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Ihr habt ein Herz für Tiere, aber kauft Billigfleisch und genau das ist das Problem

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Alle sind für den Klimaschutz. Aber niemand will sich einschränken. Es gibt einen anderen Weg um das Problem der Umweltverschmutzung anzugehen. Dafür habe ich das Konzept der "Ökoroutine" entwickelt.

Es besagt: Wir können verantwortungsvoll leben, ohne uns tagtäglich um Klimawandel, Überfischung und Massentierhaltung zu sorgen.

Ich möchte durch bessere Standards und Limits die Strukturen ändern. Schluss mit moralischen Appellen! Strategischer Konsum ist ein Mythos.

Es ist einfacher die Bedingungen im Stall zu verbessern als das Konsumverhalten.
Nullemissionsautos können bis 2030 der Standard für Neuzulassungen werden. So wird Öko zur Routine. Viele Beispiele zeigen: Das Konzept funktioniert bereits in der Praxis.

95 Prozent der EU-Bürger wollen nachhaltiger leben

Die Bürger in Europa wollen nachhaltiger leben: 95 Prozent sagen, dass ihnen Umweltschutz wichtig ist. Ökoroutine versetzt uns in die Lage, das zu tun, was wir für richtig halten. Das ist ganz einfach - zwar nicht in der politischen Umsetzung, wohl aber konzeptionell.

Ein Tempolimit auf Autobahnen beispielsweise ist als Konzept unfassbar simpel. Sofort würde der Schadstoffausstoß von Fahrzeugen drastisch sinken, und es käme seltener zu schweren Unfällen. Politisch hingegen scheint die Umsetzung, zumindest in Deutschland, kaum möglich.

Doch nur, weil ein ebenso schlichtes wie effektives Werkzeug für den gesellschaftlichen Wandel politisch schwer durchzusetzen ist, muss man es nicht verschweigen. Im Gegenteil.

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Es ist die vornehmste Pflicht der zivilgesellschaftlichen Akteure, immer wieder darauf aufmerksam zu machen. Wohl wissend, dass schon manche Reform zunächst als unzumutbar und politisch nicht realisierbar galt - bis sie schließlich umgesetzt wurde. Die Utopien von heute sind die Realitäten von morgen.

Ich wende mich gegen unsere gesellschaftliche und politische Schizophrenie: Den Hund lieben, aber billiges Fleisch kaufen. Sich vor der globalen Erwärmung fürchten, aber mit dem Geländewagen zum Bäcker fahren. Sparlampen montieren, aber einen Wäschetrockner anschaffen.

In eine Ökosiedlung ziehen, aber einen Zweitwagen kaufen. Sich für ein Passivenergiehaus entscheiden, aber als Paar 140 Quadratmeter bewohnen. Ökotourismus gut finden, aber trotzdem das Flugzeug nehmen.

In vielen Bereichen sind wir besser geworden

Ich nehme Klimaschutz und Ressourcengerechtigkeit ernst und plädiere für absolute Grenzen - besonders in der Politik. Dass Politiker gleichzeitig mehr Klimaschutz und den Ausbau von Flughäfen fordern, ist nicht hinnehmbar.

In vielen Bereichen ist Ökoroutine schon heute selbstverständlich: Mülltrennung, Sparlampe, effiziente Kühlschränke, Waschmaschinen, Staubsauger. All das ist normal geworden.

Selbst an relativ drastische Eingriffe in den Lebensalltag haben wir uns, nach einer gewissen Anlaufzeit, überraschend schnell gewöhnt.

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Rauchverbote, Anschnallpflicht, die Einführung der neuen Postleitzahlen oder die Rechtschreibreform haben nicht bei allen Bürgerinnen und Bürgern Freude ausgelöst, manchmal sogar einen Proteststurm.

Mehr denn je fürchten Politiker heute den "Wutbürger". Doch genauso schnell, wie sich Ärger entflammt, kann er sich auch wieder verziehen - wenn die Neuerung denn vernünftig war.

Jetzt wird vor den Restaurants geraucht und die Mehrheit der Raucher hat ihren Frieden damit gemacht. Wer sich nicht anschnallt, gilt nun als töricht und fahrlässig. Unsere Wahrnehmung, unsere Kultur haben sich geändert. Selbst die Sparlampenverordnung hat sich erstaunlich rasch etabliert.

Wir denken nicht mehr großartig darüber nach. Effiziente Beleuchtung ist inzwischen sozial eingeübte Praxis. Alle machen mit. Öko wurde zur Routine.

Wir brauchen einen neuen Umgang mit dem Planeten

Ich möchte zeigen wie sich durch verbesserte Standards und die Begrenzung von Verschwendung ein verantwortungsvoller Umgang mit dem Planeten ins Werk setzen lässt.

Manchmal geschieht das nahezu unbemerkt, wie etwa bei der Standby-Verordnung. Seit 2010 dürfen elektrische Geräte in der EU im Standby-Modus nur noch ein halbes Watt Strom verbrauchen. Auch sozialpolitisch ist das sinnvoll: Einkommensarme Menschen werden nicht aus-, sondern eingeschlossen.

Das Leitmotiv lautet: "Eine steigende Flut hebt alle Boote". John F. Kennedy, von dem der Ausspruch stammt, bezog sich seinerzeit auf den Segen wirtschaftlichen Wachstums.

Die Metapher passt gleichwohl auch für die Vorzüge sich stetig hebender Standards. Dabei geht es nicht um den Verzicht auf vorhandene Errungenschaften. Zwar soll die beständige Ausweitung des Ressourcenverbrauchs eingefangen werden. Doch was wir noch nicht haben, wird niemand vermissen.

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Gewiss, soziale Veränderungen lassen sich durch Kampagnen, Bildungsinitiativen, Modellprojekte, Abkommen oder finanzielle Anreize befördern. Sie sind notwendig, damit das ökologisch Optimale Standard werden kann. Solche Instrumente werden hier jedoch nur am Rande thematisiert.

Dreh- und Angelpunkt meiner Idee sind stattdessen konkrete und einfache politische Werkzeuge. Es geht um Gelegenheitsstrukturen, um Fahrpläne in Form von Limits, Standards und Caps etwa für das Gewicht und den Kohlendioxidausstoß von Fahrzeugen.

Es geht um Tempo, Parkplätze, Straßenbau, Flughäfen, Pestizide, Düngemittel, Tierhaltung, Kohlestrom, Verpackungen, Garantiezeit, Haltbarkeit, Reparierbarkeit, Finanztransaktionen und vieles mehr.

Ökoroutine macht innovative Handlungsvorschläge. Sie sind konkret, praxisnah und meist verblüffend einfach. Viele Werkzeuge richten sich an die Anbieter von Produkten und Dienstleistungen, andere an die Konsumenten.

Sie verankern den achtsamen Umgang mit Ressourcen institutionell. Sie machen Öko für alle möglich.

Dr. Michael Kopatz ist Autor des Buches "Ökoroutine - Damit wir tun, was wir für richtig halten". Er betreibt außerdem einen gleichnamigen Blog und arbeitet am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie.Das Buch erschien im Oekom Verlag.

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