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"Die Dreieinige Göttin", 63. Folge

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Polaritäten und Spiegelungen (1.)

Es sind zwei verschiedene Zeiträume, die wir mit dem Begriff „Tag" belegen, zum einen den Wochentag mit seinen 24 Stunden, zum andern die helle Tages-Hälfte mit den 12 Stunden, das Gegenstück zur Nacht. In beiden verbergen sich sowohl Polaritäten als auch Spiegelungen. Da sie Wesentliches zur Besonderheit der Tageszeiten aussagen, sollen sie hier kurz charakterisiert werden.
Eine fundamentale Zweiheit im Tagesgeschehen ist die von Tag und Nacht. Wir stoßen dabei auf zwei verschiedene Welten. Sie entstehen durch ein feines Geflecht aus Erde, Sonne, Mond und Sternen, die durch ihre Bewegungen und ihr Zusammenspiel unsere Zeit schaffen. Die helle Seite durchleben wir bewusst, die andere im Schlaf. Im Spannungsbogen von Wachen und Schlafen ist unser Lebensfaden gesponnen.

Der lichte (12-Stunden-) Tag, zerfällt ebenfalls in zwei polare Teile, den Vormittag und den Nachmittag. Der Vormittag ist vom Morgen beeinflusst, von dem er ausgeht und den er in Variationen weiterführt: Die Sonne steigt währenddessen höher und höher, bis sie am Mittagshimmel kulminiert. Der Mittag ist die Spiegelungsachse der beiden hellen Tageszeiten. Der Nachmittag geht vom Mittag aus und übernimmt auch dessen Grundmelodie, doch sinkt die Sonne vom Mittag an wieder tiefer, bis sie am Abend den Horizont erreicht und untergeht. Dadurch orientiert sich der Nachmittag mit seiner sinkenden Sonne tendenziell am Abend und nicht am Vormittag. Der erste Tages-Teil ist also von anderer Qualität als der zweite: Nachdem der Tag morgens die Nacht abgelöst hat, schreitet er vom Schlafen zum Wachen und führt in Richtung tätigen Lebens. Der Nachmittag schreitet vom Wachsein auf den Abend und die Nacht zu, wo das Wachen vom Schlaf abgelöst wird. Am Vormittag ist es der Ausgangsort, der die Tageszeit prägt, am Nachmittag das Ziel.
Aber auch die beiden Nacht-Hälften stehen einander polar gegenüber. Hier sind es die beiden Zeiten Später Abend und Nacht vor Mitternacht, die von der Tagseite her kommen und auf die Nacht zu streben. Die Nacht nach Mitternacht und der Frühe Morgen indes kommen von der Nachtseite her, haben aber den Tag zum Ziele.
Die erste Nachthälfte (Später Abend und Nacht vor Mitternacht) ist von ihrer Stimmung her sehr reizvoll und strebt Geheimnissen entgegen, die eine Art Höhepunkt des ganzen (24-Stunden-) Tages darstellen. Der Nachtteil nach Mitternacht hat diesen Reiz nicht mehr. Er fließt „nüchterner" voran. In seinem Dunkel lockt keine Verheißung. Er strebt dem Tag entgegen. Nachtwachen nach Mitternacht sind sehr viel schwieriger zu halten als solche vor der Mitternacht.

Ein deutlicher Gegensatz zeigt sich auch in der ersten Tageshälfte (Morgen, Früher Vormittag, Später Vormittag, 6 - 12 Uhr) und in der ersten Nachthälfte (Abend, Später Abend, Nacht nach Mitternacht, 18 - 24 Uhr). Hier stehen sich zwei Zeitblöcke wie repräsentativ für Tag und Nacht gegenüber. Der Schritt von der Nacht in den Tag und der vom Tag in die Nacht sind Wege in zwei verschiedene Welten. Und doch ist beiden etwas gemeinsam: Sie stellen jeweils einen Neubeginn dar.

Beginnend um 6 Uhr morgens durchmessen wir bis hin zum Mittags- Einschnitt die ersten drei Tages- Zwölftel mit den Zeiten:

Morgen, 6 - 8 Uhr (analog: März = 21. März bis 20. April)
Früher Vormittag, 8 - 10 Uhr (analog: April = 21. April bis 21. Mai)
Später Vormittag, 10 - 12 Uhr (analog: Mai = 22. Mai bis 21. Juni).

Wir konnten bereits kleine Unterschiede zwischen den jeweiligen Zwölfteln feststellen. Was aber ist das Besondere, das hier geschieht? Greifen wir zum besseren Verständnis auf eine Analogie zurück. Wir fassen statt des Tagesbeginns den Lebensbeginn ins Auge. Dort begegnen uns die drei großen Urgebärden des Lernens, die der Mensch von seiner Geburt an pflegt: Aufrichten (= Wollen), Sprechen (= Fühlen) und Denken. Übertragen wir diese auf das beginnende Tagesgeschehen: Da der Schlaf „der kleine Bruder des Todes" genannt wird, könnte man das Aufwachen „die kleine Schwester der Wiedergeburt" nennen. Kaum erwacht, setzt dann auch sogleich der genannte Lernimpuls ein und wir durchlaufen in unterschiedlicher Weise und Intensität Wollen, Fühlen und Denken in den drei Tages-Zwölfteln vom Morgen bis zum Mittag. Dabei leben wir uns tiefer ein in das Tagesgeschehen um uns her. Der Mittag schließt des Zyklus ab und setzt eine Zäsur.