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"Ich esse jeden Tag Pappe" - wie mein Alltag ohne Geschmack und Geruch aussieht

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EATING MOUTH
webphotographeer via Getty Images
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Ich liebte Essen.

Chips, Pizza, Schokolade - als ich ein kleiner Junge war, stand das täglich auf meinem Speiseplan.

Mit zunehmendem Alter hat sich zwar mein Gesundheitsbewusstsein und auch mein Geschmack verändert, meine Liebe zum Essen ist aber immer gleich groß geblieben.

Nach einem anstrengenden Arbeitstag war eine duftende, selbst gekochte Mahlzeit tatsächlich das, worauf ich mich am allermeisten gefreut habe.

Das war jedenfalls mal so.

Heute bin ich 50 Jahre alt und kann weder schmecken noch riechen.

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Ich bin von Arzt zu Arzt gerannt

Alles fing mit einer zunächst harmlosen Erkältung an.

Drei Wochen vor Weihnachten bekam ich Fieber, Halsweh und einen heftigen Schnupfen. Die Arbeit war zu wichtig, um zuhause zu bleiben. Deshalb zog sich die Krankheit auch fast drei Wochen hin. Bei meiner verschnupften Nase kam es mir überhaupt nicht komisch vor, nichts zu riechen und zu schmecken.

An Weihnachten jedoch - die Erkältung war überstanden - hatte ich immernoch keinen Geschmack.

Meine Frau kocht an den Feiertagen immer sehr viel und gut.

Für mich also ein eher deprimierendes Weihnachtsfest.

Als sich im neuen Jahr immer noch nichts getan hatte, besuchte ich zum ersten Mal einen Arzt, der traurigerweise keine bessere Lösung als Nasenspray für mich bereithielt.

In den darauffolgenden Wochen bin ich dann von Arzt zu Arzt gerannt - keiner wusste, was zu tun war oder woher meine Einschränkung kam.

Allein ich wusste: ich rieche und schmecke absolut nichts mehr.

Die Erinnerung spielt eine große Rolle

Einen Sinn zu verlieren ist schon schlimm - zwei gleichzeitig ist einfach nur traurig.

Meine Grundstimmung ist seitdem viel schlechter.

Davor konnte ein leckeres Abendessen einen schlechten Tag wenigstens positiv beenden. Nun esse ich jeden Tag gefühlt Pappe.

Es macht einfach keinen Spaß mehr.

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Außerdem birgt der Geschmacks- und Geruchsverlust durchaus ein Sicherheitsrisiko. Ich kann nicht mehr feststellen, ob ein Lebensmittel verdorben ist. Ich werfe nun alles, was das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten hat, in den Mülleimer. Nicht gerade nachhaltig.

Auch wasche ich mich viel öfter, weil ich nicht Gefahr laufen möchte, unangenehm zu riechen.

Schlimmer als das ist natürlich der Geschmacksverlust - für mich eindeutig eine verminderte Lebensqualität.

Allein meine Erinnerungen geben mir noch ein wenig Spaß an der Nahrungsaufnahme.

Ich weiß ja, was ich gerne mochte, als ich noch schmecken konnte. Diese Dinge esse ich deshalb immer noch vergleichsweise gerne, weil ich mich an ihren Geschmack erinnern kann.
Ich kann mir vorstellen, wie etwas schmeckt, während ich es kaue.

Das gelingt immer recht gut und verschafft wenigstens noch ein Mindestmaß an Freude während des Essens.

Mein Gehirn spielt mir in dieser Hinsicht aber auch öfters Streiche. Wenn jemand am Tisch das Gericht verschmäht, glaube ich sofort, dass es einfach nicht gut schmeckt.
Das Essen kann dann noch so lecker sein - ich esse es ebenfalls nicht.

Dann vergeht der Appetit, obwohl man überhaupt keinen hat.

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Niemand weiß, ob es jemals besser wird

Natürlich habe ich schon Stunden damit verbracht, im Internet nach gleichartigen Krankheitsverläufen zu suchen. Die Ergebnisse waren weniger befriedigend.

Bei vielen Leuten kehren die Sinne nach einem Jahr wie aus dem Nichts wieder zurück - andere bleiben für immer geruchs- und geschmacklos.

Für mich heißt es deshalb abwarten und nicht unterkriegen lassen.

Ich kann mich nur selber trainieren, meine Erinnerungen an das Essen zu behalten und versuchen, irgendwie trotzdem Spaß daran zu haben.

Das Protokoll wurde aufgezeichnet von Franziska Kiefl.

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