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Epidemie der Einsamkeit: Warum Drogen, Depressionen und Selbstmorde unter Schwulen so verbreitend sind, wie noch nie

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Homosexuelle bringen sich hĂ€ufiger um als Heteros. Und sie leiden öfter an psychischen Problemen. Michael Hobbes ĂŒber das Drama des schwulen Mannes

"Ich war immer so gereizt, wenn das Meth alle war", sagt mein Freund Jeremy.

"Wenn du es hast, musst du es weiter nehmen. Wenn du keins mehr hast, ist das wie ‚Okay, ich kann jetzt in mein Leben zurĂŒck'. Ich hab das ganze Wochenende nicht geschlafen und bin zu diesen Sexpartys und habe mich anschließend bis Mittwoch beschissen gefĂŒhlt. Vor ungefĂ€hr zwei Jahren bin ich auf Kokain umgestiegen, weil ich dann am nĂ€chsten Tag arbeiten konnte."

Jeremy liegt im Krankenhaus, als er mir das erzĂ€hlt. Er sagt nicht, wie es genau zu der Überdosis gekommen ist, nur dass ein Unbekannter den Krankenwagen gerufen hat und er hier aufgewacht ist.

"Die Drogen waren eine Kombination aus Langeweile und Einsamkeit"

Ich hĂ€tte nicht gedacht, dass ich mit meinem Freund Jeremy mal ein solches GesprĂ€ch fĂŒhren wĂŒrde. Bis vor ein paar Wochen hatte ich keine Ahnung, dass er hĂ€rtere Drogen konsumiert als Martinis.

Er ist sportlich, intelligent, glutenfrei und trÀgt an jedem x-beliebigen Wochentag ein sauberes Hemd. Als ich ihn vor drei Jahren kennenlernte, wollte er wissen, wo man gut Crossfit machen kann.

"Die Drogen waren eine Kombination aus Langeweile und Einsamkeit", sagt er. "Freitagabend kam ich nach Hause, völlig k.o. von der Arbeit, und fragte mich: ‚Was jetzt?' Also hab ich rumtelefoniert, um mir Meth liefern zu lassen und im Internet Partys zu checken. Entweder das oder allein einen Film angucken."

Jeremy ist nicht mein einziger schwuler Freund, der Probleme hat. Malcolm geht kaum aus dem Haus, weil er unter schweren AngstzustĂ€nden leidet. Wegen Jareds Depressionen beschrĂ€nken sich seine sozialen Kontakte inzwischen auf mich, das Fitnessstudio und das Internet. Und da war Christian, der zweite Mann, den ich je gekĂŒsst habe und der sich mit 32 Jahren umbrachte, zwei Wochen nachdem sein Freund ihn verlassen hatte.

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Schon seit Jahren sehe ich, wie das Leben meiner heterosexuellen und meiner schwulen Freunde auseinanderdriftet. Die eine HÀlfte meines sozialen Netzwerks hat sich in Familien und Vororte verabschiedet, die andere kÀmpft sich durch Isolation und AngstzustÀnde, harte Drogen und riskanten Sex.

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Depression, Einsamkeit und Drogen in der schwulen Gemeinde noch genauso verbreitet wie vor Jahrzehnten

Nichts davon passt zu dem, was ich mir vorgestellt hatte unter dem Leben eines schwulen Mannes. Genauso wenig wie ich wurde Jeremy von Gleichaltrigen gemobbt oder von seiner Familie abgelehnt. Er kann sich nicht mal daran erinnern, dass er je Schwuchtel genannt wurde.

Seine lesbische Mutter erzog ihn in einem Vorort an der WestkĂŒste. "Sie outete sich mir gegenĂŒber, als ich zwölf war", sagt er. "Und im nĂ€chsten Satz sagte sie, dass ich schwul bin. Mir war das damals selbst noch kaum klar."

