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Epidemie der Einsamkeit: Warum Drogen, Depressionen und Selbstmorde unter Schwulen so verbreitend sind, wie noch nie

14/10/2017 18:16 CEST | Aktualisiert 14/10/2017 18:16 CEST
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Homosexuelle bringen sich häufiger um als Heteros. Und sie leiden öfter an psychischen Problemen. Michael Hobbes über das Drama des schwulen Mannes

"Ich war immer so gereizt, wenn das Meth alle war", sagt mein Freund Jeremy.

"Wenn du es hast, musst du es weiter nehmen. Wenn du keins mehr hast, ist das wie ‚Okay, ich kann jetzt in mein Leben zurück'. Ich hab das ganze Wochenende nicht geschlafen und bin zu diesen Sexpartys und habe mich anschließend bis Mittwoch beschissen gefühlt. Vor ungefähr zwei Jahren bin ich auf Kokain umgestiegen, weil ich dann am nächsten Tag arbeiten konnte."

Jeremy liegt im Krankenhaus, als er mir das erzählt. Er sagt nicht, wie es genau zu der Überdosis gekommen ist, nur dass ein Unbekannter den Krankenwagen gerufen hat und er hier aufgewacht ist.

"Die Drogen waren eine Kombination aus Langeweile und Einsamkeit"

Ich hätte nicht gedacht, dass ich mit meinem Freund Jeremy mal ein solches Gespräch führen würde. Bis vor ein paar Wochen hatte ich keine Ahnung, dass er härtere Drogen konsumiert als Martinis.

Er ist sportlich, intelligent, glutenfrei und trägt an jedem x-beliebigen Wochentag ein sauberes Hemd. Als ich ihn vor drei Jahren kennenlernte, wollte er wissen, wo man gut Crossfit machen kann.

"Die Drogen waren eine Kombination aus Langeweile und Einsamkeit", sagt er. "Freitagabend kam ich nach Hause, völlig k.o. von der Arbeit, und fragte mich: ‚Was jetzt?' Also hab ich rumtelefoniert, um mir Meth liefern zu lassen und im Internet Partys zu checken. Entweder das oder allein einen Film angucken."

Jeremy ist nicht mein einziger schwuler Freund, der Probleme hat. Malcolm geht kaum aus dem Haus, weil er unter schweren Angstzuständen leidet. Wegen Jareds Depressionen beschränken sich seine sozialen Kontakte inzwischen auf mich, das Fitnessstudio und das Internet. Und da war Christian, der zweite Mann, den ich je geküsst habe und der sich mit 32 Jahren umbrachte, zwei Wochen nachdem sein Freund ihn verlassen hatte.

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Schon seit Jahren sehe ich, wie das Leben meiner heterosexuellen und meiner schwulen Freunde auseinanderdriftet. Die eine Hälfte meines sozialen Netzwerks hat sich in Familien und Vororte verabschiedet, die andere kämpft sich durch Isolation und Angstzustände, harte Drogen und riskanten Sex.

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Depression, Einsamkeit und Drogen in der schwulen Gemeinde noch genauso verbreitet wie vor Jahrzehnten

Nichts davon passt zu dem, was ich mir vorgestellt hatte unter dem Leben eines schwulen Mannes. Genauso wenig wie ich wurde Jeremy von Gleichaltrigen gemobbt oder von seiner Familie abgelehnt. Er kann sich nicht mal daran erinnern, dass er je Schwuchtel genannt wurde.

Seine lesbische Mutter erzog ihn in einem Vorort an der Westküste. "Sie outete sich mir gegenüber, als ich zwölf war", sagt er. "Und im nächsten Satz sagte sie, dass ich schwul bin. Mir war das damals selbst noch kaum klar."

Jeremy und ich sind 34. In unserem Leben haben die Schwulen größere gesellschaftliche und rechtliche Akzeptanz erreicht als je zuvor. In meiner eigenen Teenagerzeit war die Homo-Ehe ein ferner Traum, von den Zeitungen in Gänsefüßchen gesetzt. Heute ist sie höchstrichterlich abgesegnet.

Die gesellschaftliche Zustimmung zur Homo-Ehe ist von 27 Prozent im Jahr 1996 auf 61 Prozent im Jahr 2016 gestiegen. In der Popkultur sind schwule Figuren so alltäglich, dass sie sogar Fehler haben dürfen.

