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"LEMUREN", 24. BLOG

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Nicht anders verhält es sich bei der in Indien üblichen Witwenverbrennung, dem „Sati" (nach der Göttin Sati): Die hinduistische Religion besagt, dass eine Frau nach dem Tode ihres Ehemanns nicht weiterleben müsse. Im Gesetzbuch der Hindus wird die Tendenz dieser Aussage dann deutlicher: „Die tugendhafte Ehefrau muss nach dem Tode ihres Herrn nur eine wichtige Pflicht kennen: sich in dasselbe Feuer zu stürzen." Diesem edlen Ziel wird nachgeholfen, indem die Witwe, von Drogen betäubt, vorsorglich bei der Totenfeier ihres Mannes im Scheiterhaufen festgebunden wird.
In Europa war eine durchaus ähnliche Gesinnung verbreitet: In der Edda finden wir den Hinweis darauf, dass bei Baldrs Totenfeier seine Gemahlin Nanna an gebrochenem Herzen starb und auf demselben Scheiterhaufen wie ihr Gemahl verbrannt wurde. bei Sigurds Totenfahrt stürzte sich Brunhild ebenfalls in die Flammen seines Scheiterhaufens. Was diese mythologischen Details an Folgen bezüglich „Sitte und Anstand" für die Witwen nach sich zogen, wissen wir nicht.
Wie der Tod das „nutzlos" gewordene Leben der Sati oder anderer Witwen beendete, so wurden in Europa auch die Hexen durch Verbrennen „vor Schlimmerem bewahrt": Ihr gewaltsamer Tod sollte sie vor weiterer Sünde und damit möglicherweise vor der ewigen Verdammung schützen.

Wie die Geschichte der Frauen weltweit zeigt, waren diese nie und nirgendwo vor sexueller Gewalt sicher, die sich aus dem Vorurteil ableitete, ihr Körper sei nur in Bezug auf einen Mann, auf seinen Genuss oder im Dienste seiner Nachkommenschaft daseinsberechtigt. Für sich allein galten Frauen allenfalls als etwas Überflüssiges, mitunter auch Schlimmeres: als Unreine, Parias oder Verbrecherinnen. Urbild für diese Einschätzung war die Prostituierte, deren Gewerbe genau das Schlachtfeld darstellte, wo männliches Begehren und Frauenverachtung im Kampf aufeinander prallten.
Auch heute noch sind Prostituierte stärker gefährdet als andere Berufsgruppen. Doch welche Gefahren ihnen damals drohten, als die Gottvater-Religionen neu heraufgezogen waren, ist unvorstellbar: Um 450 n. Chr. schrieb das Sittengesetz der Westgoten vor, dass „Huren öffentlich gezüchtigt und ihre Nasen zum Zeichen der Schande aufgeschlitzt werden müssten". Im 12. Jahrhundert galt eine Hure im England König Heinrichs II. noch immer als eine „niedrige und unweibliche Kreatur" und zu den genannten Strafen, die ihr ohnehin drohten, kam noch das Verbot hinzu, sich einen Liebhaber nehmen zu dürfen. Schließlich hätte das ja den Mann gefährdet. Bei Zuwiderhandlung erwarteten sie Geldbußen, Haftstrafen, der Tauchstuhl oder die Verbannung. Später mussten Prostituierte sogar ein besonderes Abzeichen und eine spezielle Haube zu ihrer Erkennung tragen. Zur Zeit des Puritanismus (16. bis 18. Jahrhundert) wurden die Strafen dann drastisch verschärft: Man schnitt Huren von vornherein die Ohren ab, ließ sie auspeitschen, brandmarken und so aus der Stadt jagen oder gleich köpfen. Andere Prostituierte, darunter auch alle vermeintlichen Huren, wurden auf jede erdenkliche Weise gequält und am Ende, wenn sie es überlebt hatten, aufgehängt.
Wenn ein Herr, der die Macht dazu hatte, eine Bedienstete zum Beischlaf zwang und
diese schwanger wurde, konnte er die Vergewaltigte auch noch bestrafen lassen, weil sie gesündigt und ihn überdies „verführt" hatte. Wenn eine solche „Sünderin" nicht an der „gerechten Strafe" starb, war sie ohnehin dem Untergang geweiht, da sie ledig, mit Kind und ohne Arbeit zwangsläufig verhungern oder erfrieren musste. Die Zahl derer, die stattdessen „ins Wasser gingen", dürfte hoch gewesen sein.