Jeremy und ich sind 34. In unserem Leben haben die Schwulen grĂ¶ĂŸere gesellschaftliche und rechtliche Akzeptanz erreicht als je zuvor. In meiner eigenen Teenagerzeit war die Homo-Ehe ein ferner Traum, von den Zeitungen in GĂ€nsefĂŒĂŸchen gesetzt. Heute ist sie höchstrichterlich abgesegnet.

Die gesellschaftliche Zustimmung zur Homo-Ehe ist von 27 Prozent im Jahr 1996 auf 61 Prozent im Jahr 2016 gestiegen. In der Popkultur sind schwule Figuren so alltĂ€glich, dass sie sogar Fehler haben dĂŒrfen.

Trotzdem - wĂ€hrend wir Ausmaß und Tempo dieses Wandels feiern, sind Depression, Einsamkeit und Drogen in der schwulen Gemeinde noch genauso verbreitet wie vor Jahrzehnten. Je nach Studie ist die Suizidrate bei Schwulen zwei- bis zehnmal so hoch wie bei Heteros. Depressive Phasen gibt es bei uns doppelt so hĂ€ufig.

Laut einer Untersuchung unter schwulen MĂ€nnern, die erst seit kurzem in New York wohnen, litten drei Viertel von ihnen unter Angstattacken oder Depressionen, nahmen Drogen oder Alkohol oder praktizierten ungeschĂŒtzten Sex. Auch wenn wir dauernd von "Wahlfamilien" sprechen, haben schwule MĂ€nner nicht so viele enge Freunde wie Heteros oder lesbische Frauen.

In den Niederlanden leiden Homosexuelle dreimal so oft an affektiven Störungen wie Heterosexuelle

Ich will nicht so tun, als sei ich objektiv. Ich bin ein zeitweise allein lebender Schwuler, in einer normalen Kleinstadt von Eltern erzogen, die in einem Verein von Angehörigen Homosexueller organisiert waren.

Niemand in meiner Bekanntschaft starb an Aids. Ich bin nie direkt diskriminiert worden und habe mich in einer Welt geoutet, in der Heirat, JĂ€gerzaun und ein Golden Retriever fĂŒr einen homosexuellen Mann nicht nur erreichbare Ziele waren, sondern geradezu von ihm erwartet wurden.

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"FĂŒr manche Schwule waren die Homo-Ehe und die GesetzesĂ€nderungen eine Verbesserung", befindet Christopher Stults. Er untersucht an der New York University die Unterschiede in der seelischen Gesundheit von Schwulen und Heterosexuellen. "Viele andere aber waren enttĂ€uscht. Jetzt haben wir diesen rechtlichen Status erreicht, und doch haben sich nicht alle Erwartungen erfĂŒllt."

Nicht nur Amerikaner kennen dieses GefĂŒhl der Leere. In den Niederlanden existiert die Homo-Ehe seit 2001, und trotzdem leiden Homosexuelle dreimal so oft an affektiven Störungen wie Heterosexuelle, und "Selbstverletzungen in suizidaler Absicht" treten bei ihnen zehnmal so hĂ€ufig auf.

In Schweden gibt es eingetragene Partnerschaften seit 1995 und die gleichberechtigte Ehe seit 2009, aber bei MĂ€nnern, die mit MĂ€nnern verheiratet sind, ist die Suizidrate dreimal so hoch wie bei MĂ€nnern, die mit Frauen verheiratet sind.

All diese schwer ertrĂ€glichen Statistiken fĂŒhren zur selben Schlussfolgerung: Wenn man sich als Mann zu anderen MĂ€nnern hingezogen fĂŒhlt, riskiert man auch heute noch eine gefĂ€hrliche Entfremdung. Die gute Nachricht: Epidemiologen und Sozialwissenschaftler verstehen die GrĂŒnde mittlerweile besser denn je.

