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"Die Dreieinige Mutter", 52. Beitrag

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Entsprechend der Sommer-Sonnwende am 21. Juni hat die Sonne nun auch im Tageslauf um 12 Uhr WOZ (Wahrer Ortszeit) den Höchststand erreicht; die größte Lichtfülle ergießt sich über Land und Meer. Es ist zu dieser Zeit schon sehr warm oder sogar heiß. Die Luft flimmert über Wiesen, Feldern und Straßen. Die fundamentalen Naturbedürfnisse des Menschen treten in den Vordergrund, in heißen Gegenden noch stärker als bei uns: Schatten aufsuchen, trinken, ruhen, träumen, schlafen, plantschen und andere. Charakteristisch ist dabei das herabgedämpfte Bewusstsein, das sich auch in den Unfall-Statistiken des Straßenverkehrs niederschlägt. Nicht von ungefähr wird bezüglich der menschlichen Leistung und dem Bewusstseinsstand vom „Mittagsloch" gesprochen und die Betroffenen klagen über Schwerfälligkeit, Verlangsamung des Reaktionsvermögens oder gar Absenzen. Alle Lebensäußerungen und die seelischen Funktionen Denken, Fühlen und Wollen sind herabgedrosselt.

Das Licht plastiziert mittels der Helle und deren Gegenbild, dem Schatten, die Körperwelt grell und scharf heraus. Jeder Fleck, jeder Gegenstand wird gnadenlos belichtet oder beschattet und sowohl für Auge als auch Bewusstsein „überbewertet". Wir werden förmlich erschlagen von der Intensität der optischen Eindrücke, die wir aber unseres gedämpften Bewusstseins wegen gar nicht alle wahrnehmen, geschweige denn verarbeiten oder berücksichtigen können. Dieses „Überschrien-Werden" der Sinne schafft eine Stimmung vergleichbar einer Fata- Morgana: Die klare Unterscheidung zwischen Real und Illusionär, zwischen Wichtig und Bedeutungslos bricht ein. Eine andere Wirklichkeit schiebt sich, willkürlich und unberechenbar, in unsere vertraute Welt herein und gaukelt uns Schein-Wirklichkeiten vor. Erleben wir Realität, Illusion oder gar schon eine „höhere Wirklichkeit", so etwas wie eine Vision, ein Wahrbild? Haben wir es noch mit Erlebnissen oder schon mit Träumen zu tun? Die Dinge fangen an sich zu vermengen. Je greller und schärfer die Konturen der Körperwelt, desto verschwommener werden jene des wachen Bewusstseins. Der Mittag hat eine starke Eigendynamik und trägt solch ein hohes Potenzial an Unberechenbarkeit und Gefahr in sich, dass er die Menschen tatsächlich bedroht, das verraten die genannten Unfall-Statistiken. Daher die Warnung der Mütter früherer Zeiten an die Kinder: „Geht um Mittag ja nicht allein nach draußen! Wenn euch da die Mittagsfrau begegnet!"

Doch hinter dem Mittag verbirgt sich auch noch etwas ganz anderes: Die Mittagszeit trägt ja zugleich etwas tief Poetisch-Romantisches in sich, ein überirdisch verklärtes Locken und Schweben, das sich in der höchsten Lichtfülle aufblühend entfaltet, um nach Kurzem wieder dahinzuschwinden. Es ist wie ein Atem-Anhalten im höchsten Glück und in größter Gelöstheit. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verschwimmen und die Zeit scheint ein paar Herzschläge lang stillzustehen. „Verzauberte Zeit" nannten frühere Dichter das, wenn die Zeit langsamer fließt oder stillsteht. Und doch vergeht sie dann auch wieder so schnell, dass sie schneller als „normal" verflossen sein könnte - wie will man es einschätzen? Oft bleiben im Alltag kleine Erlebnis- oder Erinnerungslücken zurück, weil das Bewusstsein von den mittäglichen Erlebnissen gedämpft wurde.

Auch die Gestalt der Mittagsfrau hat etwas durchaus Zwiespältiges an sich: Einerseits ist sie überirdisch schön und erhaben, Sehnsucht, Wehmut und „schmerzliche Freude" in uns erregend und wir fühlen uns mächtig zu ihr hingezogen. Andrerseits raubt sie uns das Bewusstsein, gaukelt uns Fata-Morgana-Bilder vor, die nicht von dieser Welt sind. Wir können mit dieser Art von Wirklichkeit nicht umgehen. Sie ist uns unheimlich, eben weil sie uns unfrei macht. Daher erleben wir sie als unberechenbar.
So steht also die Mittagsfrau vor uns, halb Göttin, halb Hexe, lockend und zugleich Verwirrung stiftend. Wunderbar und doch erschreckend, öffnet sie uns eine Doppelstunde lang die Türen zur Anderswelt.
Um 13 Uhr, im Zentrum des Mittags, wird aus der Jungfrau- dann die Mutter-Göttin und übernimmt die „Regierung". Im analogen Jahresbereich, dem Juni (Krebs, 22.06. - 23. 07.), reift nun unübersehbar in Wald, Feld und Wiesen eine Fülle an Nahrungsmitteln heran, Geschenke der großen Mutter Erde an ihre Menschenkinder. Solange wir von ihr, der wir unser Menschsein verdanken, abhängen, so lange sorgt sie auch für uns. Und am Ende ihrer Jahres-Regentschaft, im Oktober (Skorpion, 24.10. - 22.11.) feiern wir ihr zu Ehren das Erntedankfest.
Die Tonart, welche dieser höchsten Lichtfülle entspricht, ist A-Dur (3 ♯). Diese wird auch die „hellste" aller Tonarten genannt. In ihr klingt vieles des bereits in Worten Skizzierten an: das Lieblich-Überirdische, die Klänge von höchster Reinheit, die Gefahr des Sich- Neigens oder Untergehens im Augenblick höchster Fülle.