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Dr. med. Michael H. Schoenberg Headshot

Wie man seine Heilungschancen und die Lebensqualität bei einer Krebserkrankung verbessert

Veröffentlicht: Aktualisiert:
KREBS
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Wichtige Aspekte bei der Krankheitsbewältigung sind Selbstfürsorge und Achtsamkeit. Doch was ist das eigentlich? Es war bereits die Rede von den Angehörigen, die den Spagat zwischen Helfen und Bewältigung des eigenen Alltags schaffen müssen.

Wichtig ist, sich dabei nicht zu verausgaben, da sonst "nichts mehr sprudelt" und "der Brunnen" vertrocknet. Nur wer gut für sich sorgt, seine Bedürfnisse und Grenzen kennt und dies auch formulieren kann, kann seine Aufgaben erfüllen und auch für andere da sein.

Gleiches gilt für den Patienten. Achtsamkeit gegenüber sich selbst heißt zunächst einmal, in sich hineinzuspüren: Wie geht es mir jetzt in diesem Moment? Bin ich angespannt oder entspannt?

Bereitet mir etwas Freude oder eher negative Gefühle? Es heißt nichts anderes als ein Sich-Einlassen mit allen Sinnen auf das, was man in diesem Moment "tut" oder was in diesem Moment "ist". Das ist manchmal gar nicht so einfach.

Ich denke, jeder von uns kennt die folgende Situation: Man steht unter der Dusche, und während man sich abbraust, ist man in Gedanken beim Geburtstagsgeschenk für die Großmutter, bei der Steuererklärung, einem dringenden Geschäftstermin und hechelt im Geiste noch schnell durch, was für das Abendessen noch alles gekauft werden muss.

Achtsamkeit geht anders

Achtsamkeit geht anders: Beim Duschen das Wasser auf der Haut zu spüren, die wohlige Wärme, die Intensität des Wasserstrahls, den Geruch des Pflegemittels, die entspannende Wirkung - das könnten wir haben, wenn wir für einen Moment im Augenblick verharren und nicht schon gedanklich durch den ganzen Tag hetzen würden.

Oder wenn man sich beispielsweise beim Gemüseschneiden nur darauf beschränkt, die Farben der verschiedenen Sorten wahrzunehmen, den Geräuschen des Messers auf dem Schneidebrett zu lauschen, den Geruch des Gemüses zu erschnuppern und Schalen oder Blätter mit den Fingern zu erspüren, ist das eine kleine Achtsamkeitsübung im Alltag.

Man kommt in Kontakt mit sich, spürt seinen Körper und verharrt einen Moment in der Gegenwart. Ich weiß, manchmal ist das leichter gesagt als getan, aber wir brauchen solche kleinen Oasen. Wir erhalten Schritt für Schritt Zugang zu uns selbst und unseren Gefühlen. Das ist keine Übung, die man ein paarmal macht und dann kann für sein Leben.

Das ist eher eine Lebensaufgabe, so, wie manche sagen, ich möchte gerne gelassener werden. Ja, wenn das so einfach wäre, aber es lohnt, einen ersten Schritt zu machen. Und wenn dieser erste Schritt gelingt, dann kommt oftmals "der Frust", dass sich mit so einer Übung nicht gleich Entspannung einstellt, dass die Gedanken manchmal einfach nicht aufhören wollen, sondern munter ihre Kreise ziehen.

Dann wollen wir das nicht haben, möchten irgendetwas ändern. Nein, der erste Schritt ist es, einfach zu registrieren, wie es in uns aussieht. Nicht gleich wieder in Aktionismus zu verfallen. Einfach wahrnehmen, annehmen und beobachten, ob es so bleibt, sich ändert oder was passiert.

Ähnlich, wie wenn man auf aufgewirbeltes Wasser schaut, nur schaut und mit der Zeit feststellt, wie es wieder klar wird, wenn der aufgewirbelte Grund sich setzt. Viele Krebspatienten haben manchmal Angst, sich die Gefühle anzuschauen, vor allem wenn es um Gefühle geht, die sie im ersten Moment mit etwas Negativem verbinden.

"Manchmal bin ich einfach nur verzweifelt"

Eine 40-jährige Patientin, alleinstehend und in einem anspruchsvollen, stressigen Job tätig, erzählte mir in einem unserer Gespräche: "Ich tue mich sehr schwer mit der Erkrankung. Ich bin es gewöhnt, den ganzen Tag zu arbeiten.