Travis Salway, Forscher am Centre for Disease Control in Vancouver, befasst sich seit fĂŒnf Jahren mit der Frage, warum schwule MĂ€nner sich immer noch umbringen.
"FrĂŒher waren schwule MĂ€nner einsam, weil sie sich nicht outen konnten", sagt er. "Aber heute haben sich Millionen Schwule geoutet, und sie fĂŒhlen sich noch genauso isoliert."

Schwule MĂ€nner wurden aus ihren Familien verstoßen, ihr Liebesleben war verboten

Wir treffen uns zum Mittagessen in einer winzigen Nudelbar. Es ist November, und er trĂ€gt Jeans, Überschuhe und einen Ehering. "Schwule Ehe?", frage ich.

"Sogar monogam", sagt er.

Salway wuchs in Celina, Ohio, auf, einer abgetakelten Industriestadt mit etwa 10.000 Einwohnern, in der bei den 21-JĂ€hrigen die Ehe mit dem College konkurrierte. Er wurde schon als schwul beschimpft, bevor es ihm selbst klar war.

"Ich war feminin und sang im Chor", sagt er. "Das genĂŒgte." Die meiste Zeit in der Highschool hatte er eine Freundin und vermied Beziehungen mit Jungen, bis er weggehen konnte.

Gegen Ende der Nullerjahre war er Sozialarbeiter und Epidemiologe, und der zunehmende Abstand zwischen heterosexuellen und schwulen Freunden irritierte ihn ebenso wie mich. Gab es vielleicht noch mehr als das, was man ĂŒber schwule MĂ€nner und seelische Gesundheit bis dahin angenommen hatte?

In den 50er- und 60er-Jahren trat die DisparitĂ€t erstmals zutage, und die Ärzte hielten sie fĂŒr ein Symptom der HomosexualitĂ€t an sich, fĂŒr eine von vielen Erscheinungsformen des damals als "sexuelle Inversion" bekannten PhĂ€nomens. Als die Schwulenbewegung Fahrt aufnahm, wurde die HomosexualitĂ€t aus der Liste der psychischen Defekte gestrichen und das Problem mit einem Trauma erklĂ€rt. Schwule MĂ€nner wurden aus ihren Familien verstoßen, ihr Liebesleben war verboten. SelbstverstĂ€ndlich erreichten ihre Depressionen und Suizidraten beunruhigende Level.

"So schĂ€tzte ich das auch ein", sagt Salway, "dass der schwule Suizid Produkt einer frĂŒheren Zeit war oder vor allem bei Jugendlichen auftrat, die keinen anderen Ausweg sahen."

Dann nahm er sich die Daten vor. Das Problem war nicht nur die Selbsttötung, und sie trat nicht nur bei Teenagern auf, nicht nur in Gegenden mit grassierender Homophobie.

Er stellte fest, dass Schwule ĂŒberall und in jedem Alter hĂ€ufiger an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Sexsucht, Erektionsstörungen, Allergien, Asthma und vielen anderen Erkrankungen leiden. In Kanada sterben seit Jahren mehr Schwule an Suizid als an Aids.

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Vom Stress, stÀndig darauf gefasst zu sein, diskriminiert zu werden

"Es gibt schwule MÀnner, die nie sexuell oder physisch angegriffen worden sind und an Àhnlichen posttraumatischen Belastungsstörungen leiden wie Menschen, die Kampfsituationen oder Vergewaltigungen erlebt haben", sagt Alex Keuroghlian, Psychiater am Fenway Institute's Center for Population Research in LGBT Health.

Schwule MÀnner sind darauf "geeicht, Diskriminierung zu erwarten", glaubt Keuroghlian. Ununterbrochen scannen wir unser Umfeld, ob wir vielleicht herausfallen. Wir kÀmpfen um Selbstbehauptung. Wir spielen uns unsere sozialen FehlschlÀge in einer Endlosschleife vor.

