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"Lemren", 25. BLOG

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Mann und Frau

Woher rührten dieses wahnhafte Vorurteil und der Hass gegenüber Frauen? Sicher, es ging eine sehr lange Zeit voraus, welche von der Kultur der Mutter-Göttin geprägt worden war. Und ebenso, so könnte man argumentieren, wie sich der heranwachsende Junge Schritt für Schritt von der eigenen Mutter löst und als Pubertierender seine Unabhängigkeit ertrotzt, habe sich die Männerwelt nach der matrifokalen Zeit von der alten Urmutter-Gottheit emanzipiert. Doch das erklärt noch nicht die extremen Formen dieser Emanzipation. Das Argument des Sich-Befreiens passt auch nicht zu der völlig anderen Weltsicht der Indoeuropäer, ihrer Kampfverliebtheit, ihrem Über-Mut, ihrer Streitlust. Und es erklärt schon gar nicht die einseitige Verfolgung eines wehrlosen Geschlechts.
Vielleicht müssen wir die Fragestellung etwas verändern. Was hat es denn überhaupt auf sich mit der Besonderheit und der Andersartigkeit von Mann und Frau? Liegt vielleicht in diesem Unterschied eine Möglichkeit, die Jahrhunderte währenden Misshandlungen des weiblichen Teils der Menschheit zu begreifen?
Geht man auf die Suche nach plausiblen Erklärungen für die Unterschiedlichkeit der Geschlechter, so findet man neben plumpen Auflistungen offenkundiger Unterschiede
nur wieder eine Reihe persönlichkeitsspezifischer Phänomene, die zwar hingestellt und ausgeführt, nicht aber ausgewertet werden. Überzeugte Materialisten führen die Unterschiedlichkeit der Geschlechter auf die „messbaren Unterschiede: Gene, Hormone und Gehirn" zurück. Doch dabei taucht dann zwangsläufig die Frage auf, wer zuerst da war, die zufällige Gen- und Säfte-Mischung eines Körpers, der sich damit „seine" Individualität formte, oder die (immaterielle) Persönlichkeit, die sich ihren stofflichen Leib aussuchte. Die vorhandenen „Erklärungen" wollen alle nicht so recht befriedigen.

Einen weiterreichenden Ansatz zu dieser Frage hat uns ganz unbemerkt J. W. von Goethe (1749 - 1832) hinterlassen. Dieses Erklärungsmodell ist ungewöhnlich, aber interessant. Der diesbezügliche Vers aus den „Zahmen Xenien" (veröffentlicht in Schillers „Musenalmanach", 1797) lautet:

Vom Vater hab ich die Statur,
Des Lebens ernstes Führen,
Vom Mütterchen die Frohnatur
Und Lust zu fabulieren.

Die weiteren acht Zeilen sind nur der Vollständigkeit halber beigefügt, sagen aber nichts zu unserem Thema aus:
Urahnherr war der Schönsten hold,
Das spukt so hin und wieder;
Urahnfrau liebte Schmuck und Gold,
Das zuckt wohl durch die Glieder.
Sind nun die Elemente nicht
Aus dem Komplex zu trennen,
Was ist denn an dem ganzen Wicht
Original zu nennen?