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Selbstermächtigung zum Jihad

26/10/2015 09:41 CET | Aktualisiert 26/10/2016 11:12 CEST
dpa

Welche Faktoren führen zur Radikalisierung junger Menschen und was macht die jihadistische Ideologie so attraktiv? Beide Fragen werden derzeit von Forschern diverser Disziplinen mit viel Verve diskutiert. Einige herausragende Akteure in der deutschen Präventionslandschaft - so der Berliner Psychologe Ahmat Mansour - fokussieren insbesondere den Islam als einen gewichtigen Faktor. Mansour konstruiert in seiner Problembeschreibung gleich eine ganze Pyramide von religiös gespeistem Extremismus.

An der Spitze stehen für ihn die etablierten Terrororganisationen IS und Al Qaida, gefolgt in der Mitte von der Muslimbrüderschaft und am Fuß der Pyramide schließlich die „Generation Allah",die „die Basis" für den Radikalismus bilde. Wissenschaftlich belegen lässt sich diese Konstruktion jedoch nicht. Es fehlt schlicht an verallgemeinungsfähigen empirischen Studien, mit denen sich die genannten Annahmen belegen ließen.

Die bisher vorliegenden Fakten weisen eher in andere Richtungen. Zunächst kann konstatiert werden, dass ein erheblicher Teil der Radikalisierten nicht aus einem muslimischen Sozialisationskontext stammt. Die jüngsten Zahlen der Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass es sich bei mehr als 17 Prozent der nach Syrien ausgereisten Kombattanten um Konvertiten handelt.

Und auch die anderen Ausgereisten können schlecht als „lupenreine" Muslime angeführt werden. Viele Jugendliche und junge Erwachsene, die sich der kruden Ideologie des IS zugewandt haben, sind nicht mit einem besonders frommen Lebensstil aufgefallen. Eher ist das Gegenteil der Fall. Immerhin ist fast die Hälfte der nach Syrien Ausgereisten durch kriminelle Aktivitäten in Erscheinung getreten.

Angesichts dieser Fakten erscheint eine einseitige Fokussierung der religiösen Milieus wenig sinnvoll. Vielmehr sollten andere Faktoren ins Blickfeld gerückt werden. Das entscheidende Stichwort in diesem Kontext heißt Attraktivitätsmomente.

Endkampf für die Sache Gottes

Hiervon gibt es in Bezug auf den IS gleich ein ganzes Bündel. Die krude Ideologie der Neosalafisten ermöglicht zunächst den Akt der Selbsterhöhung. Menschen, die sich z. B. dem IS zuwenden, kämpfen ihrem Selbstverständnis nach einen historischen Endkampf für die Sache Gottes. Belege hierfür liefert die Jugendzeitschrift des IS, die den Namen „Dabiq" trägt.

Nach Auffassung der Demagogen des IS bezeichnet „Dabiq"eine kleine syrische Ortschaft unweit von Aleppo. Dort werde, so eine alte Überlieferung, eine der größten Schlachten zwischen den Muslimen („den besten Leuten der Erde") und den Kreuzzüglern stattfinden. Anschließend begänne die Eroberung von Konstantinopel und Rom.

Im Kontext der Dschihadpropaganda wird der Krieg in Syrien damit zu einer endzeitlichen Mission, an der sich jeder aufrechte Muslim beteiligen muss. Das Mobilisierungspotenzial dieser Endzeitphantasien, die über Filme und Magazine im Internet verbreitet werden, kann kaum überschätzt werden.

Hiermit verbunden ist das Phänomen der Selbstermächtigung. Junge Männer, die in ihrem bürgerlichen Leben oft nicht den Anforderungen des Alltags gewachsen waren, sind auf einmal Herren über Leben und Tod und haben die Möglichkeit ihre Gewaltphantasien auszuleben.

Männlichkeitsideal und einfaches Weltbild

Hinzu kommt eine Form der Hypermännlichkeit, in der die Kombattanten der Terrorbrigaden durchweg als strahlende Helden in Erscheinung treten, die selbst in harten Gefechtssituationen immer gut gelaunt zur Sache gehen. Anschauungsmaterial hierfür bietet das umfangreiche Propagandamaterial des IS - so z.B. der außerordentlich professionell produzierte Film „Flames of War".

Neben den genannten Faktoren, die sich eher an eine männliche Zielgruppe richten, bietet die Ideologie des Neosalafismus weitere Attraktivitätsmomente. An erster Stelle genannt werden kann hier eine extrem vereinfachte Weltdeutung, die auf der Grundlage weniger Axiome ausschließlich zwischen „erlaubt" und „verboten" zu unterscheiden vermag. Der Islamwissenschaftler Olivier Roy spricht hier zutreffend von einer „heiligen Einfalt" die zur Entlastung in der Weltdeutung beiträgt.

Schließlich können die Gemeinschaftsangebote der neosalafistischen Bewegung angeführt werden. In zahlreichen Gruppen wird ein intensives und umfassendes Gemeinschaftsleben angeboten, dass ihren Mitgliedern Anerkennung und Zuwendung verspricht. Gerade hieran scheint es vielen zu fehlen.

Die dargestellten Attraktivitätsmomente der neosalafistischen Bewegung sprechen bei weitem nicht nur Muslime an. Zur Zielgruppe der Propaganda gehören alle junge Menschen, die mit ihrem Leben nicht zurecht kommen und sich daher auf der Suche befinden. Die Eindämmung der neosalafistischen Mobilisierung und die Entwicklung einer wirksamen Prävention, an der es derzeit vielerorts noch fehlt, ist daher eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

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