Trotzdem - während wir Ausmaß und Tempo dieses Wandels feiern, sind Depression, Einsamkeit und Drogen in der schwulen Gemeinde noch genauso verbreitet wie vor Jahrzehnten. Je nach Studie ist die Suizidrate bei Schwulen zwei- bis zehnmal so hoch wie bei Heteros. Depressive Phasen gibt es bei uns doppelt so häufig.

Laut einer Untersuchung unter schwulen Männern, die erst seit kurzem in New York wohnen, litten drei Viertel von ihnen unter Angstattacken oder Depressionen, nahmen Drogen oder Alkohol oder praktizierten ungeschützten Sex. Auch wenn wir dauernd von "Wahlfamilien" sprechen, haben schwule Männer nicht so viele enge Freunde wie Heteros oder lesbische Frauen.

In den Niederlanden leiden Homosexuelle dreimal so oft an affektiven Störungen wie Heterosexuelle

Ich will nicht so tun, als sei ich objektiv. Ich bin ein zeitweise allein lebender Schwuler, in einer normalen Kleinstadt von Eltern erzogen, die in einem Verein von Angehörigen Homosexueller organisiert waren.

Niemand in meiner Bekanntschaft starb an Aids. Ich bin nie direkt diskriminiert worden und habe mich in einer Welt geoutet, in der Heirat, Jägerzaun und ein Golden Retriever für einen homosexuellen Mann nicht nur erreichbare Ziele waren, sondern geradezu von ihm erwartet wurden.

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"Für manche Schwule waren die Homo-Ehe und die Gesetzesänderungen eine Verbesserung", befindet Christopher Stults. Er untersucht an der New York University die Unterschiede in der seelischen Gesundheit von Schwulen und Heterosexuellen. "Viele andere aber waren enttäuscht. Jetzt haben wir diesen rechtlichen Status erreicht, und doch haben sich nicht alle Erwartungen erfüllt."

Nicht nur Amerikaner kennen dieses Gefühl der Leere. In den Niederlanden existiert die Homo-Ehe seit 2001, und trotzdem leiden Homosexuelle dreimal so oft an affektiven Störungen wie Heterosexuelle, und "Selbstverletzungen in suizidaler Absicht" treten bei ihnen zehnmal so häufig auf.

In Schweden gibt es eingetragene Partnerschaften seit 1995 und die gleichberechtigte Ehe seit 2009, aber bei Männern, die mit Männern verheiratet sind, ist die Suizidrate dreimal so hoch wie bei Männern, die mit Frauen verheiratet sind.

All diese schwer erträglichen Statistiken führen zur selben Schlussfolgerung: Wenn man sich als Mann zu anderen Männern hingezogen fühlt, riskiert man auch heute noch eine gefährliche Entfremdung. Die gute Nachricht: Epidemiologen und Sozialwissenschaftler verstehen die Gründe mittlerweile besser denn je.

Travis Salway, Forscher am Centre for Disease Control in Vancouver, befasst sich seit fünf Jahren mit der Frage, warum schwule Männer sich immer noch umbringen.

"Früher waren schwule Männer einsam, weil sie sich nicht outen konnten", sagt er. "Aber heute haben sich Millionen Schwule geoutet, und sie fühlen sich noch genauso isoliert."

Schwule Männer wurden aus ihren Familien verstoßen, ihr Liebesleben war verboten

Wir treffen uns zum Mittagessen in einer winzigen Nudelbar. Es ist November, und er trägt Jeans, Überschuhe und einen Ehering. "Schwule Ehe?", frage ich.

"Sogar monogam", sagt er.

Salway wuchs in Celina, Ohio, auf, einer abgetakelten Industriestadt mit etwa 10.000 Einwohnern, in der bei den 21-Jährigen die Ehe mit dem College konkurrierte. Er wurde schon als schwul beschimpft, bevor es ihm selbst klar war.

"Ich war feminin und sang im Chor", sagt er. "Das genügte." Die meiste Zeit in der Highschool hatte er eine Freundin und vermied Beziehungen mit Jungen, bis er weggehen konnte.

