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"Eine nie gekannte Dimension von Glück" - Warum wir Deutschen aufs Kinderkriegen nicht verzichten sollten

29/07/2017 13:47 CEST | Aktualisiert 03/08/2017 17:50 CEST
LuckyBusiness via Getty Images

Ist es nicht erstaunlich? In quasi jedem Ranking möchten wir ganz vorne mitspielen: Wirtschaftskraft, Technologieführerschaft, Fußball, Bierkonsum ... Doch im existentiellsten aller Rankings bilden wir Deutschen das Schlusslicht: Nach Japan haben wir die niedrigste Geburtenrate der Welt. Es sterben hier jährlich mehr Menschen, als geboren werden. Jede dritte Akademikerin entscheidet sich heute ganz bewusst gegen Kinder.

Überspitzt formuliert: In Deutschland stirbt die Geburt. Das ist schlecht, und dafür gibt es jede Menge rationale Gründe: drohende Überalterung, Steuererhöhungen, Fachkräftemangel, Innovationsschwund, Rente erst mit 70. Doch darum soll es hier nicht gehen. Viel wichtiger, viel essentieller als die rationalen Gründe sind die emotionalen.

Die ganz persönlichen. Die Gründe, die man als Nicht-Eltern gar nicht greifen kann, weil man sie erst versteht, wenn man bereits Kinder hat. Es geht um ein Gefühl so tief, so einzigartig, so unendlich schön, dass es schlicht niemand verpassen sollte. Zumal man eben gar nicht weiß, was man verpasst. Hierfür reicht keine Vorstellungskraft.

Als meine Frau im zweiten Monat schwanger war, bekam eine Bekannte von uns gerade ihr erstes Kind. "Und, wie ist es?", habe ich voller Vorfreude gefragt. Sie antwortete - mit zauberhafter Überzeugung: "Eine nie gekannte Dimension von Glück". Acht Monate später wusste ich genau, was sie meint. Und diese Dimension beginnt schon bei der Geburt.

Mein Herz läuft über vor Glück

Wenn du zum ersten Mal das Köpfchen siehst, das da plötzlich rausguckt, erlebst, wie dein Kind zu atmen beginnt und mit verklebten Augen sein Stimmchen erhebt, dann ist dies mit Fug und Recht das intensivste Gefühl, das einen Menschen nur überfluten kann. Ein neues Leben, durch einen selbst entstanden - nichts ist größer als das. Man möchte DANKE in den Himmel schreien für diese Sensation.

Und dieses innige Gefühl zieht sich fort. Damit meine ich nicht das erste Lächeln, die ersten Schritte, das erste Wort. Allesamt Hochgefühle, keine Frage. Aber eben einmalig - das erste Mal. Viel bemerkenswerter ist das ganz Alltägliche.

Wenn ich etwa meinen Kleinen ins Bett bringe, und er mich plötzlich ganz fest in den Arm nimmt, mir in die Augen guckt und stumm sagt: "Papa, ich hab dich lieb," dann läuft mein Herz über vor Glück. Ein Glück, das man so bisher nicht kannte. Das dir keine Beförderung, kein Erste-Reihe-Live-Konzert und kein noch so ferner Roadtrip geben kann.

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Kein erklommener Gipfel, keine gestandene Welle, keine perfekte 18 Loch-Runde. Und erst recht kein Geld oder Auto oder Edel-Chronograph dieser Welt.

So hat man schlicht noch nie geliebt. Man kennt die Liebe zu seinen Eltern. Die Liebe zu seinen Geschwistern. Die Liebe zu seinem Partner. Die Liebe zu guten Freunden. Und jede Liebe ist eine ganz eigene, schwer zu vergleichen mit den anderen.

Doch die wohl unvergleichlichste ist die Liebe zu deinem Kind. Keine ist so bedingungslos, so unumstößlich und rein. Hinzu kommt: Ein Kind macht aus zwei Menschen ein Ganzes - allein das ist ein Glücksgefühl für sich.

