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„Die Dreieinige Mutter", 48. Blog

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Charakteristik der Tageszeiten: 01. Der Morgen

Analog zum Frühlingsanfang am 21. März („März", Widder, 21.03. - 20.04.) mit seiner Tagundnachtgleiche beginnt auch der Tag sein erstes Zwölftel, den MORGEN, mit einer „Gleiche". Es ist die Gleiche von Tag und Nacht, von Hell und Dunkel, die wir während zweier Jahreszeiten, im Frühling und Herbst zwischen 6 und 8 Uhr erleben. Wir nennen sie die Dämmerung.
Dämmerungszeiten sind geheimnisvolle, manchmal auch unheimliche Zeiten, Zwischenbereiche, die sich klarer Einschätzung entziehen und in welchen sich Dinge offenbaren, die wir nicht immer einordnen können. In der keltischen Vergangenheit zählte die Dämmerung zu den „ZEIT-SCHWELLEN", jenen merkwürdigen „Fenstern" oder „Toren", welche sich an der Grenze zwischen „Alltagswelt" und „Anderswelt" befinden. Anderswelt ist dabei der keltische Begriff für das Jenseits, die Geisterwelt, den Himmel mit seinen zahlreichen „Stockwerken". Wegen dieser verschiedenartigen Jenseits-Bereiche war es auch stets ungewiss, welchen Wesen man begegnete, wenn die „Tore" offenstanden. Mit den SCHWELLEN werden wir uns noch intensiver beschäftigen, weil sie ein ganz neues Element in unsere vertraute Zeitbetrachtung einbringen.
Im Frühling wie im Herbst geht das Dunkel um 6 Uhr in die Dämmerung über, die sich nach und nach aufhellt, bis sie sich gegen 8 Uhr in Licht und klare Sicht aufgelöst hat. Zwischen Nacht und Tag steht also die Dämmerung mit ihren verschiedenen Grautönen.
Der Morgen ist damit eindeutig an der Grenze zwischen Tag und Nacht angesiedelt. Mit dem Grau seiner Dämmerungszeit zeigt er an, dass er zu beiden gehört. Das bestätigen dann alle in den folgenden Wochen und Monaten sich anschließenden Morgen, denn gegen den Sommer zu rücken sie immer eindeutiger in den lichten Tag hinein; da rutscht die Dämmerungszeit vor in den FRÜHEN MORGEN oder gar schon in den letzten Teil des Nachtstücks NACH MITTERNACHT. Im Winter aber gehört der Morgen eindeutig zur Nacht und die Dämmerung setzt erst später ein, am FRÜHEN oder SPÄTEN VORMITTAG.

Der Morgen trägt ein Janus-Haupt mit zwei Gesichtern. Seine Stellung zwischen Tag und Nacht bringt es mit sich, dass er für uns viel stärker auch die Schwelle zwischen Vergangenheit und Zukunft bildet, als wir das bei anderen Tageszeiten erleben. Das rührt daher, dass die Nacht stets eine Lücke in unsere mit Bewusstsein durchlebte Biographie reißt, so dass die Ereignisse des Vortags in eine gewisse Erlebnis-Ferne rücken.

Das eine Antlitz des Morgens zeigt uns den Sieg des Lichtes über die Finsternis. Das ist ein aktives, kämpferisches Motiv. Wer sich die Erde Untertan machen und sich auf ihr bewähren will, der folgt dem Motto „Morgenstund hat Gold im Mund". Da ist der Wille gefordert, neue Abenteuer zu bestehen, Heldenmut und Kampfgeist zu entwickeln, den Alltag aktiv zu gestalten. Spricht uns der Morgen in solcher Weise an, so sind wir bereit, die Ärmel aufzukrempeln und zu Taten zu schreiten. Wir erleben den Morgen wie einen Fanfarenstoß und verspüren den Impuls zu handeln. Wir sind persönlich angesprochen und fühlen uns moralisch dem „Langschläfer" überlegen, den wir als „minderwertig" oder Faulpelz einstufen. Was drückt sich in solcher Sichtweise aus? Wir wollen uns dem später, bei der Betrachtung des Abends zu nähern versuchen.

Konträr dazu stellt sich das andere Morgen- Antlitz dar: Hier hat das Erleben etwas Ernüchterndes, Enttäuschendes an sich. Hier richtet sich unsere Orientierung nicht freudig nach vorn, dem werdenden Tag entgegen, sondern bleibt wehmütig rückwärtsgewandt, der Nacht zu, die wir nur widerwillig loslassen. Stehen wir da noch unter dem Einfluss nächtlicher Geheimnisse? Sind wir von ihrer Anziehung, von den Verlockungen der Traumwelt noch so umhüllt? Jedenfalls trauern wir über das Erlöschen und Verblassen ihres Reichtums. Da wirken dann Licht, Aktivität und Alltag wie eine Ohrfeige! Wir erleben so den Morgen als kühl, nüchtern, ernüchternd, ja als langweilig, fade und auf falsche Art ausgewogen. Wir begegnen dem Tag mit Antipathie.