Nun sitze ich zu Hause, die Decke fällt mir auf den Kopf, von meinen Bekannten hat keiner Zeit, die arbeiten ja alle. Dann denke ich darüber nach, ob ich meinen Job in Zukunft überhaupt noch machen kann und wovon ich leben soll, wenn ich es nicht mehr schaffe. Vor Kurzem hat mir mein Arzt auch noch gesagt, ich solle während der Chemo Menschenmengen vermeiden, weil mein Immunsystem in dieser Phase geschwächt ist.

Dabei bin ich ein sehr unternehmungslustiger Mensch. Und jetzt bin ich irgendwie von allem abgeschnitten. An manchen Tagen bin ich darüber so verzweifelt, dass ich nur noch heulen könnte.

Gleichzeitig will ich das nicht zulassen, denn wenn ich nur noch traurig bin und ständig weine, ist das schlecht für die Erkrankung, dann werde ich doch nicht gesund. Es heißt doch immer, dass man mit positiven Gedanken so vieles bewirken
kann."

Tränen bringen Erleichterung

Tränen sind Medizin gegen die Traurigkeit. Und sie bringen auch Erleichterung. Manchmal geht es nicht anders, manchmal müssen sich die Schleusen einfach öffnen. Wenn man das Bedürfnis hat zu weinen, sollte man das nicht gewaltsam unterdrücken - das führt nur dazu, dass sich noch mehr aufstaut.

Zudem kostet es sehr viel Kraft, alles positiv zu färben; es ist wesentlich authentischer und erleichternder, seine Gefühle aussprechen zu dürfen und seine Tränen laufen zu lassen. Danach ist man in der Regel auch besser in der Lage, neue Wege zu suchen, um mit der Situation umzugehen. Die eben erwähnte Patientin, die ich während unseres Gesprächs ermunterte, ihren Gefühlen nachzugeben, sagte am Ende zu mir:

Man muss Gefühle zulassen

"Das hat jetzt richtig gutgetan, irgendwie fühle ich mich jetzt tatsächlich leichter. Und dass Sie mir gesagt haben, dass es anderen Patienten ebenso geht, das erleichtert mich wirklich sehr. Ich dachte schon, nur ich stelle mich so an ..." Solche fatalen Einschätzungen wie "Wenn ich dauernd weinen muss oder düstere Gedanken habe, dann ist das schlecht für die Erkrankung, dann werde ich doch nie gesund" habe ich nicht nur einmal gehört.

Dabei ist es gerade umgekehrt: Seine Gefühle wegzudrücken, sie irgendwann gar nicht mehr wahrzunehmen, das ist ungesund. Gerade das Zulassen, Spüren und Aussprechen von Schwäche, Wut, Angst, Enttäuschung und Trauer kann zu neuer Stärke führen.

Wer das unterdrückt, sich zwingt, nicht so zu empfinden, wird schnell auch unter zusätzlichen körperlichen Beschwerden wie Verspannungen leiden.

Das In-sich-Hineinhören ist auch sehr wichtig, um bei zu großen Belastungen auf die Bremse treten zu können oder auch, um aktiver zu werden. Dazu zwei Beispiele: "Ich merke jetzt erst durch die Erkrankung, wie müde ich eigentlich schon vorher war. Mein Mann ist selbstständig, ich habe ihn immer im Büro unterstützt und mich um die Kinder gekümmert.

Mehr Zeit für sich selbst

Für meine Hobbys blieb keine Zeit mehr. Früher habe ich gerne gemalt, aber ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal einen Pinsel in der Hand hatte", erzählte mir Frau A. Die Krankheit habe dazu geführt, dass in der Familie die Aufgaben neu verteilt wurden. Manches davon habe sie aber auch einfordern müssen - und das sei ihr nur gelungen, weil sie sich selbst nun bewusster wahrnehme: "Ich sage zu meiner Familie jetzt regelmäßig, dass ich mal eine Stunde für mich brauche. Zum Malen oder zum Walken.

Anschließend helfe ich gerne oder mache den Fahrdienst für die Kinder, aber diese Zeit ist für mich wichtig, da bestehe ich jetzt drauf. Das hätte ich früher nicht gemacht, da hatten immer andere Dinge Vorrang, und oft genug habe ich mich hinterher darüber geärgert.

Aber geändert habe ich nichts." "Ich hatte immer solche Schwierigkeiten mit meiner Schwiegermutter", erzählte mir eine 55-jährige Patientin, die in einem kleinen Ort auf dem Land wohnt. "

Sie lebt bei uns im Haus, ich muss mich um sie kümmern, obwohl sie eigentlich noch recht gut beisammen ist. Jahrelang hat sie mir das Leben schwer gemacht, mich immer bevormundet, nie hab ich ihr was recht machen können.