Wir haben Angst vorm Eltern-sein

Warum also kriegen wir so wenig Kinder? Zum einen sicherlich, weil bei uns teils eine gewisse Angst geschürt wird vor dem Zustand "Eltern". Eine gute Freundin - und potentiell tolle Mutter - meinte kürzlich zu mir: "Warum sollte ich Kinder kriegen? Wenn alle um mich herum immer nur jammern, wie hart es ist!"

Interessante Frage. Und wenn man mal darauf achtet, hat sie völlig Recht: Eltern jammern gern. Dafür gibt es diverse Gründe. Erstens, weil Eltern sich gerne als harte Hunde darstellen: "Boah, alles sooo anstrengend, aber schau mal, wie ich das meistere." Das kommt ziemlich gut. Zweitens, weil es eben wesentlich leichter ist, über eine konkrete Situation zu jammern, als das große Ganze zu beschreiben.

Dafür reichen Worte schlicht nicht aus. Tja, und drittens: weil es tatsächlich sauanstrengend ist. Man ist oft so müde, dass das Augenlied zuckt wie der Flügel eines Kolibri im Steigflug. Mit Kindern das Haus zu verlassen ist logistisch in etwa so komplex wie Manhattan zu evakuieren.

Und ein Einkauf im Supermarkt dauert so lang, dass die grünen Bananen bis zur Kasse bereits gelb sind. Man wischt die Kotze aus dem Auto, die Kacke aus der Hose und das Pipi aus dem Bett.

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Hinzu kommen Lebenszeit-verschlingende Wartezeiten beim Kinderarzt, lähmende Monotonie am Spielplatz und ein Dauerlärmpegel, als würde man im Triebwerk eines Airbus A380 wohnen. Keine Frage: Kinder machen oft wahnsinnig. Aber in aller Regel - und das darf man nie vergessen - vor Glück.

Ein anderes Thema ist die persönliche Freiheit. Die Selbstbestimmtheit. Einfach machen, worauf man gerade Lust hat. Nun, diese Phase ist erst mal vorbei. Das merkt man schon tüchtig beim ersten Kind, doch sobald weitere hinzukommen, ist die Abhängigkeitserklärung besiegelt. Aber ist das wirklich so schlimm? Klar nervt es, statt auf der Party auf dem Sofa abzuhängen oder statt nach Tibet nur nach Amrum zu reisen. Aber zum einen kann man mit seinen Kindern ja sehr bald wieder viel mehr machen. Zum anderen ist man in aller Regel nicht tot, wenn sie flügge sind.

Und vieles, was den Kleinen gefällt, gefällt auch den Großen: Zirkus, Tierpark, Zauberer, Carrera-Bahn, Fußball, Jim Knopf - die Freude daran erwacht wieder. Und irgendwann gehst du mit deinen Kindern dann surfen oder in Star Wars Teil 8. Wie cool ist das?

Man darf auch nicht vergessen: Dicke Hotels, wilde Feste, edle Restaurants, und und und - der Reiz unendlicher Möglichkeiten verblasst mit der Zeit. Die Faszination deiner Kinder hingegen hört nie auf zu wachsen. Mein Nachbar etwa war ein Lebemann, hat alles mitgenommen, was geht.

Einzig Kinder hat er ausgelassen. Mit sechzig wirkte nicht nur sein Haus sonderbar leer. Also ja, es stimmt: Man hat kaum mehr Zeit für sich. Fakt ist allerdings auch: Gerade diese Zeit, die man nicht für sich hat, ist rückblickend die beste Zeit deines Lebens. Und sie verfliegt im Düsenjet.

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Karriere über alles

Kommen wir zur Karriere: Gerade bei Akademiker-Paaren ein gewichtiger Grund, auf Kinder zu verzichten. Zu Recht? Tatsache ist: Nachwuchs bremst auf dem Weg nach oben. Vor allem die Frauen. Immer noch werden viele von ihnen benachteiligt, sobald sie Mutter sind: Die einen steigen nicht weiter auf, die anderen kriegen erst gar keine anspruchsvolle Stelle mehr.