Am meisten aber erstaunt bei diesen Symptomen die Tatsache, dass wir sie im Allgemeinen nicht einmal als Symptome wahrnehmen. Seit er sich mit diesen Daten befasst, interviewt Salway schwule MĂ€nner, die einen Suizidversuch ĂŒberlebt haben.

"Wenn man sie fragt, warum sie sich das Leben nehmen wollten, erwÀhnen die meisten ihre HomosexualitÀt gar nicht." Stattdessen erzÀhlen sie ihm von Beziehungsproblemen, beruflichen Problemen, finanziellen Problemen. "Sie nehmen ihre SexualitÀt nicht als entscheidenden Faktor in ihrem Leben wahr. Und doch ist ihre Suizidrate zehnmal so hoch."

Dieses PhÀnomen wird in der Wissenschaft mit dem "Minderheitenstressmodell" beschrieben. In seiner direktesten Form ist es ziemlich einfach: Die Zugehörigkeit zu einer Randgruppe bringt zusÀtzliche Anstrengungen mit sich.

Als einzige Frau in einem geschĂ€ftlichen Meeting oder als einziger Schwarzer im Studentenwohnheim muss man sich viel mehr Gedanken machen als die Angehörigen der Mehrheit. Wenn man sich gegen den Chef wehrt oder aber es nicht tut, entspricht man dann den Klischees ĂŒber Frauen am Arbeitsplatz?

Wenn man einen Test verhaut, denken die Leute dann, dass es an der Rasse liegt? Selbst wenn man nicht offen stigmatisiert wird, hinterlassen diese fortwĂ€hrenden GrĂŒbeleien auf die Dauer ihre Spuren.

Die ganze Ablehnung spielte sich nur in meinem Kopf ab

John Pachankis forscht in Yale ĂŒber Stress. Seiner Ansicht nach entsteht die Störung in den etwa fĂŒnf Jahren zwischen der Entdeckung der eigenen SexualitĂ€t und dem Zeitpunkt, wenn wir mit anderen darĂŒber sprechen.

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In dieser Zeit wirken sich sogar relativ unbedeutende Stresssituationen unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸig stark aus - nicht weil sie traumatisch wĂ€ren, sondern weil wir uns darauf einstellen, dass sie passieren. "Du musst nicht mal schwul genannt werden, damit du dein Verhalten so anpasst, dass dir das nicht passiert", sagt Salway.

So war es auch in meiner Teenie-Zeit: immer auf der Hut, bloß nichts Falsches sagen, immer im Stress, immer ĂŒberkompensieren. Als ich in einem Erlebnisbad mit einem Schulfreund an der Wasserrutsche wartete, erwischte er mich, wie ich ihn anstarrte.

"Alter, was glotzt du mich an?" Ich konnte gerade noch ablenken, so was wie "Sorry, du bist nicht mein Typ", aber in den Wochen danach quĂ€lte mich der Gedanke, was er wohl ĂŒber mich dachte. Dabei kam er nie darauf zurĂŒck. Die ganze Ablehnung spielte sich nur in meinem Kopf ab.

Das Heranwachsen als Schwuler ist Àhnlich belastend wie das Heranwachsen in extremer Armut

"Das eigentliche Trauma fĂŒr Schwule ist die lange Zeitdauer", sagt William Elder, Traumaforscher und Psychologe. "Bei einem einzelnen Trauma erleidet man eine posttraumatische Belastungsstörung, die in einem halben Jahr Therapie geheilt werden kann.

Aber wenn man jahrelang immer wieder kleine stressige Situationen erlebt und sich dann jedes Mal fragt: War das jetzt wegen meiner SexualitÀt?, kann das den Effekt sogar noch intensivieren." Wer seine HomosexualitÀt versteckt, ist laut Elder in der Lage eines Menschen, dem immer wieder leicht auf den Arm geschlagen wird.

Am Anfang ist er genervt. Nach einiger Zeit ist er wĂŒtend. Schließlich kann er an nichts anderes mehr denken.

