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"LEMUREN", 31. Blog

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DIE WURZELN HEUTIGER AGGRESSION

Eine Frage, die jetzt naheläge, jedoch selten oder nie gestellt wird, lautet: Woher kommt es denn, dass wir heute bei aller Auf- und Abgeklärtheit noch immer so viel Gewalt, Kriege und Aggressionen erleben? Und das nicht nur bei den „Bösen", sondern auch an uns selbst und unter Freunden. Klar, das problematische patriarchale Erbe, das uns alle prägt, ist nicht wegzudiskutieren, aber warum sollten wir dem auch immer und immer nachgeben?
Beim Bewegen derartiger Gedankengänge kann uns dann etwas sehr Unbequemes auffallen: Unsere Vergangenheit, das Vertrautsein mit dem Gewordenen und die lieben Gewohnheiten, die darin wurzeln, lassen uns Strukturen pflegen und Maßnahmen ergreifen, die auf den ersten Blick weder schlimm noch schlecht erscheinen, die aber versteckte Quellen allgemeiner Gewaltbereitschaft sind. Macht man sich mit ihnen vertraut, so zeichnen sich ihre Folgeschäden immer deutlicher ab und zuletzt erkennt man, woher der Wind weht.
Nehmen wir dazu ein einziges kleines Beispiel aus unserem Alltag: Von kaum jemandem wird noch große Aufmerksamkeit auf die Spiele der Kinder gerichtet, wenn es nicht gerade Baller- oder Killerspiele sind. Zum einen hat man keine rechte Vorstellung davon, was einem Kind in einer bestimmten Altersstufe „bekömmlich" ist, zum andern, wie ein Spiel im Kinde wirkt. Weihnachten und Geburtstag kommen ja jährlich, da muss man schließlich etwas schenken. Und nun prüfe man doch bitte einmal unbefangen, welchen Charakter die Spielesammlungen im eigenen Haus so haben. Nehmen wir ein paar überall gebräuchliche harmlose Brettspiele, z. B. Halma, Ecka, Mühle, Dame, Mensch ärgre dich nicht, Scrabble, Schach und Backgammon. Was haben diese alle gemeinsam? Dass sie darauf hinauslaufen, gewinnen oder verlieren zu lassen, und sei es nur durch das Punktezählen am Ende. Wie verschieden ihr Konzept also auch sein mag, sie schaffen Sieger und Besiegte oder Sieger und Verlierer. Diese Kategorien gibt es aber nur bei Auseinandersetzungen: bei Wettstreit, Kampf und Krieg. „Ja aber mein Kind spielt doch nicht Krieg oder kämpft gegen irgendjemanden!"

„Natürlich tut es das! Sie haben es nur noch nicht gemerkt, Madame. Ich will Sie ja wirklich nicht kränken, aber Sie können halt nur dadurch gewinnen, dass der Andere am Spielbrett verliert. Oder?"

Jedes der genannten Spiele lehrt das Kleinkind, dass nur das Verlieren des Anderen zum eigenen Sieg führt. Auch Wettkampf ist eine Form von Kampf. Damit gehört er in eine Altersstufe, wo diese Form der friedlichen Auseinandersetzung „passt" und das ist ziemlich weit oben, sagen wir, um das 10. bis 13. Jahr herum. Und nun schauen Sie einmal, was daheim mit dem Vorschulkind so alles gespielt wird, wenn es draußen regnet - falls überhaupt noch etwas gespielt wird. Was macht das mit den lieben Kleinen? Es bereitet sie auf ein Leben in Auseinandersetzung und Wettstreit vor, bei dem es immer nur Gewinner und Verlierer gibt. Das prägt sich gut ein:

Nur wenn der Andere besiegt wird, kann ich selbst Gewinner sein.

Statt fröhlichen Miteinanders trainieren wir dem Kind fröhliches Gegeneinander an und wundern uns, wenn es diese Erfahrung verinnerlicht. Und das betrifft jetzt nur mal die harmloseste Kategorie von angebotenen „Spielen". Da stellen die Ego-Shooter noch eine ganz andere Liga dar! Falls Sie danach suchen sollten, so werden Sie auf dem Markt kaum Spiele mit einem anderen Grundmuster als Gewinnen oder Verlieren finden. Was natürlich immer geht, ist, die Spielregeln zu ändern.
Lernen Sie kritisch zu beobachten! Sie werden dann noch viel mehr Problematisches als nur die Spiele im eigenen Haus und Alltag finden! Denken Sie doch an die Vorlese- oder Erzähl-Geschichten und an Bücher und Filme! Entdecken Sie die Schattenseiten Ihres Alltags, in welchen der Wurm verborgen steckt!