Gegen Ende der Nullerjahre war er Sozialarbeiter und Epidemiologe, und der zunehmende Abstand zwischen heterosexuellen und schwulen Freunden irritierte ihn ebenso wie mich. Gab es vielleicht noch mehr als das, was man über schwule Männer und seelische Gesundheit bis dahin angenommen hatte?

In den 50er- und 60er-Jahren trat die Disparität erstmals zutage, und die Ärzte hielten sie für ein Symptom der Homosexualität an sich, für eine von vielen Erscheinungsformen des damals als "sexuelle Inversion" bekannten Phänomens. Als die Schwulenbewegung Fahrt aufnahm, wurde die Homosexualität aus der Liste der psychischen Defekte gestrichen und das Problem mit einem Trauma erklärt. Schwule Männer wurden aus ihren Familien verstoßen, ihr Liebesleben war verboten. Selbstverständlich erreichten ihre Depressionen und Suizidraten beunruhigende Level.

"So schätzte ich das auch ein", sagt Salway, "dass der schwule Suizid Produkt einer früheren Zeit war oder vor allem bei Jugendlichen auftrat, die keinen anderen Ausweg sahen."

Dann nahm er sich die Daten vor. Das Problem war nicht nur die Selbsttötung, und sie trat nicht nur bei Teenagern auf, nicht nur in Gegenden mit grassierender Homophobie.

Er stellte fest, dass Schwule überall und in jedem Alter häufiger an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Sexsucht, Erektionsstörungen, Allergien, Asthma und vielen anderen Erkrankungen leiden. In Kanada sterben seit Jahren mehr Schwule an Suizid als an Aids.

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Vom Stress, ständig darauf gefasst zu sein, diskriminiert zu werden

"Es gibt schwule Männer, die nie sexuell oder physisch angegriffen worden sind und an ähnlichen posttraumatischen Belastungsstörungen leiden wie Menschen, die Kampfsituationen oder Vergewaltigungen erlebt haben", sagt Alex Keuroghlian, Psychiater am Fenway Institute's Center for Population Research in LGBT Health.

Schwule Männer sind darauf "geeicht, Diskriminierung zu erwarten", glaubt Keuroghlian. Ununterbrochen scannen wir unser Umfeld, ob wir vielleicht herausfallen. Wir kämpfen um Selbstbehauptung. Wir spielen uns unsere sozialen Fehlschläge in einer Endlosschleife vor.

Am meisten aber erstaunt bei diesen Symptomen die Tatsache, dass wir sie im Allgemeinen nicht einmal als Symptome wahrnehmen. Seit er sich mit diesen Daten befasst, interviewt Salway schwule Männer, die einen Suizidversuch überlebt haben.

"Wenn man sie fragt, warum sie sich das Leben nehmen wollten, erwähnen die meisten ihre Homosexualität gar nicht." Stattdessen erzählen sie ihm von Beziehungsproblemen, beruflichen Problemen, finanziellen Problemen. "Sie nehmen ihre Sexualität nicht als entscheidenden Faktor in ihrem Leben wahr. Und doch ist ihre Suizidrate zehnmal so hoch."

Dieses Phänomen wird in der Wissenschaft mit dem "Minderheitenstressmodell" beschrieben. In seiner direktesten Form ist es ziemlich einfach: Die Zugehörigkeit zu einer Randgruppe bringt zusätzliche Anstrengungen mit sich.

Als einzige Frau in einem geschäftlichen Meeting oder als einziger Schwarzer im Studentenwohnheim muss man sich viel mehr Gedanken machen als die Angehörigen der Mehrheit. Wenn man sich gegen den Chef wehrt oder aber es nicht tut, entspricht man dann den Klischees über Frauen am Arbeitsplatz?

Wenn man einen Test verhaut, denken die Leute dann, dass es an der Rasse liegt? Selbst wenn man nicht offen stigmatisiert wird, hinterlassen diese fortwährenden Grübeleien auf die Dauer ihre Spuren.

Die ganze Ablehnung spielte sich nur in meinem Kopf ab

John Pachankis forscht in Yale über Stress. Seiner Ansicht nach entsteht die Störung in den etwa fünf Jahren zwischen der Entdeckung der eigenen Sexualität und dem Zeitpunkt, wenn wir mit anderen darüber sprechen.

