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Was wir über Antisemitismus unter jungen Muslimen wissen - und was wir dagegen tun können

03/11/2017 10:48 CET | Aktualisiert 04/11/2017 10:01 CET
Andrei Orlov via Getty Images

Antisemitismus ist ein Problem in Deutschland. Verbale Ausfälle, handfeste Attacken - beides ist Alltag.

Und in fast allen gesellschaftlichen Gruppen zu finden. Unter anderem unter Rechtspopulisten, aber auch unter Muslimen. Das belegt etwa eine Studie des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus (UEA).

Ganz grundlos ist also die Furcht jüdischer Gemeinden nicht, dass ein Teil der Flüchtlinge antisemitische Ansichten vertreten könnte.

Vor allem in Syrien war unter dem Baath-Regime der Antisemitismus über Jahrzehnte ein fester Bestandteil der staatlichen Propaganda.

Herausragendes Beispiel ist der langjährige Verteidigungsminister Mustafa Talas, dessen antisemitisches Machwerk "fatir sihyun" ("Matzen Zions") zwölf Auflagen erreichte.

Antisemitischer Trash für Flüchtlinge

Behandelt wird darin die Damaskusaffäre des Jahrs 1840, in deren Verlauf Damaszenser Juden des Ritualmords beschuldigt werden.

Ob und in welchem Ausmaß dieser antisemitische Trash Flüchtlinge prägt, wissen wir nicht. Es fehlt schlicht an wissenschaftlichen Untersuchungen, die hier seriös Auskunft geben könnten.

Dieser Sachverhalt kommt jedoch keiner allgemeinen Entwarnung gleich.

Denn antisemitische Einstellungen und Handlungen spielen in verschiedenen muslimischen Zuwanderungscommunitys zumindest teilweise eine Rolle.

Dies zeigen vor allem eine Reihe von Gewalttaten, die ab dem Jahr 2000 beobachtet wurden.

Darunter der Brandanschlag auf die Düsseldorfer Synagoge und die Beschädigungen der Essener Synagoge im Jahr 2000, die von den Tätern im Kontext der "Zweiten Intifada" verortet wurden, die Steinwürfe auf eine jüdische Tanzgruppe in Hannover 2010, die Übergriffe auf einen Rabbiner und Jüdische Schülerinnen in Berlin 2012 und antisemitische Vorfälle auf Demonstrationen im Jahr 2014, die sich auf eine israelische Militäroperation im Gaza bezogen.

Die Auflistung, die keineswegs Vollständigkeit beansprucht, zeigt ohne jede Frage ein Problem.

In manchen muslimisch geprägten Zuwanderermilieus finden wir antisemitische Erzählungen und Schimpfwörter im Alltag.

Israelbezogener Antisemitismus besonders unter Jugendlichen

Insbesondere Jugendliche neigen mitunter zu Sichtweisen, die in der Kategorie "israelbezogener Antisemitismus" verortet werden können.

So zeigt eine 2013 von Jürgen Mansel und Viktoria Spaisel vorgelegte Studie, dass der israelbezogene Antisemitismus bei Jugendlichen mit arabischstämmigen Hintergrund eine deutlich größerer Rolle spielt als bei Jugendlichen, die über keinen Migrationshintergrund verfügen.

Auf einer vierstufigen Antwortskala stimmten zum Beispiel 41,5 Prozent der arabischstämmigen Jugendlichen dem Statement "Durch die israelische Politik werden mir die Juden immer unsympathischer" voll zu. Bei den Jugendlichen ohne Migrationshintergrund waren es 2,9 Prozent.

Diese Sachlage ist unter Expertinnen und Experten weitgehend unstrittig. Uneinigkeit herrscht jedoch bezüglich der Frage, welchen Einfluss die Religion bzw. der Islam auf die Genese des Antisemitismus hat.

2017-09-04-1504512891-8209760-CopyofHuffPost.png Young Urban Muslims - das Sprachrohr für alle jungen Muslime, die keine Lust haben, dass immer nur über sie geredet wird.

Islamische Narrative spielen eine Rolle, jedoch erscheinen diese in Mischformen, in der auch christliche Narrationen und Elemente des säkularen, modernen Antisemitismus vorkommen.

Dies zeigt zum Bespiel die bereits erwähnte antisemitische Schmähschrift "Matzen Zions". Die dort dargelegte Geschichte eines Ritualmordes stammt nicht aus islamischen Kontexten, sondern verweist unzweifelhaft auf Ritualmorderzählungen, die dem christlichen Antijudaismus des Mittelalters entstammen.

Ähnlich verhält es sich mit den zahlreichen Verschwörungsvorwürfen, die in Bezug auf die Politik Israels kolportiert werden. Zu finden sind solche etwa in der Charta der islamistischen Hamas.

Eine jüdische Weltverschwörung

Die Narration einer jüdischen Weltverschwörung, die hier ausgeführt wird, entstammt den "Protokollen der Weisen von Zion", die den modernen Antisemitismus maßgeblich prägten.

Angesichts dieser Gemengelage ist es wenig verwunderlich, dass Jugendliche aus muslimischen Sozialisationskontexten antisemitische Narrationen in eigenen Kolportagen neu zusammensetzen.

Dies zeigt sich zum Beispiel in der Behauptung, die Juden hätten den Propheten getötet und dies könne man so auch im Koran nachlesen.

Dieses und andere Beispiele zeigen, dass der Antisemitismus sich in vielen Fällen in widersprüchlichen und inkohärenten Erzählungen präsentiert.

Es handelt sich durchweg um eine krude Mischung, deren Zutaten aus aktuellen Wahrnehmungen des Nahost-Konflikts, Elementen des klassischen Antisemitismus und dekontextualisierten islamischen Narrationen bestehen.

Mehr zum Thema: Hass und Antisemitismus werden in Deutschland salonfähig

Wie kann man diesem gefährlichen Unsinn begegnen? Leider wird diese Frage nicht mit der gebotenen Dringlichkeit bearbeitet.

Gefordert ist vor allem die Schule, denn nur hier besteht die Möglichkeit, über einen längeren Zeitraum alle Jugendlichen zu erreichen.

Doch ein Blick in die Schulbücher zeigt, dass der israelbezogene Antisemitismus kein wirkliches Unterrichtsthema ist. Der Nahost-Konflikt kommt kaum oder gar nicht vor. Das ist mehr als unverständlich.

Ferner ist zu monieren, dass der Umgang mit antisemitischen Sprechverhalten kein Gegenstand der Lehrkraftausbildung ist. Folglich reagieren manche Lehrkräfte eher hilflos auf antisemitische Tiraden im Unterricht.

Darüber hinaus muss man auch die großen muslimischen Verbände und ihre Gemeinden fragen, was sie gegen Antisemitismus unternehmen.

Leider findet man nur wenige Projekte und insgesamt kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der israelbezogene Antisemitismus als Thema der Gemeindearbeit noch nicht erkannt wurde.

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