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"Die Dreieinige Göttin", 60. Folge

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Fortsetzung: Die Mitternacht

Aber es geht noch weiter: So, wie von 12 bis 14 Uhr die Mittagsfrau als ganz neue Gestalt neben der Dreieinigen Göttin erschien, so hat sich zur Mitternacht ein weiterer Fremdling eingeschlichen. Während die Mittagsfrau ungeniert mit ihrem Aussehen lockt und blendet und sich üppig mit Licht und Glitzer schmückt, bleibt das Mitternachts-Wesen im Dunkeln. Es will nicht gesehen werden, will unbemerkt beeinflussen. Es wohnt im lebensfeindlichsten Teil des Dunkels, in der erstickenden Schwärze, die das Bewusstsein, den Verstand, die Identität auslöscht. Daher erscheint es bedrohlicher als die Mittagsfrau. Wie letztere der Mutter-Göttin in die Quere kommt, so auch dieses Mitternachts-Wesen. Und wieder sind die Beiden, sind „Gut" und „Böse", nebeneinander kaum zu unterscheiden.

Im Jahreslauf begegnen wir zur Zeit des Sonnentiefststandes dem bedeutungsvollsten aller uns verbliebenen Jahresfeste, dem Jul- oder Weihnachtsfest. Gefeiert wird neben den christlichen Inhalten die Zunahme des Lichts, bei patriarchalisch orientierten Völkern der Sieg des Lichts über die Finsternis, denn ab der Winter-Sonnwende nimmt ja das Licht wieder zu.

Auch die Mitternacht beinhaltet eine festlich-mystische Seite, und was in den Abendstunden erahnt oder ersehnt wird, findet hier seine Vollendung in der „Weihe der Nacht", die wir nur schlafend erleben. Gelangen wir im Tagesbewusstsein in die Mitternacht, so weht uns allenfalls ein unerreichbares Ahnen von Geheimnissen an oder es begegnet uns das vertraute Gruseln. Die Prüfungen in den Mysterienschulen der Vergangenheit dürften um diese Nachtzeit stattgefunden haben. Und so wie im Jahreslauf während der 13 Rauhnächte die große Erden-Mutter - „vermenschlicht" im Bilde der Frau Holle, Frau Perchta, Luzia, Huldr oder anderer - als individuelles geistiges Wesen erlebt wurde, das segnend übers Land zog, so werden Begegnungen zwischen Menschen- und Götterwelt auch zur Mitternacht stattgefunden haben. Daher das Relikt „Geisterstunde" in unserer Sprache als eine in Dekadenz geratene Urerinnerung an die ehemals wohl noch leichter erlebbaren Nachtgeheimnisse. Das „Licht in der Finsternis" ist nach wie vor in der Mitternacht, „im goldenen Herzen der Nacht", zu finden. Diese Nacht wird ja im Volkslied auch als die „gute Mutter" besungen. Im polaren Geschehen von Tag und Nacht repräsentiert sie die viel geschmähte weibliche Seite des Tages, die Mutter, die ihre Kinder - also auch uns Menschen - Abend für Abend in die Arme schließt und am Morgen ausgeruht, gesund und gestärkt entlässt.

Die Tonart der Mitternacht ist Es- Dur (Vorzeichen: 3 b). Sie drückt wie keine andere Tonart die Tragik des Irdischen, der fest gewordenen Erde aus. Düster-leidenschaftlich malen die Klänge Bilder eines aufgewühlten, sturmdurchtobten Meeres oder führen uns „durch Nacht zum Licht". Es-Dur hat etwas Feierlich-Weihevolles, das an das Jul- oder Weihnachtsfest gemahnt, aber auch an ein Empordrängen himmelwärts, an ein kämpferisches Streben zur lichten Welt der Götter.