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"Die Dreieinige Göttin", 59. Folge

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Die Mitternacht

So wie die Mittagszeit nicht symmetrisch um 12 Uhr herum, also von 11 bis 13 Uhr angeordnet ist, sondern die Doppelstunde ab 12 Uhr kennzeichnet, so verhält es sich auch mit der Mitternacht; sie beginnt mit der „Geisterstunde" und endet um 2 Uhr. Im Jahreslauf entspräche ihr die Zeit nach der Winter-Sonnwende von 23.12. - bis 20.01.

So wie der Winter die dunkelste Zeit des Jahres ist, so die Mitternacht die des Tages. Ihr Attribut „Geisterstunde" kennzeichnet eine weitere Schwelle, die vierte Ausnahmezeit im Tageslauf. In ihrer Schwellen-Funktion hält sie zwei grundverschiedene Teile der Nacht auseinander oder zusammen. Das Erleben und Unterscheiden der Mitternacht von dem Nachtteil davor und jenem danach ist allerdings stark eingeschränkt durch die Tatsache, dass wir in dieser Zeit zu schlafen pflegen.

Auf die Frage: „Was passiert denn nun um 24 Uhr?" hätten die Menschen früherer Jahrhunderte vielleicht geantwortet, dass da Geister umgingen, ehemals Lebende, die ihren Leib nicht richtig zur Ruhe brachten und jetzt als Gespenster spukten. Sogar noch im 20. Jahrhundert kam von den Erwachsenen die halb ernst gemeinte Anweisung, man solle unbedingt vor 24 Uhr im Bett sein und auch möglichst schon schlafen, sonst...! Dieses „Sonst" brauchte nicht weiter ausgeführt zu werden, das übernahm dann schon die eigene Fantasie.
Kam man aber doch einmal später heim und erst innerhalb der brisanten Zeit zur Ruhe, so konnte man die durchaus beruhigende Feststellung machen, dass sich weit und breit kein Geist oder Gespenst zeigte. Allerdings - eine gewisse Verunsicherung blieb gleichwohl bestehen und es kostete zur fraglichen Zeit jedes Mal eiserne Disziplin, sich nicht auf den Fluren umzudrehen, in den Zimmern die Ecken scharf zu mustern oder einen scheuen Blick unter das Bett zu werfen.

Der Erwachsene kann um diese Zeit aber durchaus etwas erleben; ab 12 Uhr nachts verändert sich nämlich das Lebensgefühl grundlegend. Was sich dabei verwandelt, ist die in der Regel beruhigende Eindeutigkeit der Wahrnehmung, das Fundament unspektakulärer, alltagsgemäßer Sinneseindrücke. Diese Sicherheit kann um 24 Uhr schnell wegbrechen. Ein schwarzes Tuch, am Abend nachlässig zerknüllt auf einen Tisch geworfen, verliert auf einmal seine harmlose Bedeutung und scheint entgegen aller Logik etwas Anderes sein oder werden zu können! Es hüllt sich in eine Aura innerer Dynamik und fremdartiger Bedeutung, welche ihm nicht zukommt. Und genau hier liegt der Schlüssel zum Verständnis des Spuks: Die althergebrachte feste Bedeutung der Dinge wankt und wandelt sich. Wie zu Mittag das Licht die Körperwelt in scharfe Licht-Schatten-Kontraste taucht und überbetont, so plastiziert die Finsternis der Mitternacht im geborgten Licht von Mond und Sternen oder Lampen und Kerzen die Welt in eine Art Unbestimmtheit zurück. Die Dinge verlieren ihre unschuldige Eindeutigkeit. Das heißt nichts weniger, als dass des Nachts die Grundwerte unseres Alltags ihre Gültigkeit verlieren und der Alltag sein Monopol auf die Wirklichkeit einbüßt. Weitere Anbieter von „Wirklichkeit" treten hinzu. Wem' s da nicht gruselte!

(Fortsetzung "Die Mitternacht" folgt).