, Chef der Forschungsgruppe Wahlen (Politbarometer) hält es durchaus für möglich, „dass die Kanzlerin schon bald aus dem Umfragetief herausfindet".

Die EU-Grenzschutzbehörde Frontex zieht eine negative Bilanz.

Haben sich so namhaften Denker wie der Philosoph Peter Sloderdijk getäuscht?

Peter Sloterdijk am 18.09.2015: Das Handeln der Kanzlerin und ihre Politik sei eine Fortführung der „Lethargokratie der Kohl-Ära", in der auf eine vorausschauende politische Führung verzichtet und nur der „Chance des historischen Moments", sowie dem eigenen Machterhalt nachgegangen werde (10).

Und täuscht sich der Psychoanalytiker Dr. Hans-Joachim Maaz wenn er schreibt: „Frau Merkel handelt vollkommen irrational"?

Die EU-Grenzschutzbehörde Frontex zieht in ihrer Einschätzung allerdings eine negative Bilanz.Sie hielte es bereits für einen Fortschritt, wenn die Flüchtlingszahlen 2016 stabil bleiben und nicht weiter ansteigen würden. Die Türkei meldet sich. Statt den vereinbarten 3 Milliarden benötigt sie jetzt 5 Milliarden Euro.Auch sah die Mehrheit der Bundesbürger bereits im Oktober 2015 den Zusammenhalt in der EU als bedroht an.

Welchen Worten sollen wir Glauben schenken?

Der Ex-General und ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr Harald Kujat befürchtet, dass sich der Syrien-Konflikt zu einem Weltkrieg ausweiten könnte. Und statt einer Integration der Flüchtlinge könnten sich die schon existierenden Parallelgesellschaften weiter verfestigen.

Sachsens Regierungschef Stanislaw Tillich am 18.01.2016: „Die mangelnde Integration von Zuwanderern" ist seit vielen Jahren ein Problem.

Welchen Worten sollen wir Glauben schenken - denen der Kanzlerin oder den warnenden Worten der Kritiker? Kann man der Kanzlerin vertrauen?

Aus Sicht der Psychologie sind Ehrlichkeit, die Bereitschaft sich zu orientieren und die eigene Position zu relativieren, der Verzicht auf moralisierende Entschuldigungen, adäquate Emotionalität oder nonverbale Signale, sowie Angemessenheit der Handlungsmotive von Bedeutung, um die Glaubhaftigkeit der Worte und des Handelns eines Menschen zu beurteilen.

Wie verlief nun das Gespräch von Angela Merkel mit Anne Will im Kontext ihrer früheren Äußerungen und Einschätzungen?

Fehlende Ehrlichkeit der Kanzlerin?

Es fällt auf, dass die Kanzlerin nicht versuchte die Ängste und Argumente der Bürger und ihrer Kritiker zu entkräften, sondern lediglich zu beschwichtigen.

Auch stellte die Kanzlerin ihre Entscheidung vom 05.09.2015, die in Ungarn festsitzenden Flüchtlinge nach Deutschland einreisen zu lassen und die Grenzen auch in der Folgezeit offen zu halten als gut durchdacht dar.

Im Gespräch mit Anne Will vor fünf Monaten wies sie noch auf den Handlungsdruck hin, der ihr eine schnelle Entscheidung abverlangt habe.

Fehlende Bereitschaft zur Orientierung?

Die Kanzlerin spricht, wenn es um die Entscheidungen in der Flüchtlingspolitik geht, nicht in der Wir-Form sondern von sich, als alleinige Entscheidungsinstanz.

Auch verneinte die Kanzlerin einen Plan B, sollte ihre europabezogene Strategie zur Bewältigung der Flüchtlingskrise nicht erfolgreich sein. Ihre eingeschlagene Flüchtlingspolitik wird damit zum Dogma und kann nicht revidiert werden.

Große Teile der Bevölkerung und fast ganz Europa wenden sich von der Haltung der Kanzlerin ab, doch die Kanzlerin bleibt bei der selbstbezogenen Ausrichtung ihrer Orientierung.

Moralisierenden Entschuldigungen?

Angela Merkel: „Ich muss ganz ehrlich sagen: Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land".

Emotionalität oder nonverbale Signale?

Viele haben sich über die Emotionalität und das menschliche Gesicht der sonst so bedächtig wirkenden Kanzlerin gewundert, als sie die Entscheidung für eine deutsche Willkommenskultur traf.

Zeit-Redakteur Josef Joffe: „Wundersames geschieht in Deutschland. ... Die Deutschen machen Land, Herzen und Arme auf, und dies während der größten Massenwanderung seit Ende des Krieges".

Aber schon frühzeitig wurde vor den weltweiten Auswirkungen dieser Willkommenskultur gewarnt. Welt-Redakteurin Nicole Macheroux-Denault: „Deutsche Willkommenskultur wirkt in Mali sogar bei denen, die bisher gar nicht weg wollten".

Unangemessene Handlungsmotive?

Die Kanzlerin betont, mit ihrer Flüchtlingspolitik solle Europa zusammengehalten und Humanität gezeigt werden. Die Realität sieht allerdings anders aus:

Tausende Frauen und Kinder fliehen derzeit mit dem Ziel nach Deutschland zu gelangen. Waren es bisher hauptsächlich Männer, so liegt der Anteil der Kinder und Frauen laut Protokoll des Bundesinnenministeriums jetzt bei 80%.

Eine furchtbare humanitäre Katastrophe. Ausgerechnet diejenigen, die wir vordringlich schützen sollten werden nach der gefährlichen Überfahrt nach Griechenland jetzt vor Grenzzäunen aufgehalten - ohne adäquate Versorgung.

Die Handlungsmotive und Bedürfnisse als Grundlage des menschlichen Handelns aus psychologischer Sicht wurden bereits an anderer Stelle ausführlich dargestellt.

Viele Kriterien, die bei einer psychologischen Beurteilung herangezogen werden, lassen berechtigte Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Aussagen der Kanzlerin aufkommen. Da ist es nicht gerade vertrauenserweckend, dass die Kanzlerin drei Psychologen den Auftrag erteilte zu klären, wie die Deutschen durch "nudging" erzogen werden können. Deutschlandradio Kultur hat am 05.03.2015 hiervon berichtet.

Auch auf HuffPost:

„Merkel, wo bist du? Merkel, hilf uns!" - Flüchtlinge rufen nach Kanzlerin

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