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"Die Dreieinige Göttin, 61. Folge

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Die Nacht nach Mitternacht

Das 11. Zwölftel des 24-Stunden-Tages, die Nacht nach Mitternacht, liegt zwischen 2 und 4 Uhr. Die Mehrzahl der Menschen pflegt in dieser Zeit zu schlafen. Daher ist der Erfahrungsschatz dieses Zwölftel karg. Zum Glück gibt es den zur Nacht analogen Jahreslauf.
Die große Erd-Einatmung, die am Abend zwischen 18 und 20 Uhr begonnen hatte, geht allmählich ihrem Ende entgegen. Die jahreszeitliche Entsprechung dieses Nacht-Teils nach der Mitternacht liegt zwischen 21. Januar und 19. Februar („Januar").
Am 1. Februar begingen die Kelten das große Vorfrühlingsfest Imbolc, das Fest des Lämmersäugens. Bis vor wenigen Jahrzehnten war dieser Termin als „innerer Frühling in der Natur" in den Kalendern vermerkt. So heißt es im „Bauernkalendern" noch heute: „Ab Mariä Lichtmess (2. Februar) steigt der Saft in den Bäumen". Übertragen auf die Tageszeit wäre das etwa Viertel vor 3 Uhr nachts. Was hier als Startschuss zum Beginn des Frühjahrs beschrieben wird, ist in diesem Nachtteil der neue Aufbruch zurück vom Schlafmodus zum Tagesbewusstsein und damit zu unserem irdischen Menschsein.
Zwischen 2 und 6 Uhr ist auch, je nach Jahreszeit und Wetter, die Hauptjagdzeit vieler Raubtiere. Da herrschen in der äußeren Natur atemlose Stille und Gelöstheit.
Der Mensch weilt seit etwa 22 Uhr in Regionen, die er Nacht für Nacht als seine „geistige Heimat" aufsucht, von der er jedoch nichts zu berichten weiß. Im Bett zurück bleibt sein von der Persönlichkeit verlassener, belebter Leib. Wer Schlafende gesehen hat, erinnert sich, dass sich bei ihrem Anblick der Vergleich zu Pflanzen oder Blumen aufdrängt, vor allem bei Kindern. Seele und Geist des Schläfers weilen anderswo. Und immer wieder kehren die Gedanken ahnungsvoll zu der eben durchmessenen Mitternacht zurück, dieser Tages- „Weihnacht" oder auch „Sonnwende der Nacht". - Ein Nietzsche-Gedicht, „Das trunkene Lied", lässt mit seinem „tief - tief - tiefer" etwas von der Stimmung der Mitternacht aufschimmern:
O Mensch! Gib Acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
„Ich schlief, ich schlief -,
Aus tiefem Traum bin ich erwacht: -
Die Welt ist tief,
Und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh -,
Lust - tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit -,
Will tiefe, tiefe Ewigkeit!"

Aus dieser Region der Ewigkeit heraus macht sich der seelisch-geistige Mensch zwischen 2 und 4 Uhr auf eine Art „Rückweg" zur Erde. Das Verlassen der Mitternachts-Mysterien scheint Schmerz zu bereiten. Wer nachts um diese Zeit geweckt wird, fühlt sich im Wachsein an der falschen Stelle und möchte lieber in den Schlaf „zurückkehren". Danach durchmisst der nächtliche Wanderer dann weitere „geistige Landschaften", ähnlich jenen, wie sie in Dantes „Göttlicher Komödie" oder im „Traumlied des Olaf Ǻsteson" besungen sind, und gelangt schrittweise über die Seelenwelt und „das Land des Lebens" (keltische Mythologie) in die „Lehr- und Wanderwelt" seines Erdendaseins zurück.

Und wie verhält es sich nun bei Mutter Erde? Während sie sich am hellen Tage hinter ihren Naturreichen wie „versteckt" und morgens mit ihrem Atemhauch quasi zu den Sternen empor strömt, atmet sie ihr Wesen am Abend tief und tiefer ein. Daher ist sie wesensmäßig in der Nacht am stärksten präsent. Man mag ihr dort sogar begegnen können, das zumindest suggerieren etliche alte Sagen über „Frau Holle" oder „Frau Perchta", welche die heutigen (auch schon wieder überlebten) Begriffe für die Große Mutter sind. Auch diese Begegnung gehört zu den verborgenen Mysterien der Nacht.

Von der Jahreszeit her haben wir nach dem durchlebten Julfest des „Dezember/Januar" mit dem „Januar/Februar" einen echten Neubeginn, dem eine gewisse Frische und Klarheit innewohnt. Die Kälte verbindet uns mit dem Weltenraum und seinen Sternenweiten. Es geht auf ein neues Vegetationsjahr zu. Obzwar äußerlich davon nichts zu sehen ist, kann man es gelegentlich schon spüren. Und ganz selten, je nach Witterung, ist sogar einmal an einem milden Spätnachmittag das Frühlingslied einer Amsel zu hören.

Von der Tonart her erklingt diese Zeit in B- Dur (Vorzeichen: 2 b): Ahnungsvoller Glaube, Liebe und Hoffnung drücken sich darin aus. Es ist die „Tonart des Halbdunkels", des geheimnisvollen „Hochwald- Zwielichts", der heimlichen oder auch unheimlichen Dämmerung, zugleich auch die Tonart völliger Hingabe in der Liebe oder im Glauben. In ihr tönen Weltraum und Gestirne mit. Ihr feierlicher Klang kündet von den Geheimnissen der Nacht und hat doch auch schon die Klarheit des nahenden Tages; immerhin kann dieser Nacht-Teil im Hochsommer Morgenstimmung tragen.