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In dieser Zeit wirken sich sogar relativ unbedeutende Stresssituationen unverhältnismäßig stark aus - nicht weil sie traumatisch wären, sondern weil wir uns darauf einstellen, dass sie passieren. "Du musst nicht mal schwul genannt werden, damit du dein Verhalten so anpasst, dass dir das nicht passiert", sagt Salway.

So war es auch in meiner Teenie-Zeit: immer auf der Hut, bloß nichts Falsches sagen, immer im Stress, immer überkompensieren. Als ich in einem Erlebnisbad mit einem Schulfreund an der Wasserrutsche wartete, erwischte er mich, wie ich ihn anstarrte.

"Alter, was glotzt du mich an?" Ich konnte gerade noch ablenken, so was wie "Sorry, du bist nicht mein Typ", aber in den Wochen danach quälte mich der Gedanke, was er wohl über mich dachte. Dabei kam er nie darauf zurück. Die ganze Ablehnung spielte sich nur in meinem Kopf ab.

Das Heranwachsen als Schwuler ist ähnlich belastend wie das Heranwachsen in extremer Armut

"Das eigentliche Trauma für Schwule ist die lange Zeitdauer", sagt William Elder, Traumaforscher und Psychologe. "Bei einem einzelnen Trauma erleidet man eine posttraumatische Belastungsstörung, die in einem halben Jahr Therapie geheilt werden kann.

Aber wenn man jahrelang immer wieder kleine stressige Situationen erlebt und sich dann jedes Mal fragt: War das jetzt wegen meiner Sexualität?, kann das den Effekt sogar noch intensivieren." Wer seine Homosexualität versteckt, ist laut Elder in der Lage eines Menschen, dem immer wieder leicht auf den Arm geschlagen wird.

Am Anfang ist er genervt. Nach einiger Zeit ist er wütend. Schließlich kann er an nichts anderes mehr denken.

Und dann baut sich der Stress im Körper auf, weil man sich Tag für Tag damit beschäftigt.

Anscheinend ist das Heranwachsen als Schwuler ähnlich belastend wie das Heranwachsen in extremer Armut.

Nach einer Untersuchung von 2015 produzieren Schwule weniger von dem stressregulierenden Hormon Cortisol. Ihr Organismus war in ihrer Adoleszenz ständig so aktiv, dass sie als Erwachsene träge werden, sagt Katie McLaughlin, eine der Autorinnen der Studie.

Unter Männern herrscht ein rauer Ton, das ist bei Schwulen nicht anders

2014 wurden die kardiovaskulären Risikofaktoren von hetero- und homosexuellen Jugendlichen verglichen. Dabei stellte sich heraus, dass die schwulen Kids nicht mehr Stresssituationen ausgesetzt waren - dass also auch heterosexuelle Jugendliche Probleme haben -, dass diese ihr Nervensystem aber stärker schädigten.

Sogar Salway, der sich gründlich mit dem Minderheitenstress befasst, fühlt sich manchmal unwohl, wenn er mit seinem Partner durch Vancouver schlendert.

Noch nie ist er angegriffen worden, aber irgendwelche Idioten haben ihn in der Öffentlichkeit mal beschimpft. So etwas muss nur ein paar Mal passieren, und schon wartet man darauf und schlägt das Herz etwas schneller, sobald sich ein Auto nähert.

Unter Männern herrscht ein rauer Ton, das ist bei Schwulen nicht anders. Im Gegenteil.

Mit Minderheitenstress allein lassen die vielfältigen Gesundheitsprobleme schwuler Männer sich jedoch nicht erklären. Tatsächlich kommt es zur ersten Schädigung, während sie sich verstecken, die zweite und vielleicht gravierendere kommt aber erst danach.

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Auch in der schwulen Community lauern Diskriminierungen

Jahrzehnte hindurch nahmen Psychologen an, dass die entscheidenden Phasen in der Bildung der schwulen Identität zum Coming-out führen und dass wir, wenn wir uns in unserer Haut endlich wohlfühlen, unser Leben aufbauen können, gemeinsam mit Menschen, die die gleichen Erfahrungen gemacht haben.