Neulich hat sie mich wieder getriezt, wollte dies und dann das, und dann hab ich gesagt, nein, das mach ich jetzt nicht, ich bin krank! Sie hat mich verdutzt angesehen, mich aber dann in Ruhe gelassen. Und stellen Sie sich vor, seitdem läuft es besser mit uns. Ich lasse mir nicht mehr alles gefallen, setze Grenzen - und sie scheint das auch zu akzeptieren.

Jedenfalls ist sie freundlicher zu mir geworden." Die Krankheit ist auch eine große Chance, das Neinsagen zu üben. Das Verständnis der Umgebung ist groß, wenn man sagt, man könne dieses oder jenes nicht machen, nicht schaffen. Man wird feststellen, die Welt bricht nicht zusammen, die Dinge arrangieren sich irgendwie anders, ich muss gar nicht immer alles für alle organisieren.

Lernen, "Nein" zu sagen

Vielleicht läuft es anders, als ich es machen würde, vielleicht auch nicht so perfekt, aber muss das überhaupt sein? Sie werden feststellen, dass Sie mit der Zeit die Begründung Krebs und die damit zusammenhängende Erschöpfung nicht mehr brauchen werden, um eine Grenze zu setzen.

Und Sie brauchen deswegen keine Schuldgefühle zu haben - schließlich ist die Welt nicht zusammengebrochen, und Ihnen geht es besser dabei. Es gibt auch die umgekehrten Beispiele, jene, bei denen lieb gemeinte Unterstützung und Entlastung die Betroffenen in eine Passivität drängen, die sie gar nicht wollen.

"Lass mich das machen, du bist doch krank, das ist zu viel für dich!« Ein gut gemeinter Satz wie dieser kann dazu führen, dass sich ein Patient noch kränker und hilfloser fühlt, als er ist. Für die Angehörigen ist es wichtig, nicht nur auf die "kranken" Anteile zu blicken, sondern auch und gerade auf die "gesunden".

Auf Signale zu achten, wann Hilfe angebracht ist und wann nicht. Aktivität im möglichen Rahmen steigert die Lebensqualität und gibt dem Betroffenen das Gefühl, die Dinge wenigstens ein Stück weit selbst in der Hand zu haben. Sie hilft, depressive Symptome zu reduzieren oder zu verhindern und trägt dazu bei, die Erkrankung anzunehmen.

Für den Erkrankten selbst heißt das aber auch, in sich hineinzuhören und auszuloten, was geht und was nicht - und das auch auszusprechen. Fordern Sie Unterstützung ein, sofern Sie das wollen. Auch dann, wenn einem das Umfeld signalisiert, dass man jetzt doch krank ist und sich auch so verhalten soll.

Nein, alles, was man weiterhin selbst machen kann, soll man auch selbst machen. Lassen Sie sich das Zepter nicht aus der Hand nehmen. Lassen Sie sich nicht kränker machen, als Sie sich fühlen. Achten Sie auf sich, damit Sie merken, wenn Sie an Grenzen stoßen.

Sport und Psyche

Gerade bei Fatigue ist Bewegung ein wichtiger Pfeiler für die Lebensqualität. Umgekehrt gilt auch: Das beste Mittel gegen Fatigue ist Bewegung. Patienten haben ganz unterschiedliche Erfahrungen mit dem Thema Sport.

Für die einen gehörte Sport immer schon zum Leben, die anderen hatten damit noch nie etwas am Hut, für sie ist Sport gleichbedeutend mit "Mord" oder damit, die Sportschau vom Sofa aus zu verfolgen.

Natürlich steht es außer Frage, dass ein gutes Maß an Bewegung für jeden von uns nicht schlecht wäre. Doch oft genug scheitert man schon daran, sich aufzuraffen. Kürzlich habe ich dazu einen wunderbaren Spruch gelesen:

"Ich bin der Tatendrang.Ich fang gleich an. Gleich fang ich an... doch davor dreh ich noch drei Runden mit meinen Schweinehunden."

Den inneren Schweinehund überwinden

Für Patienten, die noch nie Sport getrieben haben und nun die Empfehlung bekommen, damit anzufangen, sind die Schweinehunde gewaltig, sprich die Gründe, warum es gerade nicht geht, vielfältig.

