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Wie geht eigentlich Frieden?

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PEACE MARCH
Ed Norton via Getty Images
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Die Konfliktforscherin Thania Paffenholz hat weltweit Friedensprozesse begleitet und das Zusammenspiel zwischen internationaler Gemeinschaft, Staat und Zivilgesellschaft untersucht - immer den Fragen nachgehend: Was funktioniert, was funktioniert nicht?

Interview: Michael Gleich

Von welchen Faktoren hängt der Erfolg eines Friedensvertrags ab?

Abkommen werden oft nicht eingehalten. Sie scheitern meist am Widerstand der Machteliten, die Privilegien und Pfründe verlieren könnten. Und sie scheitern, wenn die öffentliche Unterstützung zu gering ist, um die Eliten unter Druck zu setzen.

Welchen Einfluss hat die Zivilgesellschaft, also die Stimme der einfachen Bürger?

Zivilgesellschaftliche Gruppen sind beispielsweise gut darin, Dialoge in der Gesellschaft zu initiieren und zu organisieren. Solche Dialoge können die Umsetzung eines Friedensvertrags erheblich fördern, wenn dieser politisch bereits vereinbart ist. Dann können sie zu Versöhnung beitragen und Wunden in der Gesellschaft heilen.

Erst wenn eine Vereinbarung auf politischer Ebene getroffen ist?

Es funktioniert auch andersherum. In Kolumbien zum Beispiel hat eine ganze Reihe von Akteuren den Nährboden für einen Friedensvertrag zwischen Regierung und Rebellen geschaffen. Die katholische Kirche nutzt ihre moralische Autorität in der breiten Bevölkerung mit Hirtenbriefen, Predigten und im Unterricht an ihren Schulen; kleine NGOs fahren auf hohem professionellem Niveau Kampagnen und klagen Menschenrechtsverletzungen aller Seiten an. Man darf aber nicht so tun, als wenn die Aktivitäten der Zivilgesellschaft unabhängig von der Politik wären. In Israel und Palästina kann die politische Stagnation auf höchster Ebene nicht durch noch so viele kleine Dialogprojekte und Bürgeraktionen überwunden werden.

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Wie können Staat und Gesellschaft erfolgreich zusammenwirken?

Manchmal entwickeln Bürgerorganisationen Projekte, zum Beispiel zur Behandlung von Kriegstraumata oder für die Friedenspädagogik. Manchmal werden solche Ansätze dann von einer internationalen Organisation übernommen und so stark verbreitet, dass daraus offizielle Politik werden kann. Zivilgesellschaft tritt als innovativer Erfinder auf, der Staat sorgt für Breitenwirkung.

Welche internationale Förderung brauchen Friedensmacher vor Ort?

Das ist sehr unterschiedlich. Eine lokale Friedensbewegung kann sich sehr gut selbst organisieren und braucht kaum Geld. Die Stärke vieler privater Organisationen ist das ehrenamtliche Engagement ihrer Mitglieder; hier kann Geld aus dem Ausland sogar schädlich sein, wenn monetäre Anreize an die Stelle von innerer Motivation treten.

Also gar nicht mehr finanziell fördern?

Junge, innovative Initiativen brauchen eine Starthilfe. Und überall dort, wo Nicht-Regierungsorganisationen professionell auftreten, benötigen sie auch Geld. Etwa wenn es um Kampagnen gegen „Blutdiamanten" und Landminen geht oder juristisches Vorgehen gegen Kriegsverbrecher. Das Problem ist, dass internationale Geber oft nur einzelne Projekte fördern, nicht aber die wichtigen zivilgesellschaftlichen Institutionen selbst. Es kommt nicht zu strukturellen Wirkungen, weil Projekte nach kurzer Zeit beendet werden und auch nicht mit politischen Maßnahmenverbunden werden.

Gesellschaftliche Strukturen ändern zu wollen ist ein ehrgeiziges Vorhaben.

