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"Die Dreieinige Göttin", 58. Folge

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Diesem Teil der Nacht entspräche jahreszeitlich der November, also die Spanne zwischen 23. November und 22. Dezember.
Tief zieht die Erde noch immer den Atem ein. Die Phase des starken Fühlens und Empfindens ist jetzt vorbei. Im sozialen Geschehen von Gruppen, die um diese Zeit noch miteinander zu tun haben, z.B. in Arbeitskonferenzen, ändert sich der Grundduktus der Gespräche Schlag 22 Uhr: Die Fähigkeit, sich in andere und in fremde Gedankengänge mitfühlend hineinzuversetzen, tritt jetzt zurück; dafür erwacht bei jeder unverstandenen, schwer nachvollziehbaren oder als „blöd" empfundenen Äußerung ein intensives, oft konfrontatives Dagegenhalten der eigenen Meinung. Der Impuls, die eigenen Gedankenbilder bewahren und durchsetzen zu wollen, nimmt zu. Fast gereizt werden eigene Ansichten und Positionen verteidigt; die Schmerz- und Toleranzgrenze für Fremdes sinkt. Mit innerem Feuer stellt sich Gedanke gegen Gedanken, wägt man Ansicht gegen Ansicht ab und spricht gegebenenfalls das „Todesurteil" darüber. Trennendes dominiert, die „antipathische" Seite des Denkens wird deutlich. In den Zeiten Abend, später Abend und Nacht vor Mitternacht (erste Nachthälfte) spiegeln sich Morgen, Früher Vormittag und Später Vormittag (erste Tageshälfte) nicht nur in Bezug auf den Beginn einer tageszeitlichen Hälfte, sondern auch in Bezug auf die seelischen Gebärden Denken, Fühlen und Wollen, mit welchen wir den Zeiten innerlich begegnen.

Eine Reihe festlicher Ereignisse zieht sich, einer leuchtenden Perlenkette gleich, durch das 9. Jahres-Zwölftel: Um den 1. Dezember herum beginnt zunächst der Advent mit seinen stillen Vorbereitungen, den im Kerzenlicht leuchtenden Sonntagen und einer Reihe ehemals lebhafter Bräuche, die leider fast gänzlich verloren gegangen sind. Dazwischen finden sich St. Nikolaus am 6. Dezember und Santa Lucia am 13. Dezember. Letzterer war nach dem julianischen Kalender der dunkelste Tag des Jahres, der Tag vor der Sonnwende. Vom 12. auf den 13. Dezember beginnen die 13 „Dunkel- oder Sperrnächte" und mit ihnen die Zeit einer besonderen Pflege des Mutter-Kults in Brauchtum und Volkskunst, was sich noch bis ins 20. Jahrhundert hineinzog. Die drei Erscheinungsformen der Göttin - Braut, Mutter und Alte - treten uns zwischen 13. Dezember und 6. Januar als verklingende Bräuche um Luzia, Frau Holle und Frau Perchta entgegen: Mit den „Sperrnächten" ab 12./13. Dezember steht die Lichterbraut Santa Lucia vor uns, heute von Skandinavien aus neu nach Mitteleuropa herein wirkend. Diese verwandelt sich nach 13 Nächten in der Mutter- oder Mütternacht (wie der 24./25. Dezember über ganz Europa verbreitet hieß) in Frau Holle, die Mutter mit ihrem Gefolge Tausender „Heimchen". Die Mutternacht ihrerseits leitet die 13 „Rauh- oder Weihenächte" ein. Zum 5./6. Januar verwandelt Frau Holle sich schließlich in die zauberkundige Alte, Frau Perchta, welche die Herrin über Schicksal, Tod und Wiedergeburt ist. Während die 13 Weihenächte erst in die Zeit der „Jahres-Mitternacht", (Dezember) fallen, ziehen sich die Dunkelnächte fast den ganzen November (23.11.-22.12.) durch.

Was sagt das über diesen Nacht-Teil vor der Mitternacht aus? Zunächst einmal, dass jetzt, wo immer weniger Reize von der äußeren Natur und Sinneswelt ausgehen - denn diese liegt brach und manchmal schon unter Eis und Schnee - immer mehr innere Ereignisse und Bilder die Seele erfüllen. Dass die äußere Sonne zwar abnimmt, die innere hingegen wachsen soll. Das erinnert an die Worte des Täufers zu Johanni. Das Licht bereitet sich vor, in der Finsternis aufzuleuchten. Die Samen der Frühlings-Zukunft fangen an zu strahlen, wenn ihre Hüllen zerfallen. Und vielleicht stehen ja nun wirklich die Tore zur Anderswelt offen, wenn so viel „Ungeborenes" ins Dasein drängt.

Die Tonart der Nacht vor Mitternacht ist As-Dur, (bzw. f-Moll, Vorzeichen: 4 b). Sie ist die düsterste aller Dur-Tonarten, diejenige des geistigen Lichtes in tiefster Finsternis. Ihre weihevoll-mystischen Klänge beschwören Ahnungen und Empfindungen herauf, die von der Weihe des nahenden Jul-Festes, unserer Weihnacht, bzw. von den heranrückenden Mysterien der Mitternacht künden. Nach Angaben von Musikkennern kündet As-Dur auch von der Weihe des Gralsgeschehens oder von dem mystischen Schmelz der ersten Liebesnacht.