Die Forschung der letzten zehn Jahre zeigt jedoch, dass der Kampf um Anpassung sogar noch heftiger wird. Nach einer Untersuchung von 2015 leiden Männer, die sich kurz vorher geoutet hatten, stärker an Ängsten und Depressionen als solche, die ihre Homosexualität noch verstecken. Denn auch in der schwulen Community lauern Diskriminierungen.

Jeder Schwule, den ich kenne, trägt ein Päckchen mit all den Fiesheiten, die andere Schwule ihm gesagt oder angetan haben. Als ich mal zu einem Date kam, stand der Typ sofort auf, als er mich sah, warf mir vor, dass ich kleiner sei als auf meinen Fotos, und ging. Alex, Fitnesstrainer in Seattle, bekam von einem Mitglied seines Schwimmteams zu hören:

"Ich bin bereit, über dein Gesicht hinwegzusehen, wenn du mich ohne Kondom fickst." Martin, ein Brite in Portland, hat etwa fünf Kilo zugenommen, seit er da wohnt, und - an Weihnachten - bekam er über Grindr diese Nachricht: "Du warst immer so sexy. Schade, dass du das versaut hast."

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In anderen Minderheiten werden Ängste und Depressionen durch die Unterstützung der Community weniger. Die Nähe zu Menschen, von denen man sich instinktiv verstanden weiß, ist hilfreich. Bei uns dagegen ist das Gegenteil der Fall.

Mehrere Studien haben gezeigt, dass die Tendenz zu ungeschütztem Sex und Meth steigt, das Engagement für Ehrenämter oder Sport dagegen sinkt, wenn man in einem schwulen Viertel wohnt. Aus einer Untersuchung von 2009 geht hervor, dass Schwule, die eng mit ihrer schwulen Community verbunden sind, mit ihren eigenen Liebesbeziehungen weniger zufrieden sind.

Schwule Männer behandeln sich gegenseitig mies, weil wir Männer sind

"Schwule und bisexuelle Männer bezeichnen die schwule Community als großen Stressfaktor", sagt John Pachankis, der in Yale zu genderbezogenen Krankheiten forscht. Der Hauptgrund sei, dass die Diskriminierung innerhalb der Gruppe die Psyche stärker schädige als die Zurückweisung durch Angehörige der Mehrheit.

Wenn man von Heterosexuellen zurückgewiesen wird, kann man leicht darüber hinwegsehen, man kann mit den Augen rollen oder ihnen den Mittelfinger zeigen - man braucht ihre Anerkennung ja nicht. Die Ablehnung durch andere Schwule tut mehr weh, weil man diese Leute stärker braucht.

Die Forscher, mit denen ich gesprochen habe, gehen davon aus, dass Schwule sich aus zwei Gründen häufig verletzen. Der Hauptgrund, der auch am häufigsten genannt wird, ist, dass schwule Männer sich gegenseitig mies behandeln, weil wir Männer sind.

"In einer Gemeinschaft von Männern wird Männlichkeit besonders herausgefordert", sagt Pachankis. "Männlichkeit ist ein flüchtiges Gut. Sie muss ständig inszeniert oder verteidigt oder eingefordert werden. Wenn die Männlichkeit infrage gestellt wird, kann man sehen, wie dumm Männer darauf reagieren. Sie nehmen aggressive Posen ein, stürzen sich in finanzielle Risiken, wollen Sachen zerschlagen."

Bei femininen Schwulen sind Suizid, Einsamkeit und psychische Krankheiten noch weiter verbreitet

So lässt sich auch die allgegenwärtige Stigmatisierung femininer Männer in der schwulen Community besser verstehen. Dane Whicker, klinischer Psychologe und Forscher an der Duke University, hat herausgefunden, dass sich die meisten schwulen Männer für maskuline Männer interessieren und selbst möglichst maskulin auftreten möchten.

Das könnte daran liegen, dass maskuline Männer historisch in der heterosexuellen Gesellschaft geringere Probleme hatten. Vielleicht haben wir es aber auch mit verinnerlichter Homophobie zu tun: Feminine Schwule werden stereotyp immer noch als Bottom, als rezeptiver Partner beim Analverkehr, gesehen.

Bei femininen Schwulen sind Suizid, Einsamkeit und psychische Krankheiten denn auch weiter verbreitet. Maskuline Schwule wiederum leiden mehr unter Ängsten, neigen zu ungeschütztem Sex und greifen öfter zu Drogen und Tabak.