Manchmal funktioniert es besonders gut, wenn gar nicht das Etikett „Frieden" draufklebt. In Sri Lanka gab es ein Projekt, in dem tamilische, singhalesische und muslimische Lehrer gemeinsam weitergebildet wurden. Dass sie über die Grenzen der Volksgruppen hinweg zusammenkamen, hatte eine ungeheure friedensfördernde Wirkung, weil in Sri Lanka das Schulsystem stark nach Ethnien getrennt ist. Da Lehrer Multiplikatoren sind, hatte dieses Projekt einen weit größeren Erfolg als viele kleine Dialoge.

Jeder Konflikt hat eine ganz eigene Geschichte. Lassen sich Länder überhaupt vergleichen?

Die Hauptursache für einen Konflikt ist immer die gleiche: Exklusion, das Ausschließen von gesellschaftlichen Gruppen oder eines ganzen Landesteils von politischer Teilhabe und wirtschaftlichen Chancen. Das zeigt sich überall ein wenig anders, aber es geht in allen Fällen um Ausgrenzung.

... auch ein großes Thema der Frauenbewegung. Es gibt die These, dass die Welt friedlicher wäre, wenn Frauen mehr zu sagen hätten.

Es hieß lange: Mehr Frauen bedeutet mehr Frieden. Das stimmt nicht. Frauen treten durchaus auch als Hardliner in Friedensverhandlungen auf. Es geht vielmehr darum, dass Frauen auch wirklich relevanten Einfluss auf Verhandlungsergebnisse haben können, also mit einem starken Mandat beteiligt sind und in Entscheidungsgremien vertreten sind.

Wo war das der Fall?

In Nordirland bildeten Frauengruppen eine eigene politische Partei, um an den Verhandlungen teilnehmen zu können. Sie hatten einen enorm positiven Einfluss. In Liberia hatten sich Frauen auf den Straßen zusammengetan und zivilen Ungehorsam geübt. Sie blockierten die Türen des Verhandlungssaales und sagten den Delegierten: Hier kommt ihr erst raus, wenn ihr einen Vertrag unterzeichnet habt. Eine zweite Frauengruppe hatte Beobachterstatus und spielte den Frauen draußen laufend Informationen zu, welche Aktionen jetzt förderlich wären.

Wie stehen die Chancen von Frauen, beim syrischen Friedensprozess beteiligt zu werden?

Frauen sind sowohl in der Delegation der Regierung als auch der Opposition vertreten. Der Hauptteil der internationalen Förderung fließt dabei aber in ein Frauen-Beratungsgremium für den Vermittler der Vereinten Nationen, das mit zwölf Frauen besetzt ist, die nicht am Verhandlungstisch sitzen. Am Ende wird es jedoch darauf ankommen, ob Frauen unmittelbar an entscheidenden Beschlüssen beteiligt sind.

Michael Gleich ist Gast auf dem Global Peacebuilder Summit, dem Gipfel für Friedensstifterinnen aus aller Welt. Mehr Informationen dazu findet ihr hier.

MUT - Magazin für Lösungen

Dieser Beitrag entstammt der Sonderpublikation „MUT", die erfolgreiche Friedensmacher in Afrika, dem Nahen Osten und vom Balkan porträtiert. Ihre Arbeit reduziert Spannungen zwischen ethnischen und religiösen Gruppen, trägt zur Versöhnung und auch wirtschaftlichem Wachstum in der Region bei. Letztlich sinkt der Druck auf Menschen, aus ihrer Heimat zu flüchten. 

Das MUTmagazin wird regionalen Tageszeitungen beigelegt. Herausgeber ist die gemeinnützige Culture Counts Foundation. Sie widmet sich dem sogenannten konstruktiven Journalismus. Bei dieser Facette des Journalismus geht es darum, Probleme zu beschreiben, aber auch Menschen, die an deren Lösung arbeiten.

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