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Ich bin seit fast 30 Jahren Telefonseelsorger - dieser Fall lässt mich nicht mehr los

07/06/2017 14:20 CEST | Aktualisiert 09/06/2017 11:44 CEST
Christopher Furlong via Getty Images

Seit fast 30 Jahren arbeite ich bei der Telefonseelsorge in Dortmund - zusammen mit 80 ehrenamtlichen Mitarbeitern. Natürlich hat sich in dieser Zeit viel verändert. Die Situationen der Menschen sind ganz unterschiedlich - bewegend sind ihre Geschichten immer.

Wenn mein Telefon klingelt, weiß ich nie, was mich erwartet. Ich muss auf alles gefasst sein. Oft sind es Menschen, die alleine sind und niemanden zum Reden haben.

Manchmal sind es Menschen, die nicht mehr leben wollen. Und dann gibt es Anrufer, die vom Leben so „mitgenommen" wurden, dass sie nichts fühlen - außer purer Verzweiflung, Zorn oder Enttäuschung.

Wir sind die einzigen, an die sie sich Tag und Nacht wenden können

Es gibt drei Hauptgründe, aus denen die Menschen uns kontaktieren. Einmal ist es die Einsamkeit. Menschen, die irgendwo ganz anonym wohnen und keine Freunde oder zugewandte Angehörige zum Reden haben.

Manche dieser Menschen leben absolut isoliert und melden sich bei uns um Kontakt zu einem

Menschen zu haben und - vielleicht nach Tagen - eine Stimme zu hören. Dann gibt es wiederum die, die durch viele soziale Netze gefallen sind.

Persönlichkeiten, die nicht einfach sind oder Menschen, die unter langanhaltenden Schwierigkeiten zu leiden haben. Ihre soziale Betreuung und Integration ist oft in keiner Weise ausreichend.

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Wir in der Telefonseelsorge sind dann leider die einzige Stelle, an die sie sich Tag und Nacht zu jeder Uhrzeit wenden können. Diese Menschen suchen das Gespräch, um sich zu entlasten, uns ihre Sorgen zu erzählen und einen Platz für ihre Gefühle zu haben.

Immer wieder rufen uns natürlich auch Menschen an, die ihr Leben beenden wollen. Diese Anrufe sind fast immer anstrengend und zum Teil auch belastend.

In diesen Gesprächen ist es wichtig, die eigenen Möglichkeiten realistisch zu sehen. Wir sind

nicht die einzige letzte Chance des Anrufers; schließlich ist er mit dem Wählen unserer Telefonnummer selbst aktiv geworden.

Es geht darum, neue Ideen und Optionen an die Hand zu bekommen

In einem solchen Gespräch begegnen sich dann zwei Menschen, die sich nicht kennen und sich zu nichts verpflichtet sind. Das macht es leichter, die Chance eines Gespräches zu nutzen und genau hinzuschauen und wahrzunehmen, was im Leben so sehr schmerzt.

Es geht darum, neue Ideen und Optionen in die Hand zu bekommen, damit das Leben weitergehen kann. Und dann muss ich in der Lage sein, den Anrufer loszulassen, ohne zu wissen, wie er oder sie sich letztendlich entscheidet.

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Natürlich gibt es auch Telefonate, wo es keine guten oder richtigen oder passenden Worte gibt, die ich meinem Gegenüber sagen kann.

Wo das Schicksal schwer und das Leben ungerecht und hart ist. Oft sind das Schicksalsschläge und Trauerfälle, Gewalt in Familien oder eine schwere Erkrankung; ab und an auch der Abschied von einer Person, die man noch nicht loslassen will.

Ein Fall ist mir da besonders im Gedächtnis geblieben.

Manchmal gibt es keine klugen oder richtigen Worte

Vor Jahren ereignete sich in der kleinen Gemeinde Eschede das bisher größte Zugunglück  in der Bundesrepublik. Ein ICE entgleiste - und 101 Menschen starben, 88 wurden verletzt. In der zweiten Nacht nach dem Unglück rief ein Familienvater bei uns an.

Er hatte seine Frau und seinen Sohn an den Bahnhof gebracht. Zu dem Zug, der seine Lieben in den Tod fuhr. Schuldgefühle, die Frage nach dem "Warum" und fürchterliche seelische Schmerzen plagten ihn.

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Bei solchen Telefonaten gibt es keine klugen und richtigen Worte; angemessen ist es, sprachlos zu sein; sich berühren zu lassen und erst einmal schlicht und einfach am Hörer zu bleiben und die Tragik auszuhalten.

Erst danach können dann weitere Schritte im Gespräch gefunden werden.

Letztlich ist für unsere Anrufer wichtig, „sich beim Schwimmen auf jemand verlassen zu können, der am Ende auch genug Kraft hat, selbst wieder ans Ufer zu kommen."

Daher gehen wir mit den Schicksalen der Anruferinnen ein kleines Stück mit, bemühen uns aber in gleicher Weise darum, die jeweiligen Schicksale nicht „mit nach Hause zu nehmen".

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