Und dann baut sich der Stress im Körper auf, weil man sich Tag fĂŒr Tag damit beschĂ€ftigt.

Anscheinend ist das Heranwachsen als Schwuler Àhnlich belastend wie das Heranwachsen in extremer Armut.

Nach einer Untersuchung von 2015 produzieren Schwule weniger von dem stressregulierenden Hormon Cortisol. Ihr Organismus war in ihrer Adoleszenz stÀndig so aktiv, dass sie als Erwachsene trÀge werden, sagt Katie McLaughlin, eine der Autorinnen der Studie.

Unter MĂ€nnern herrscht ein rauer Ton, das ist bei Schwulen nicht anders

2014 wurden die kardiovaskulÀren Risikofaktoren von hetero- und homosexuellen Jugendlichen verglichen. Dabei stellte sich heraus, dass die schwulen Kids nicht mehr Stresssituationen ausgesetzt waren - dass also auch heterosexuelle Jugendliche Probleme haben -, dass diese ihr Nervensystem aber stÀrker schÀdigten.

Sogar Salway, der sich grĂŒndlich mit dem Minderheitenstress befasst, fĂŒhlt sich manchmal unwohl, wenn er mit seinem Partner durch Vancouver schlendert.

Noch nie ist er angegriffen worden, aber irgendwelche Idioten haben ihn in der Öffentlichkeit mal beschimpft. So etwas muss nur ein paar Mal passieren, und schon wartet man darauf und schlĂ€gt das Herz etwas schneller, sobald sich ein Auto nĂ€hert.

Unter MĂ€nnern herrscht ein rauer Ton, das ist bei Schwulen nicht anders. Im Gegenteil.

Mit Minderheitenstress allein lassen die vielfÀltigen Gesundheitsprobleme schwuler MÀnner sich jedoch nicht erklÀren. TatsÀchlich kommt es zur ersten SchÀdigung, wÀhrend sie sich verstecken, die zweite und vielleicht gravierendere kommt aber erst danach.

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Auch in der schwulen Community lauern Diskriminierungen

Jahrzehnte hindurch nahmen Psychologen an, dass die entscheidenden Phasen in der Bildung der schwulen IdentitĂ€t zum Coming-out fĂŒhren und dass wir, wenn wir uns in unserer Haut endlich wohlfĂŒhlen, unser Leben aufbauen können, gemeinsam mit Menschen, die die gleichen Erfahrungen gemacht haben.

Die Forschung der letzten zehn Jahre zeigt jedoch, dass der Kampf um Anpassung sogar noch heftiger wird. Nach einer Untersuchung von 2015 leiden MĂ€nner, die sich kurz vorher geoutet hatten, stĂ€rker an Ängsten und Depressionen als solche, die ihre HomosexualitĂ€t noch verstecken. Denn auch in der schwulen Community lauern Diskriminierungen.

Jeder Schwule, den ich kenne, trÀgt ein PÀckchen mit all den Fiesheiten, die andere Schwule ihm gesagt oder angetan haben. Als ich mal zu einem Date kam, stand der Typ sofort auf, als er mich sah, warf mir vor, dass ich kleiner sei als auf meinen Fotos, und ging. Alex, Fitnesstrainer in Seattle, bekam von einem Mitglied seines Schwimmteams zu hören:

"Ich bin bereit, ĂŒber dein Gesicht hinwegzusehen, wenn du mich ohne Kondom fickst." Martin, ein Brite in Portland, hat etwa fĂŒnf Kilo zugenommen, seit er da wohnt, und - an Weihnachten - bekam er ĂŒber Grindr diese Nachricht: "Du warst immer so sexy. Schade, dass du das versaut hast."

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In anderen Minderheiten werden Ängste und Depressionen durch die UnterstĂŒtzung der Community weniger. Die NĂ€he zu Menschen, von denen man sich instinktiv verstanden weiß, ist hilfreich. Bei uns dagegen ist das Gegenteil der Fall.