Selbstverständlich gibt es während der Therapie Phasen, in denen es wirklich nicht geht. Oder Erkrankungen, bei denen man genau prüfen muss, ob und ab wann ein moderates Training möglich und richtig ist. Dazu haben Sie an anderer Stelle dieses Buchs bereits ausführliche Informationen erhalten.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen ist es sinnvoll, ein Bewegungstraining durchzuführen. Das muss nicht im Fitnessstudio sein, das muss nicht Joggen sein und schon gar nicht etwas, das sie noch nie tun wollten.

Bewegung ist mit vielen Dingen verbunden, nicht nur mit "sportlichen" Tätigkeiten. Fragen Sie sich, was Sie früher schon gerne gemacht haben oder was Sie schon immer mal ausprobieren wollten. Tanzen, Yoga, Qi-Gong zählen ebenso wie Gartenarbeit, ein kleiner Spaziergang mit dem Nachbarhund oder zum Café in der Stadt, um sich mit Freunden zu treffen.

Vielleicht brauchen Sie dazu Motivation in Form eines Gruppenangebots, den Austausch mit anderen Betroffenen. Durchforsten Sie die entsprechenden Angebote der Krebsberatungsstellen oder auch der Volkshochschulen. Notieren Sie sich, wenn etwas Sie spontan anspricht, ohne groß nachzudenken, ob das nun tatsächlich zu realisieren ist, also ohne den Filter "Vernunft" anzusetzen.

Sich seinen Erfolgen bewusst sein

Schreiben Sie sich auf, was Sie im Lauf des Lebens schon alles an Bewegung gemacht haben, und Sie werden sich wundern, was sich da für vergessene Schätze finden. Gehen Sie gemeinsam mit Ihrem Partner, mit Freunden oder dem Psychoonkologen durch, was Ihnen daran gefällt (oder auch nicht), und finden Sie so schrittweise eine Form der Bewegung, die zu Ihnen passt.

Es ist wichtig, gerade für jemanden, der mit Bewegung nicht viel am Hut hatte/hat, "klein" anzufangen, sich nicht zu überfordern, sondern langsam zu steigern, wenn man merkt, es tut einem gut. Es kommt auf die Kontinuität an, eben deshalb ist es so wichtig, dass man etwas findet, das einem Freude macht und zu dem man sich nicht aus Verpflichtung hinquält.

Trotzdem wird der Schweinehund natürlich immer mal wieder kläffen. Überlisten Sie ihn! Sagen Sie ihm, wir gehen jetzt nur fünf Minuten raus und dann gleich wieder heim. Wer weiß, vielleicht werden daraus am Ende dann doch zwanzig Minuten.

Raus an die frische Luft zu gehen hat ganz komplexe Wirkungen. Selbst in der grauen Zeit im Herbst ist es heller als im Zimmer, und dieses Licht regt die Hormonproduktion an und trägt zu einer besseren Stimmung bei.

Außerdem entdeckt man unterwegs immer irgendetwas, das einen ablenkt oder inspiriert. Sei es die Farbenexplosion der Blätter an den Bäumen im Herbst, spielende Kinder, ein Hund, der einen wilden Lauf hinlegt und nur so vor Lebensfreude sprüht, und und und.

Wenn das Rausgehen, auch nur kurz und auch nur langsam, zum festen Bestandteil des Tagesablaufs wird, beugt das depressiven Symptomen effektiv vor. Eine Struktur wird aufgebaut, die Bewegung an sich ist aktivierend und die Ablenkung hilfreich gegen das Gedankenkarussell. Manchmal ist es notwendig, sich Zeit und Raum zu schaffen, damit die Bewegung in den Alltag eingebaut werden kann.

Es hilft, sich einen festen Termin für die Aktivität zu setzen und diesen auch zu verteidigen. Es ist wichtig, sich Zeit für sich zu nehmen und dabei von der Familie und Freunden Unterstützung einzufordern. Mit anderen Worten: Dieser Termin sollte genauso respektiert werden wie jeder andere Termin auch. Ihn nicht schnell und bereitwillig unter den Tisch fallen zu lassen, wenn (vermeintlich) wieder mal "Not am Mann" ist - auch das ist Selbstfürsorge.

Nicht vergessen sollten Sie, dass zur Spannung auch immer die Entspannung gehört. Bei manchen Aktivitäten ist das Teil der Übung, zum Beispiel beim Yoga oder beim Auslaufen nach einem Spurt. Daraus können Sie gleich eine kleine Achtsamkeitsübung machen: Wie fühlt es sich an, von der Spannung in die Entspannung zu gehen?

