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"Lemuren", 23. BLOG

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Während die Beschneidung geographisch begrenzt auftrat, gab es noch andere Formen der sexuellen Gewalt gegen Frauen, die verbreiteter auftraten. Deren brutalste war der Mord.

Wie Rosalind Miles in ihrem Buch, „Weltgeschichte der Frau" schreibt:

Unter dem Patriarchat war Frausein eine lebenslange Strafe, doch lebten viele Frauen nicht lange genug, um sie abzusitzen. In dieser rohen Epoche kam das Frausein oft genug einem Todesurteil gleich. Der Massenmord an weiblichen Kindern war weltweit verbreitet. Von der Zeit der ersten Geschichtsschreibung bis zur Gegenwart war und ist es außerordentlich gefährlich, in Indien, China oder den arabischen Staaten, ja überall zwischen Marokko und Shanghai als Mädchen geboren zu werden. Jahrtausende lang stand im alten China eine Kiste voller Asche neben Geburtsstätten, damit weibliche Neugeborene sofort erstickt werden konnten. In Indien ersann man von Ort zu Ort neue, raffinierte Formen der Kindstötung. Die kleinen Mädchen wurden erwürgt, vergiftet, ins Meer geworfen, im Dschungel ausgesetzt und als rituelles Opfer den Haien zum Fraß vorgeworfen. Oder in Milch ertränkt mit dem frommen Gebet, dass sie als Söhne wiederkehren mögen. Noch im Jahre 1808 fand eine britische Kommission in ganz Kachchh (im westindischen Bundesstaat Gujarat) nur ein halbes Dutzend Häuser, wo die Väter nicht alle Töchter bei der Geburt hatten umbringen lassen.
In jedem einzelnen Fall musste das Opfer auf Befehl seines Vaters sterben, weil ein Mädchen außerhalb von Ehe und Mutterschaft keine Perspektive hatte. Wenn der Vater es schaffte, seine Tochter zu verheiraten, standen ihm ruinöse Geldausgaben bevor. Wenn nicht, öffentliche Schande. Aber die immensen Mitgiftkosten allein erklären nicht, warum das Abschlachten kleiner Mädchen so verbreitet war.

Die Herren der Schöpfung verhinderten auf die beschriebene Weise, dass Mädchen ungefährdet zur Welt kommen konnten. Und sie hatten auch die Macht, die bereits geborenen zu töten. Da fast überall auf der Welt ein Mann der Vormund oder Hüter der vorhandenen Mädchen und Frauen war, gab es für letztere weder ein Einspruchsrecht noch ein Entkommen. Nicht bekannt ist die Zahl derer, die unter den Knuten, Gürteln, Fäusten oder Stiefeln ihrer Väter oder Männer umkamen. Davor schützte nicht einmal ein hoher gesellschaftlicher Rang oder königliches Blut, wie z. B. die russische Prinzessin Jekaterina Michailowna Dolgorukowa erfahren musste, die ihr Gatte, Iwan der Schreckliche, ertränken ließ, weil sie ihn nicht zufriedengestellt hatte. Das Ertränken war auch die bevorzugte Methode beim Sultan des Osmanischen Reichs, missliebige Frauen zu entsorgen: Sie wurden traditionell in Säcke eingenäht und mit Steinen beschwert in den Bosporus geworfen.
Im Mittelalter setzte aber auch der Westen den Wert einer Frau nicht höher an. Der Mann war in jedem Falle der Wertvollere. Wenn z. B. eine Frau mit einem Priester zusammen „gesündigt" hatte, wurde die Frau bei lebendigem Leibe verbrannt, der Priester aber in der Regel begnadigt oder an eine andere Stelle versetzt. Die Begründung: Für eine Frau, die nicht mehr „ihre Bestimmung" als Ehefrau und Mutter erfüllen konnte, weil sie sich durch verbotenen Sex beschmutzt hatte, „war der Tod besser als ein Weiterleben in Sünde".