Mehrere Studien haben gezeigt, dass die Tendenz zu ungeschĂŒtztem Sex und Meth steigt, das Engagement fĂŒr EhrenĂ€mter oder Sport dagegen sinkt, wenn man in einem schwulen Viertel wohnt. Aus einer Untersuchung von 2009 geht hervor, dass Schwule, die eng mit ihrer schwulen Community verbunden sind, mit ihren eigenen Liebesbeziehungen weniger zufrieden sind.

Schwule MĂ€nner behandeln sich gegenseitig mies, weil wir MĂ€nner sind

"Schwule und bisexuelle MĂ€nner bezeichnen die schwule Community als großen Stressfaktor", sagt John Pachankis, der in Yale zu genderbezogenen Krankheiten forscht. Der Hauptgrund sei, dass die Diskriminierung innerhalb der Gruppe die Psyche stĂ€rker schĂ€dige als die ZurĂŒckweisung durch Angehörige der Mehrheit.

Wenn man von Heterosexuellen zurĂŒckgewiesen wird, kann man leicht darĂŒber hinwegsehen, man kann mit den Augen rollen oder ihnen den Mittelfinger zeigen - man braucht ihre Anerkennung ja nicht. Die Ablehnung durch andere Schwule tut mehr weh, weil man diese Leute stĂ€rker braucht.

Die Forscher, mit denen ich gesprochen habe, gehen davon aus, dass Schwule sich aus zwei GrĂŒnden hĂ€ufig verletzen. Der Hauptgrund, der auch am hĂ€ufigsten genannt wird, ist, dass schwule MĂ€nner sich gegenseitig mies behandeln, weil wir MĂ€nner sind.

"In einer Gemeinschaft von MĂ€nnern wird MĂ€nnlichkeit besonders herausgefordert", sagt Pachankis. "MĂ€nnlichkeit ist ein flĂŒchtiges Gut. Sie muss stĂ€ndig inszeniert oder verteidigt oder eingefordert werden. Wenn die MĂ€nnlichkeit infrage gestellt wird, kann man sehen, wie dumm MĂ€nner darauf reagieren. Sie nehmen aggressive Posen ein, stĂŒrzen sich in finanzielle Risiken, wollen Sachen zerschlagen."

Bei femininen Schwulen sind Suizid, Einsamkeit und psychische Krankheiten noch weiter verbreitet

So lĂ€sst sich auch die allgegenwĂ€rtige Stigmatisierung femininer MĂ€nner in der schwulen Community besser verstehen. Dane Whicker, klinischer Psychologe und Forscher an der Duke University, hat herausgefunden, dass sich die meisten schwulen MĂ€nner fĂŒr maskuline MĂ€nner interessieren und selbst möglichst maskulin auftreten möchten.

Das könnte daran liegen, dass maskuline MÀnner historisch in der heterosexuellen Gesellschaft geringere Probleme hatten. Vielleicht haben wir es aber auch mit verinnerlichter Homophobie zu tun: Feminine Schwule werden stereotyp immer noch als Bottom, als rezeptiver Partner beim Analverkehr, gesehen.

Bei femininen Schwulen sind Suizid, Einsamkeit und psychische Krankheiten denn auch weiter verbreitet. Maskuline Schwule wiederum leiden mehr unter Ängsten, neigen zu ungeschĂŒtztem Sex und greifen öfter zu Drogen und Tabak.

WĂ€hrend die Schwulenbars verschwinden, treffen sich auf Grindr immer mehr

Der zweite Grund, warum die schwule Gemeinde ihre Mitglieder so sehr stresst, hat nicht mit dem Warum unserer wechselseitigen Ablehnung zu tun, sondern mit dem Wie. In den letzten zehn Jahren sind die traditionellen schwulen Treffpunkte - Bars, Nachtclubs, Saunen - nach und nach verschwunden, an ihre Stelle sind die sozialen Medien getreten.