Merken Sie den Unterschied? In der Spannungsphase sollten Sie sich nie komplett verausgaben, sondern nur so viel tun, dass Sie sich freuen, es geschafft zu haben. In der Entspannungsphase sollten Sie versuchen, alles loszulassen.

Ich weiß, das klappt nicht immer, aber Übung macht ja bekanntlich den Meister. Keine anderen Gedanken, kein Karussell, nur Sie selbst und Ihr Körper. Das wohlige Gefühl von leichter Erschöpfung und Zufriedenheit wird sich wärmend ausbreiten wie ein Wärmekissen. Das Sie sich übrigens trotzdem nach einer Anstrengung auf den Bauch oder Nacken legen können.

Patienten sind oft frustriert

Es ist natürlich schön, wenn jemand schon vor der Erkrankung Sport betrieben und Bewegung und Aktivität immer als wohltuenden Bestandteil seines/ihres Lebens betrachtet hat. In diesen Fällen entsteht manchmal eher das Problem, dass der Patient oder die Patientin sagt, ich kann im Moment gar nicht den Sport machen, den ich gewöhnt bin, ich habe dazu keine Kraft, und das frustriert mich.

Das ist verständlich, wenn statt der anspruchsvollen Bergtour "nur" ein Spaziergang drin ist. Hier ist man mit enttäuschten Erwartungen konfrontiert, manchmal auch mit viel Druck. Einige meiner Patienten sind regelrecht sauer auf ihren Körper, dass der plötzlich nicht mehr wie gewohnt funktioniert:

"Wissen Sie, mein großes Hobby ist Schwimmen", erzählte mir eine 42-jährige Brustkrebspatientin. "Früher habe ich das als Leistungssport betrieben. Nach der Operation konnte ich erst mal nicht ins Wasser, weil die Wunde heilen musste.

Chemo brauchte ich zum Glück nicht, aber auch während der Bestrahlung ist Schwimmen tabu. Als ich dann zum ersten mal wieder im Schwimmbad war, dachte ich, ich komme nicht mehr lebend aus dem Wasser. In der Reha kamen sie mir dann mit lauter so esoterischem Kram. Yoga und Meditation, also das ist nun wirklich nicht mein Ding. Jetzt mache ich gar nichts mehr, ist halt so, schließlich habe ich Krebs."

Seinen Gesundheitszustand akzeptieren

Der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky (1923 -1994) entwickeltein den 1980er Jahren ein Rahmenkonzept, das sich mit der Entstehung und Erhaltung von Gesundheit beschäftigt. Das Konzept der sogenannten Salutogenese ist eines, das auf einem Prozess beruht, auf dynamischen Wechselwirkungen.

Es geht dabei darum, zu erkennen, dass man ist nie ganz krank oder nie ganz gesund ist. Es geht um Möglichkeiten: Ist man krank, dann geht vieles nicht, aber einiges geht trotzdem. Was geht, kann sich manchmal auch schnell ändern, ein netter Anruf kann die Stimmung heben, eine Hühnersuppe kann einem das Gefühl zurückgeben, dass es jetzt aufwärts geht, weil das während der Kindheit auch so gewesen ist.

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Kranksein bedeutet leider oft, einen Teil seiner Souveränität aufgeben zu müssen, zumindest vorübergehend. Aber lassen Sie nicht zu, dass die Krankheit Ihr komplettes Leben in den Griff nimmt. Im Gespräch mit der Patientin ging es also darum, ihr die Augen für all die Dinge zu öffnen, die möglich sind.

Sie zu ermutigen, für den Moment kleinere Brötchen zu backen, Alternativen zum Schwimmen zu finden, das immer noch mit dem Leistungsanspruch verbunden war. Während einer längeren Behandlungsphase ließ sich Schwimmen nun einmal nicht in der gewohnten Form realisieren.

Auch wenn es schwerfällt: Für eine gewisse Zeit muss man das akzeptieren. Nicht damit hadern, sondern sich sagen, wenn es mir körperlich wieder besser geht, wird auch das wieder gelingen. Haben Sie Geduld mit sich - und konzentrieren Sie sich auf das, was geht, was Ihnen der "gesunde Anteil" ermöglicht. Das ist oft mehr, als man denkt.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Aktiv leben gegen den Krebs - Heilungschancen und Lebensqualität verbessern durch Bewegung, Ernährung und eine stabile Psyche." Hier könnt ihr das Buch kaufen.


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