Während die Schwulenbars verschwinden, treffen sich auf Grindr immer mehr

Der zweite Grund, warum die schwule Gemeinde ihre Mitglieder so sehr stresst, hat nicht mit dem Warum unserer wechselseitigen Ablehnung zu tun, sondern mit dem Wie. In den letzten zehn Jahren sind die traditionellen schwulen Treffpunkte - Bars, Nachtclubs, Saunen - nach und nach verschwunden, an ihre Stelle sind die sozialen Medien getreten.

Mindestens 70 Prozent der homosexuellen Männer nutzen heute Dating-Apps wie Grindr oder Scruff. Im Jahr 2000 lernten sich etwa 20 Prozent der schwulen Paare online kennen. 2010 waren es bis zu 70 Prozent. Die Zahl der schwulen Paare, die sich durch Freunde gefunden haben, ist von 30 auf 12 Prozent gesunken.

Öfter liest man über die App Grindr, deren Nutzer sie durchschnittlich 90 Minuten am Tag verwenden, irgendwelche Horrorstorys in den Medien: über Mörder oder Homophobe, die hier ihre Opfer abschleppen.

Oder es geht um die beunruhigenden "Chemsex-Partys", die sich in Berlin, London und New York ausbreiten. Und ja, das sind Probleme. Die eigentliche Wirkung der Apps aber ist stiller, unauffälliger, und sie geht in mancher Hinsicht auch tiefer: Viele von uns kommunizieren hauptsächlich auf diesem Weg mit anderen Schwulen.

Diese Apps vermitteln uns nachdrücklich das Gefühl, hässlich zu sein

Das Schlimmste an den Apps jedoch und der Grund, warum sie sich so unterschiedlich auf die Gesundheit von schwulen bzw. heterosexuellen Männern auswirken, ist nicht nur, dass wir sie so intensiv nutzen. Vielmehr eignen sie sich fast perfekt dazu, unsere negative Selbstwahrnehmung noch zu verschärfen.

Der Traumaforscher Elder führte im Jahr 2015 Interviews mit Schwulen und fand heraus, dass 90 Prozent seiner Probanden einen Partner wollten, der groß, jung, weiß, muskulös und maskulin sein sollte. Die meisten von uns entsprechen kaum einem dieser Kriterien, geschweige denn allen fünf, und so vermitteln diese Apps uns nachdrücklich das Gefühl, hässlich zu sein.

Das alles ist natürlich nicht neu. Der seit den Achtzigern mit gesellschaftlicher Isolation befasste Psychologe Walt Odets erklärt, schwule Männer hätten an den Saunen genauso gelitten wie heute an Grindr. Doch bei seinen jüngeren Patienten sieht er diesen Unterschied:

"Wenn man in der Sauna von jemandem abgelehnt wurde, konnte man anschließend immer noch mit ihm darüber reden. Vielleicht konnte daraus eine Freundschaft werden oder wenigstens eine positive soziale Erfahrung. Bei den Apps wird man einfach weggedrückt, wenn man nicht als sexuell oder romantisch interessant wahrgenommen wird."

Die Apps verstärken oder beschleunigen vielleicht auch nur die erwachsene Version der Hypothese, die Pachankis als "Der beste kleine Junge auf der Welt" bezeichnet. Wenn wir als Jugendliche unsere Sexualität verstecken, konzentrieren wir unser Selbstwertgefühl auf das, was die Außenwelt von uns will: gut sein im Sport, in der Schule etc.

Als Erwachsene drängen die sozialen Normen unserer eigenen Community uns, unser Selbstwertgefühl noch weiter zu konzentrieren: auf unser Aussehen, unsere Männlichkeit, unsere sexuellen Leistungen.

Aber selbst wenn wir hier wettbewerbsfähig sind, selbst wenn wir unser Ideal vom maskulinen dominanten Top erreichen - selbst dann haben wir uns in Wirklichkeit darauf konditioniert, dass wir am Boden zerstört sind, wenn wir ihm nicht mehr entsprechen, was unvermeidlich der Fall sein wird.

Aus dem Englischen von Elisabeth Thielicke.

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