Mindestens 70 Prozent der homosexuellen MĂ€nner nutzen heute Dating-Apps wie Grindr oder Scruff. Im Jahr 2000 lernten sich etwa 20 Prozent der schwulen Paare online kennen. 2010 waren es bis zu 70 Prozent. Die Zahl der schwulen Paare, die sich durch Freunde gefunden haben, ist von 30 auf 12 Prozent gesunken.

Öfter liest man ĂŒber die App Grindr, deren Nutzer sie durchschnittlich 90 Minuten am Tag verwenden, irgendwelche Horrorstorys in den Medien: ĂŒber Mörder oder Homophobe, die hier ihre Opfer abschleppen.

Oder es geht um die beunruhigenden "Chemsex-Partys", die sich in Berlin, London und New York ausbreiten. Und ja, das sind Probleme. Die eigentliche Wirkung der Apps aber ist stiller, unauffÀlliger, und sie geht in mancher Hinsicht auch tiefer: Viele von uns kommunizieren hauptsÀchlich auf diesem Weg mit anderen Schwulen.

Diese Apps vermitteln uns nachdrĂŒcklich das GefĂŒhl, hĂ€sslich zu sein

Das Schlimmste an den Apps jedoch und der Grund, warum sie sich so unterschiedlich auf die Gesundheit von schwulen bzw. heterosexuellen MÀnnern auswirken, ist nicht nur, dass wir sie so intensiv nutzen. Vielmehr eignen sie sich fast perfekt dazu, unsere negative Selbstwahrnehmung noch zu verschÀrfen.

Der Traumaforscher Elder fĂŒhrte im Jahr 2015 Interviews mit Schwulen und fand heraus, dass 90 Prozent seiner Probanden einen Partner wollten, der groß, jung, weiß, muskulös und maskulin sein sollte. Die meisten von uns entsprechen kaum einem dieser Kriterien, geschweige denn allen fĂŒnf, und so vermitteln diese Apps uns nachdrĂŒcklich das GefĂŒhl, hĂ€sslich zu sein.

Das alles ist natĂŒrlich nicht neu. Der seit den Achtzigern mit gesellschaftlicher Isolation befasste Psychologe Walt Odets erklĂ€rt, schwule MĂ€nner hĂ€tten an den Saunen genauso gelitten wie heute an Grindr. Doch bei seinen jĂŒngeren Patienten sieht er diesen Unterschied:

"Wenn man in der Sauna von jemandem abgelehnt wurde, konnte man anschließend immer noch mit ihm darĂŒber reden. Vielleicht konnte daraus eine Freundschaft werden oder wenigstens eine positive soziale Erfahrung. Bei den Apps wird man einfach weggedrĂŒckt, wenn man nicht als sexuell oder romantisch interessant wahrgenommen wird."

Die Apps verstĂ€rken oder beschleunigen vielleicht auch nur die erwachsene Version der Hypothese, die Pachankis als "Der beste kleine Junge auf der Welt" bezeichnet. Wenn wir als Jugendliche unsere SexualitĂ€t verstecken, konzentrieren wir unser SelbstwertgefĂŒhl auf das, was die Außenwelt von uns will: gut sein im Sport, in der Schule etc.

Als Erwachsene drĂ€ngen die sozialen Normen unserer eigenen Community uns, unser SelbstwertgefĂŒhl noch weiter zu konzentrieren: auf unser Aussehen, unsere MĂ€nnlichkeit, unsere sexuellen Leistungen.

Aber selbst wenn wir hier wettbewerbsfÀhig sind, selbst wenn wir unser Ideal vom maskulinen dominanten Top erreichen - selbst dann haben wir uns in Wirklichkeit darauf konditioniert, dass wir am Boden zerstört sind, wenn wir ihm nicht mehr entsprechen, was unvermeidlich der Fall sein wird.

Aus dem Englischen von Elisabeth Thielicke.

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