Ein Unding. Dass es auch anders geht, sieht man an Schweden: Dort wird das Modell der Doppelverdiener-Familie massiv unterstützt und dafür gesorgt, dass Männer wie Frauen hinsichtlich Familie und Arbeit genau die gleichen Rechte und Pflichten haben. Großzügige Ausgaben für Familienleistungen, hoch flexible Urlaubs- und Arbeitszeiten und stark subventionierte Kinderbetreuung sind wesentliche Erfolgsfaktoren.

Tja, genau so ein System sollte es auch in Deutschland geben. Sollte es überall geben. Nur leider dauert es eben, bis eine Gesellschaft sich verändert. So sehr wir es uns auch wünschen, so laut wir auch danach schreien: Der Status-Quo wird sich über Nacht nicht ändern. Mit Glück eher bis zur nächsten Generation.

Wenn wir aufhören Kinder zu kriegen,

sind wir verloren

Wenn wir unsere Arbeitssituation also nicht akut verbessern können, ist es dann die richtige Konsequenz, ein Double-Income-No-Kids-Leben zu wählen? Das muss jeder für sich selbst wissen. Nur gilt zu bedenken: Wir arbeiten in unserem Leben rund 40 Jahre lang. Und wenn man seine elterlichen Pflichten ernst nimmt, halten Kinder uns vielleicht zehn Jahre von uneingeschränktem Arbeiten ab.

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Bleiben immer noch 30 Jahre, um sich voll und ganz seiner Karriere zu widmen. Klar, das bedeutet trotzdem Entbehrungen, trotzdem ein Mehr an Stress und ein Weniger an Geld. Aber mit dem Wissen, was für eine unendliche Bereicherung und Freude meine Jungs für mich sind, kann ich gerade heraus sagen: Ich würde eher Toi-Toi-Toiletten mit der Zahnbürste reinigen, als aus Karrieregründen auf Kinder zu verzichten.

Nun gibt es noch einen letzten Grund, der der Vollständigkeit halber kurz gestriffen werden soll: Manche führen auch auf, dass sie in unsere heutige Welt einfach keine Kinder mehr setzen wollen. Terror, Klimakrise, Hungersnöte, Kriege - nur einige von vielen Gründen. Mag sein. Doch ist das die Lösung?

Liebe Generation Y: Macht euch selbst das schönste Geschenk, das das Leben bereithält

Wenn wir aufhören, Kinder zu kriegen, weil wir denken, die Welt sei verloren, dann sind wir längst verloren. Dieser Gedanke ist so unendlich hoffnungslos, dass man heulen möchte. Die totale Kapitulation vor unserer Zukunft. Die Zeiten werden sicher nicht einfacher. Aber wann waren sie das schon? Im Mittelalter? Während der Weltkriege? Lasst uns für eine bessere Welt kämpfen, nachhaltiger leben - aber lasst uns nicht aufhören, Kinder zu kriegen.

Abschließend lässt sich jedenfalls sagen: Wie alles im Leben haben auch Kinder Vor- und Nachteile. Und natürlich fragen sich viele: Weniger Schlaf, weniger Freiheit, weniger Karriere - ist es das wirklich wert? Die Antwort aber ist eindeutig: Es ist das Wertvollste, was es auf der Welt nur gibt. Eben der Sinn, nach dem so viele suchen - selbst wenn sie es gar nicht wissen.

Also, liebe Generationen X und Y und ff.: Lasst Deutschland nicht länger das Schlusslicht sein. Nicht wegen drohender Überalterung, Steuererhöhungen, Fachkräftemangel, Innovationsschwund oder Rente erst mit 70. Sondern einzig und allein wegen euch selbst.

Macht euch das schönste Geschenk, das das Leben für uns bereit hält - und entdeckt das eigene Leben dabei neu. Tja, und wenn ihr dadurch auch noch Deutschland etwas Gutes tut: umso besser.

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